Kaum Regeln, viel Urlaub: Wie es ist, bei Netflix zu arbeiten

Streamingdienst

Netflix ist nicht nur ein beliebter Streamingdienst, sondern auch ein beliebter Arbeitgeber. Urlaub gibt es dort so viel, wie man möchte. Doch es gibt auch einige Knackpunkte.

28.01.2021, 12:00 Uhr / Lesedauer: 4 min
Netflix ist ein beliebter Arbeitgeber.

Netflix ist ein beliebter Arbeitgeber. © picture alliance/dpa

Serienfans kennen Netflix vor allem als Anbieter ihrer Lieblingsproduktionen. Mit Erfolgsserien wie „House of Cards“, „Dark“ oder „Stranger Things“ spielte sich das Unternehmen in den vergangenen Jahren an die Spitze der Streamingdienste. Allerdings ist Netflix auch in anderen Bereichen Vorreiter: nämlich als Arbeitgeber.

Schaut man sich die Bewertungen auf dem Arbeitnehmerportal „Glassdoor“ an, fällt eine erstaunliche Zahl ins Auge: Rund 70 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden das Unternehmen einem Freund weiterempfehlen, sogar 90 Prozent sind positiv gegenüber dem Geschäftsführer Reed Hastings eingestellt.

Netflix löst Google als beliebtesten Arbeitgeber ab

Aus dem aktuellen Global Brand Health Report geht hervor, dass Netflix im vergangenen Jahr sogar den Giganten Google als beliebtesten Arbeitgeber in der Techbranche abgelöst hat. Für den Bericht wurden 4.100 Menschen aus der Branche befragt, für welche Arbeitgeber sie am liebsten arbeiten möchten. Am Ende wurde ein Ranking erstellt, das Netflix mit Abstand anführt.

Auf Platz zwei der Liste steht nach Netflix die Microsoft-Tochter Github, gefolgt von Unternehmen wie Google, Slack, Microsoft, Apple, SpaceX, Tesla, Twitter und Linkedin. Nicht in die Top 10 geschafft haben es Amazon und Airbnb. Profitiert hätten im Krisenjahr vor allem Unternehmen, die ihren Mitarbeitern Homeofficemöglichkeiten angeboten hätten, heißt es in dem Bericht.

Ungewöhnlicher Managementstil

Das dürfte aber bei Weitem nicht der einzige Grund sein, warum Netflix als Arbeitgeber so ausgesprochen beliebt zu sein scheint. Seit Längerem ist das Unternehmen für einen modernen Managementstil bekannt, der den meisten Arbeitnehmern hierzulande völlig fremd sein dürfte.

„Wie alle erfolgreichen Unternehmen wollen wir die Besten einstellen. Dabei legen wir Wert auf Integrität, Exzellenz, Respekt, Inklusion und Zusammenarbeit. Das Besondere an Netflix ist jedoch, wie sehr wir die eigenständige Entscheidungsfindung unserer Mitarbeiter fördern, Informationen offen, weitläufig und bewusst mit anderen teilen, außerordentlich offen miteinander umgehen, nur äußerst effektive Leute im Unternehmen behalten, Regeln vermeiden.“

Und weiter: „Der Kern unserer Philosophie bei Netflix: Menschen kommen vor Prozessen. Genauer gesagt haben wir wirklich gute Leute, die in einem Dream-Team zusammenarbeiten. Das macht uns zu einem flexibleren und durch Spaß, Stimulation, Kreativität, Zusammenarbeit und Erfolg geprägten Unternehmen.“

Unendlich viel Urlaub

Was das konkret bedeutet, hat das Magazin „Forbes“ bereits vor einigen Jahren in einem Artikel zusammengefasst. Demnach gehe Netflix beim Managementstil völlig andere Wege als andere Großunternehmen. Mitarbeiter würden nicht durch unzählige Regeln gehemmt, stattdessen würden sie mit großen Freiheiten motiviert.

Als beachtlichstes Beispiel dürfte vor allem die unendliche Urlaubsvereinbarung gelten. Mitarbeiter aus dem Finanzwesen würden etwa gebeten, zu den Quartalsabschlüssen vor Ort zu sein – abseits dessen könnten sie sich aber so viel Urlaub nehmen, wie sie wollen. Auch Führungskräfte würden gebeten, mit gutem Beispiel voranzugehen und sich „großzügig frei zu nehmen“.

Nicht jeder geht verantwortungsvoll mit dem Geld um

Auch in anderen Belangen setzt Netflix auf Eigenverantwortung: Dienstreisen etwa buche hier jeder Mitarbeiter selbst – und auch beim Budget gebe es keine Vorgaben. Mitarbeiter sollen Firmengeld vielmehr so behandeln, als ob es ihr eigenes wäre, heißt es in dem Bericht. Nicht immer sei das gut gegangen.

