Kommt der zweite Lockdown? Statistikexpertin zu steigenden Corona-Zahlen

Lockdown

Die Simulationsexpertin Anita Schöbel warnt im Interview vor falschen Maßnahmen im Angesicht der steigenden Corona-Zahlen. Sie warnt vor mehr Erkrankungen und vielen Toten im Winter.

Deutschland

von Saskia Bücker

, 08.10.2020, 20:00 Uhr / Lesedauer: 4 min
Hotspot Berlin-Friedrichshain: Schärfere Kontaktbeschränkungen sind Experten zufolge bei steigenden Corona-Zahlen unerlässlich, um die Virusausbreitung unter Kontrolle zu halten.

Hotspot Berlin-Friedrichshain: Schärfere Kontaktbeschränkungen sind Experten zufolge bei steigenden Corona-Zahlen unerlässlich, um die Virusausbreitung unter Kontrolle zu halten. © dpa

Deutschland blickt auf eine nackte Kennziffer: 4058. So hoch war die Zahl registrierter Neuinfektionen am Donnerstag (8. Oktober). Sie ist damit über Nacht sprunghaft angestiegen und lag laut Robert-Koch Institut zuletzt bei 2828.

Zahlen, Daten, Formeln sind das Fachgebiet von Professorin Anita Schöbel. Im RND-Interview erklärt die Expertin, worauf es jetzt ankommt, woran kritische Punkte erkennbar sind und wieso ein früherer Lockdown besser wäre als zu langes Warten.

Anita Schöbel ist Leiterin am Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik der Fraunhofer-Gesellschaft und entwickelt auf Basis mathematischer Modelle Prognosen und Szenarien zum weiteren Pandemieverlauf.

Außerdem berät sie mit Modellierern weiterer Forschungseinrichtungen, wie dem Helmholtz-Institut, der Leibnitz-Gemeinschaft und der Max-Planck-Gesellschaft, die Bundes- und Landesregierungen zu geeigneten Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus.

Ende September hat die Expertenrunde bereits in einer gemeinsamen Stellungnahme ein Fazit zu Eindämmungsmaßnahmen in Herbst und Winter veröffentlicht.

Frau Prof. Schöbel, die Zahl der Neuinfektionen steigt täglich. Was sagen Sie dazu?

Es kommt momentan auf jeden Einzelnen an. Wir können das jetzt nur gemeinsam schaffen. Wenn wir uns alle vernünftig verhalten, haben wir viel bessere Chancen, ohne einen weiteren Lockdown gut durch die Pandemie zu kommen.

War der Lockdown im Frühjahr mit Blick auf Datenanalysen rückblickend notwendig?

Der Lockdown ist zur richtigen Zeit gekommen und war in der Situation die einzig sinnvolle Möglichkeit. Im Frühjahr hatten wir sehr schnelle, sehr starke Zuwachsraten.

Hätte die Politik länger gewartet, wären die Zahlen so schnell hochgegangen, dass wir an die Kapazitätsgrenzen bei Intensivbetten gekommen wären. Das denkt man erstmal gar nicht, weil sie ja zum Zeitpunkt der Umsetzung der Maßnahmen nicht einmal zur Hälfte ausgelastet waren.

Exponentielles Wachstum verdoppelt sich aber ständig. Hätten wir nur wenige Tage länger mit dem Lockdown gewartet, wäre es knapp geworden. Auch jetzt könnten wir wieder in so eine Lage kommen.

Was kann jeder im Alltag ganz konkret tun, um einen erneut drohenden Lockdown abzuwenden?

Inzwischen haben wir mehr über das Virus und die Krankheit gelernt. Vor dem Besuch der Großeltern sollten nach Möglichkeit eine Woche lang Kontakte vermieden werden.

Wer sich einen Besuch in einem Lokal oder einer Kneipe gönnt, sollte darauf achten, dass es dort ein vernünftiges Hygienekonzept gibt. Und wir sollten alle radikal unsere Kontakte reduzieren.

Die Berechnungen zeigen: Wenn jeder von uns die eigenen Kontakte konsequent halbiert, und die Gesundheitsämter weiterhin Infektionsketten so effizient unterbrechen wie sie es derzeit tun, könnte der R-Wert unter 1 gedrückt werden.

Eine infizierte Person würde dann weniger als eine weitere anstecken, die Infektionszahlen würden nicht weiter nach oben gehen.

Also sollten wir geplante Geburtstagsfeiern und das nächste Familientreffen lieber absagen?

Ja, absagen oder zumindest den Kreis der eingeladenen Personen verkleinern, also statt 20 lieber 10 Leute einladen. Kontakte zu reduzieren heißt nicht, dass man gar nichts mehr machen darf, sondern einfach weniger.

Gesellschaftlich ist es wichtig, dass alle Menschen ihre Kontakte reduzieren. Das hilft bei der Pandemiebekämpfung.

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Sollte auch auf den geplanten Urlaub in den Herbstferien verzichtet werden?

Das kommt darauf an. Ich rate davon ab, im Urlaub Party zu machen und an der Bar Leute zu umarmen. Aber wer mit dem Auto in eine Ferienwohnung fährt, wandern geht, für sich selbst kocht und mit Maske einkauft, hat weniger Probleme.

