„Kommt Großexperiment gleich“: Ärzteverein warnt vor zu schneller Impfstoffzulassung

Coronavirus

Der Verein Ärzte für individuelle Impfentscheidungen warnt vor einer vorschnellen Zulassung der neuen Corona-Impfstoffe. Wegen fehlender Daten zur Sicherheit sei eine Impfung derzeit nur bei Risikogruppen vertretbar.

Hannover

04.12.2020, 11:57 Uhr / Lesedauer: 4 min
Die Bevölkerung flächendeckend zu impfen, käme einem Großexperiment gleich, warnt der Verein Ärzte für individuelle Impfentscheidung.

Die Bevölkerung flächendeckend zu impfen, käme einem Großexperiment gleich, warnt der Verein Ärzte für individuelle Impfentscheidung. © picture alliance/dpa

Der Verein Ärzte für individuelle Impfentscheidung hat sich in einer Stellungnahme gegen Eilverfahren bei der Zulassung von Corona-Impfstoffen ausgesprochen. Im Interview erklärt Vorstandsmitglied Stefan Schmidt-Troschke, welche Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit ihm noch fehlen. Ferner müsse jeder gründlich über die möglichen Risiken vor einer Impfung aufgeklärt werden, fordert der Kinder- und Jugendarzt.

Viele Menschen erwarten sehnlich die Zulassung einer Corona-Impfung. Ihr Verein warnt in einer Stellungnahme davor – was sind Ihre Bedenken?

Wir wollen keine Spielverderber sein, wir würden uns ja auch eine Impfung wünschen. Was wir kritisieren, ist die Eile, mit der hier vorgegangen wird. Es gibt großen politischen Druck und wir befürchten, dass trotz der dünnen Datenlage Impfstoffe zugelassen werden, über deren Wirkung und Sicherheit noch zu wenig bekannt ist. Für Impfungen gilt, dass sie grundsätzlich höheren Anforderungen genügen müssen, als ein Medikament zur Behandlung von Krankheiten. Schließlich werden sie bei gesunden Menschen angewendet und dürfen nicht mehr Schaden als Nutzen anrichten.

Die Behörden betonen aber, dass trotz der schnellen Entwicklung bei der Sicherheit keine Abstriche gemacht werden.

Das wage ich aber doch zu bezweifeln. Wir kritisieren unter anderem die beschleunigte Zulassung im Rolling-Review-Verfahren durch die Europäische Arzneimittelagentur, die zwangsläufig auf die Kosten von Qualität und Sicherheit der Impfstoffe geht. Es handelt sich noch dazu um völlig neue Arten von Impfstoffen wie mRNA-, DNA- und Virusvektorimpfstoffe. Deren Entwicklung ist technologisch hochkomplex und es gibt keine Erfahrungen mit einer massenhaften Anwendung. Nun sollen sie Millionen von Menschen verabreicht werden.

Wenn alle üblichen Standards eingehalten würden, würde die Entwicklung von Impfstoffen Jahre dauern. Ist es nicht verständlich, dass man versucht, eine Immunisierung schneller verfügbar zu machen?

Das ist es sicherlich, es gilt dann aber, den Nutzen und die Risiken sorgfältig abzuwägen. Wenn ein Impfstoff im Eilverfahren zugelassen wird, aber noch Daten fehlen, ist allenfalls eine Impfung besonders gefährdeter Bevölkerungsgruppen vertretbar.

Soll man Menschen, die sich impfen lassen wollen, aber keiner Risikogruppe angehören, die Impfung folglich verweigern?

Nein, aber wenn man trotz der lückenhaften Datenlage flächendeckend impfen will, kommt das einem Großexperiment gleich. Man muss den Menschen dann ganz klar sagen, dass sie im Grunde Teilnehmer eines Versuchs sind und das Ganze muss unter Studienbedingungen durchgeführt und gut überwacht werden.

Es ist in jedem Fall dringend erforderlich, alle möglichen Nebenwirkungen zu erfassen. Wir begrüßen hierbei den Plan von Jens Spahn, Meldungen zu unerwünschten Nebenwirkungen in einer zentralen Datenbank zu sammeln, die für alle Bürger zugänglich sein soll.

Wir fordern aber auch, dass dies sehr sorgfältig und unter Studienbedingungen geschieht. Außerdem muss es für die Bürger niedrigschwellig möglich sein, Nebenwirkungen selbst zu melden. Vielleicht könnte das Ganze von einer unabhängigen Stelle überwacht werden.

Welche Daten zu den Impfstoffen fehlen denn eigentlich?

Zum einen fehlen umfangreichere Langzeitstudien zur Sicherheit und Verträglichkeit. Bei allen drei vor der Zulassung stehenden Impfungen liegen außerdem keine validen Aussagen darüber vor, ob wir die Risikogruppe der Alten und Schwerkranken in relevanter Weise schützen können.

Auch ist nicht klar, ob jemand, der geimpft ist, das Virus trotzdem weiter übertragen und andere anstecken kann. Das ist bei einigen Impfungen, wie zum Beispiel der Keuchhustenimpfung, der Fall. Im Hinblick auf die Ausbreitung des Virus wäre das eine äußerst wichtige Information.