Gelegentlich hätten Vorgesetzte auch mal mit Mitarbeitern sprechen müssen, „die in verschwenderischen Restaurants gegessen haben“, wird die damalige HR-Chefin Patty McCord zitiert, die 14 Jahre lange für das Unternehmen tätig war und die Unternehmenskultur seinerzeit stark geprägt hat. Ebenso hätten IT-Mitglieder dazu geneigt, mehr Geräte als nötig zu kaufen. McCord bestätigt jedoch, dass die Regelungen insgesamt ein Erfolg seien. Bei Netflix herrsche eine Kultur eines hohen Vertrauens.

Ohne Leistung droht die Kündigung

Doch ist im Unternehmen tatsächlich alles so rosig? Mitnichten, denn die ungewöhnlich offene Kultur hat auch ihren Preis – und sorgt regelmäßig für Kritik. Vor allem der Umgang mit den eigenen Mitarbeitern wird häufig kritisiert. Das Unternehmen stelle nur die Besten der Besten ein. Und wer nicht die vereinbarte Leitung erbringe, erhalte die Kündigung – und das vermutlich deutlich schneller als bei manch anderem Unternehmen.

In einer Powerpoint-Präsentation hatte das Unternehmen bereits im Jahre 2009 seine wichtigsten Managementziele deutlich gemacht. Sheryl Sandberg, COO von Facebook, beschrieb diese damals als „wahrscheinlich das wichtigste Dokument, das jemals aus dem Silicon Valley herausgekommen ist“. Darin hieß es unter anderem: „1. Investieren Sie in die Einstellung von Hochleistungsmitarbeitern“ und „2. Bauen Sie eine Kultur auf und pflegen Sie sie, die Leistungsträger belohnt und kontinuierliche, nicht verbesserte Leistungsträger aus dem Weg räumt.“

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In einem Artikel von Harvard Business Review erklärte HR-Chefin McCord später, warum das Prinzip so gut funktioniert. „Wenn Sie darauf achten, Mitarbeiter einzustellen, die die Interessen des Unternehmens in den Vordergrund stellen und den Wunsch nach einem leistungsstarken Arbeitsplatz verstehen und unterstützen, werden 97% Ihrer Mitarbeiter das Richtige tun“, schrieb sie.

Wie eine Sportmannschaft

Die meisten Unternehmen verbrächten endlose Zeit und Geld damit, Personalrichtlinien zu schreiben und durchzusetzen, um Probleme zu lösen, „die die anderen 3% verursachen könnten“. Bei Netflix habe man sich hingegen entschieden, diese 3 Prozent schlichtweg „nicht einzustellen“. Und wenn es doch einmal passieren würde, würde man die betroffenen Mitarbeiter „gehen lassen“.

In der Präsentation des Unternehmens wird auch deutlich, dass Führungskräfte bei Netflix besonders gefordert werden. Ihnen werde empfohlen, sich regelmäßig zu fragen, wie sie reagieren würden, sollte ein Mitarbeiter kündigen. Wenn man nicht engagiert um ihn kämpfen würde, sollte man über Konsequenzen nachdenken.

McCord beschreibt Netflix in ihrem Artikel als professionelle Sportmannschaft, auf der jede Position top besetzt werden müsse.

Merkwürdige Einstellungstests

Um die besten aller Mitarbeiter zu finden, setze das Unternehmen allerdings mitunter auf ungewöhnliche Einstellungskriterien, heißt es in verschiedenen Berichten. Angehenden Kundenservicemitarbeitern würden im Einstellungstest etwa Fragen gestellt wie „Was bedeutet Empathie für Sie?“. Techniker würden gefragt, was sie in der Vergangenheit mal gemacht haben, aber nie mehr wiederholen würden.

Ganz ungewöhnlich ist dieser Managementstil im Übrigen nicht. Auch andere große Techkonzerne wie etwa Google, IBM und Facebook setzen auf volle Leistungen und persönliche Freiheiten. Netflix scheint in dieser Beziehung allerdings am radikalsten zu sein.

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Wer nun allerdings Blut geleckt hat und darauf brennt, als Mitarbeiter beim Streamingdienst einzusteigen, dürfte allerdings enttäuscht werden. Gerade in Deutschland sind die Stellenangebote überschaubar. Für das Büro in Berlin werden allerdings derzeit zwei Stellen ausgeschrieben. Aber natürlich nur für die Besten der Besten.

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