Kleists Beitrag zur „MeToo“-Debatte zieht junge Zuschauer in ihren Bann

„Marquise von O“ in Mülheim

Esther Hattenbach gelingt in Mülheim mit der „Marquise von O“ eine virtuose und spannende Inszenierung – nicht nur für ein jugendliches Publikum.

MÜLHEIM

, 16.02.2018 / Lesedauer: 3 min
Kleists Beitrag zur „MeToo“-Debatte zieht junge Zuschauer in ihren Bann

Joanna Kitzl und Nico Ehrenteit in Mülheim Foto: Grittner

Die Marquise von O ist schwanger, weiß aber nicht, von wem, kann sich an nichts erinnern. Und jetzt sucht sie ihren Vergewaltiger, will ihn gar heiraten. Eine ungeheure Geschichte – vor 210 Jahren, als Kleist sie veröffentlichte, aber auch noch in Zeiten von „MeToo“. Wenn man sie denn so packend und zeitgemäß erzählt wie jetzt Esther Hattenbach in Mülheim fürs Junge Theater an der Ruhr.

Regisseurin verändert gar nicht so viel

Dabei verändert die Regisseurin gar nicht so viel. Es wird, wie ein Schauspieler zwischendurch sagt, „das beste Kleist-Deutsch“ gesprochen. Die sperrige Sprache mit ihren Schachtelsätzen bleibt erhalten, sogar die indirekte Rede. Aber die komplizierten Satzgefüge sind entwirrt, die Einzelteile passgenau fünf Schauspielern in festen Rollen zugeordnet. Da fallen sich auch in einem einzigen Satz schon mal zwei oder auch mehr ins Wort. Von Oliver Kerstan am Drumset unterstützt und angetrieben, feuern die fünf virtuos ihre Sprech-Salven ab.

Heldin ist glaubwürdig

Punktuell weicht Esther Hattenbach modernisierend von der Vorlage ab, damit auch Jugendliche alles mitkriegen. Und das Publikum wird einbezogen. „Hast du mit mir geschlafen?“, wendet sich die Marquise direkt an einzelne Besucher.

Dass das Ganze funktioniert, liegt wesentlich an der Rollenzuordnung. Die Marquise, bei Kleist verwitwet und bereits mehrfache Mutter, ist in Mülheim mit der jungen Joanna Kitzl besetzt. Das macht ihre Empfindung der eigenen Schwangerschaft und auch ihr Verhältnis zur von Gabriella Weber gespielten Mutter, mit der sie sich ein brillantes Wortgefecht liefert, viel glaubwürdiger.

Der Offizier ist ein akrobatischer Superheld

„Ihr“ russischer Offizier tritt als akrobatischer Superheld auf: Nico Ehrenteit springt über Stühle, klettert mühelos Gerüste hoch, bricht durch eine Wand. Auch er eher eine Identifikationsfigur.

Thomas Schweiberer gibt den militärisch-strengen Vater, der je nach Lage der Dinge „allen Russen“ dankt oder aber „dieses ganze Ost-Gesockse“ verdammt. Rupert Seidl brilliert in kleineren Rollen. Eine Kleist-Performance, die über ihre vollen 90 Minuten in ihren Bann zieht. Wow.

Karten gibt´s unter Tel. (02 08) 599 01 88.