Biontech gibt doch zum Beispiel an, dass seine Impfung auch bei älteren Versuchsteilnehmern eine gute Wirksamkeit hatte.

Es handelt sich dabei offenbar um Zwischenstände aus laufenden Studien, die sich so nicht ohne weiteres einordnen lassen. Die Informationen werden in Pressemitteilungen übermittelt, während die Studien nicht für die Öffentlichkeit einsehbar sind. Vor diesem Hintergrund sollten keine politischen Entscheidungen getroffen werden.

Sie kritisieren in Ihrer Stellungnahme auch die geplanten Reihenimpfungen in Impfzentren.

Impfzentren werden darauf ausgerichtet sein, möglichst schnell möglichst viele Impfdosen zu verabreichen. Sie müssen dann eine bestimmte Quote erfüllen. Meine große Sorge ist, dass dort keine richtige Beratung stattfinden wird und es keinen Raum gibt, um Fragen zu stellen. Ich bin nicht grundsätzlich gegen Impfzentren, aber die Leute müssen ihre Fragen stellen können und nicht nur einseitig und gegebenenfalls manipulativ informiert werden. Das könnte zum Beispiel auch über eine unabhängige Beratungshotline geschehen.

Verstehen Sie die Ängste vor einer möglichen Impfpflicht?

Ja, das kann ich gut nachvollziehen. Eine Impfpflicht wäre ein Verstoß gegen das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit. Die fände ich nur in absoluten Ausnahmefällen vertretbar. Bei einer Krankheit wie Ebola, die 10, 15 oder sogar 20 Prozent der Erkrankten tötet, könnte man über so etwas nachdenken. Nicht aber beim Coronavirus, wo die Sterblichkeit irgendwo zwischen 0,2 oder 0,5 Prozent liegt. In den höheren Altersgruppen ist die Sterblichkeit natürlich höher. Aber denen könnte man die Impfung ja auch zugänglich machen.

Eine allgemeine Impfpflicht wird es aus diesen Gründen wohl auch nicht geben. Allerdings könnten zum Beispiel Ärzte oder Personal in Alten- und Pflegeheimen dazu verpflichtet werden.

Es gibt auch bereits eine Airline, die Reisende zu einer Impfung verpflichten will. Wir sehen das sehr kritisch. Grundrechte wie die Reisefreiheit oder der Zugang zu bestimmten Berufen dürfen nicht an eine Impfung geknüpft werden. Und das Recht auf Selbstbestimmung gilt auch für Angehörige der medizinischen Berufe.

Aber gefährden nicht-geimpfte Pfleger oder Ärzte nicht alte Menschen?

Es ist schon jetzt ein guter Schutz durch Hygienemaßnahmen, Schutzkleidung und Masken möglich. Und zum jetzigen Zeitpunkt ist ja nicht einmal klar, ob das Virus nicht trotz Impfung weiter übertragen werden kann. Die Impfung von medizinischem Personal wäre dann nicht nur sinnlos, sondern man würde sich auch noch in falscher Sicherheit wiegen.

Sie stehen auch einem Immunitätsnachweis kritisch gegenüber.

Schon deshalb, weil wir ja gar nicht wissen, wie lange eine Immunität nach einer durchgemachten Infektion anhält und wie sie sich bestimmen lässt. Und wir wissen erst Recht nicht, wie lange ein möglicher Impfschutz anhalten würde. Ein Immunitätsnachweis, der sich am Antikörperspiegel orientiert, hätte schon wenige Monate später keine Aussagekraft mehr. Sinnvoll wäre es aber, den Immunstatus vor einer Impfung festzustellen.

Warum?

In einigen Fällen könnte eine „Überimpfung“ mit Nebenwirkungen drohen, wenn jemand die Infektion schon auf natürlichem Wege durchgemacht hat. Wir wissen noch zu wenig über die Corona-Impfstoffe, um das ausschließen zu können.

Großbritannien hat die Impfung bereits zugelassen. Ist die EU nicht doch zu vorsichtig?

Die Briten sind offenbar bereit, höhere Risiken einzugehen. Das hat sich schon früh beim Umgang mit Covid-19 gezeigt und zeigt sich jetzt wieder bei der Zulassung der Impfung.

Wenn wir nicht oder noch nicht flächendeckend impfen sollen, was sollen wir denn sonst tun, um Corona einzudämmen?

Ich würde die Strategie stärker auf den Schutz der Risikogruppen konzentrieren. Dafür können auch Schnelltests eingesetzt werden, etwa bei Besuchen in Alten- und Pflegeheimen. Ich glaube, dass wir mit den richtigen Maßnahmen im Kleinen schon viel erreichen können und dann nicht die Gesellschaft komplett lahmlegen müssen.

Für die am wenigsten gefährdeten Teile der Bevölkerung könnte gelten: AHA-Regeln einhalten, aber das normale Leben weitgehend wieder aufnehmen. Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben. Jedenfalls sollten wir keine Normen aufgeben, für die wir lange gekämpft haben: So wie die Sicherheit von Medikamenten oder die individuelle Freiheit. Wir sollten den Bogen nicht überspannen.