Bei Corona sollten wir nicht nur an uns selbst denken, sondern auch an die anderen. Vielleicht stecke ich mich beim Reisen an, bringe das Virus mit und infiziere unwissentlich viele Menschen.

Wo sehen Sie nach den Erfahrungen aus dem Frühjahr kritische Momente im Pandemieverlauf?

Ein Kipppunkt ist weitläufig bekannt: Ist der R-Wert größer als 1, breiten sich die Infektionen exponentiell aus. Das ist aber nicht der einzige Faktor, auf den wir bei Berechnungen achten.

Was passiert, wenn die Gesundheitsämter mit dem Nachverfolgen von Kontakten nicht mehr hinterherkommen, Infektionsketten nicht mehr unterbrochen und potenziell ansteckende Personen nicht mehr isoliert werden? Dann steigt der R-Wert plötzlich drastisch und wir kommen in einen Teufelskreis mit immer höheren Fallzahlen.

Wie schnell man auf einmal wieder in exponentielles Wachstum hineinlaufen kann, zeigt zum Beispiel gerade die Entwicklung in Frankreich.

Welches Vorgehen empfehlen Sie, sollte so ein Kipppunkt erreicht sein?

Geht es um lokale Hotspots und lokal überforderte Gesundheitsämter, würde ich nur dort einen Lockdown empfehlen. Würde die Situation in ganz Deutschland außer Kontrolle geraten, müsste die Politik noch einmal zu härteren Maßnahmen greifen.

Bevor die Situation ganz entgleitet, wäre ein frühzeitiger flächendeckender Lockdown für eine gewisse Zeit eine mögliche Maßnahme. Die Alternative wäre, den ganzen Winter über in Angst und Schrecken zu leben und viel mehr Tote, Kranke und an Spätfolgen leidende Menschen zu haben.

Es gibt Stimmen, die bei so einem Szenario erneut vor brutalen Folgen für die Wirtschaft warnen.

Auch für die Wirtschaft ist es nicht gut, wenn auf einmal alle krank werden. Natürlich will niemand einen zweiten Lockdown. Wir versuchen also, Maßnahmen zu finden, die ein alltägliches Leben ermöglichen und trotzdem effektiv die Pandemie aufhalten.

Dazu können wir nutzen, was wir seit Beginn der Pandemie dazugelernt haben: Etwa, dass Aerosole eine sehr wichtige Rolle bei der Virusübertragung spielen, beim Einkaufen Masken dazugehören und in geschlossenen Räumen möglichst gut gelüftet werden sollte.

Gesundheitsschutz und wirtschaftliche Interessen gehören also zusammen. Wird das ausreichend thematisiert?

Ich habe den Eindruck, dass das bei den wirtschaftlichen Interessenvertretern noch nicht wirklich angekommen ist. Das Abwägen von Maßnahmen ist keine Entweder-oder-Entscheidung. Das Schließen von Restaurants beispielsweise schadet dem Unternehmen zwar kurzfristig.

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Aber längerfristig ist das die bessere Perspektive, also ein kurzer, präventiver, aber effektiver Lockdown. Weil danach das Personal noch gesund ist und sich die Angst der Kunden vor einer Ansteckung bei einem Restaurantbesuch in Grenzen hält.

Kann mit Blick auf die Daten derzeit über weitere Öffnungen diskutiert werden?

Ich finde, es ist gerade nicht der richtige Zeitpunkt, um über Öffnungen zu diskutieren. Es wäre besser, jetzt vorsichtig zu sein und über Einschränkungen nachzudenken, statt über Lockerungen – bevor wir die Kontrolle verlieren.

Warum?

Es ist zu befürchten, dass die Infektionen in den kommenden Wochen weiter hochgehen und auch die Todesfälle. Seit drei Wochen steigen die Todesfälle wieder, vor allem bei den über 80-Jährigen.

Unsere Daten geben es zwar nicht her, die saisonal bedingten Veränderungen des R-Werts zu prognostizieren. Aber die Entwicklungen geben Grund zur Sorge. Vor allem, weil die Menschen im Winter in geschlossenen Räumen sind, nicht mehr ins Freie ausweichen und weniger lüften können.

Was sollte die Politik jetzt konkret tun?

Die Gesundheitsämter können durch das Unterbrechen von Infektionsketten der Gesellschaft und der Wirtschaft helfen, ohne dass härtere Maßnahmen drohen. Sie brauchen also weitere Unterstützung.

Ansonsten empfehle ich, Einschränkungen zu beschließen, die zu weniger Kontakten innerhalb der Bevölkerung führen. Also zum Beispiel die Größe von Veranstaltungen viel stärker zu begrenzen als bislang.

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Große Hoffnung liegt auf einem Impfstoff. Welche Rolle spielt der bei Modellierungen?

Momentan tun unsere Simulationen so, als gäbe es keinen Impfstoff. Noch ist fraglich, wann dieser flächendeckend zur Verfügung steht. Es können auf jeden Fall nicht zeitgleich alle 80 Millionen Menschen geimpft werden. Deshalb wird es nicht so sein, dass wir von heute auf morgen plötzlich alle geimpft sind und die Einschränkungen aufhören.

Es wird eine längere Übergangszeit geben, bei der unsere Modelle hilfreich sein können, um ein gutes Verhältnis von Lockerungen und Maßnahmen zu bestimmen.

RND

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