Zwei Bocholter AfD-Kandidaten wider Willen?

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In Bocholt haben sich zwei Personen gemeldet, die nichts von ihrer AfD-Kandidatur gewusst haben wollen. Auch in anderen Städten stehen einige Leute offenbar wider Willen auf der AfD-Wahlliste.

von Renate Rüger

Bocholt

, 23.08.2020, 15:40 Uhr / Lesedauer: 2 min

Bocholts AfD-Chef Martin Myhre und Vize Andé Ludwig haben dafür nur eine Erklärung: Die Leute hätten Angst, Ärger zu bekommen und wollten sich nun aus der Affäre zu ziehen.

Direkt nach der Veröffentlichung der ersten Ratskandidaten im Bocholter Borkener Volksblatt meldete sich eine 25-Jährige: Wie kommt mein Name dahin?, wollte sie von der Redaktion wissen, die auf die städtischen Bekanntmachungen verwies.

Dann müsse sie sich wohl an ihren Nachbarn, den AfD-Gemeindeverbands-Chef Martin Myhre, wenden, erklärte die Frau. Der habe sie um eine Unterstützungsunterschrift für seine damals noch angestrebte Bürgermeisterkandidatur gebten. Sie habe nur das unterschrieben und keine weiteren Formulare.

Am Freitag rief auch ihr 27-jähriger Freund an, der im selben Haus wohnt. Er befürchte, dass sein Name ebenfalls als AfD-Kandidat auftaucht. Und: Er sei kein Kandidat.

Auch er habe nur seine Unterstützung für Myhre als Bürgermeisterkandidat kundgetan. „Ich habe mir das, was ich unterschrieben habe, genau angesehen“, sagt der 27-Jährige. Von einer Kandidatur sei da keine Rede gewesen. Er überlege nun, Anzeige zu erstatten.

Der WDR berichtet von ähnlichen Fällen – „unfreiwilligen Kandidaturen“ in Dormagen, Warburg und Rommerskirchen, das Westfalen-Blatt von einem weiteren in Steinhagen.

Von Nachbarn, die mal eben um eine Unterschrift gebeten hätten, ist da die Rede. Einige geben zu, das Unterschriebene nicht richtig gelesen zu haben, alle beteuern, einer Kandidatur nie zugestimmt zu haben.

Und doch scheint klar: Die betreffenden Wahlämter haben die nötigen Einwilligungen der Kandidaten. So ist es auch hier: „Der Stadt Bocholt liegen formell wirksame Zustimmungserklärungen vor“, erklärte Stadtpressesprecherin Amke Derksen auf Anfrage. Darin stimmten die Bewerber ihrer Benennung ausdrücklich zu. „Diese Zustimmungserklärungen sind unwiderruflich.“

AfD dementiert

An den Behauptungen der zwei Bocholter Kandidaten sei nichts dran, sagt denn auch AfD-Chef Myhre. „Das hat keine Substanz.“

Zwei Mal hätten die beiden Kandidaten unterschrieben. Und diese Unterschriften seien echt. Es könne auch kein Missverständnis vorliegen. Nur: „Die Kandidaten sind nicht davon ausgegangen, dass ihre Kandidatur in der Zeitung breitgetreten wird.“

Und einigen sei nicht klar gewesen, was für ein Druck durch das Bekanntwerden der Kandidatur in der Familie oder am Arbeitsplatz entstehe, ergänzt Ludwig. Er und Myhre hätten versucht, den Leuten im Vorfeld klarzumachen, dass sie als AfD-Kandidaten mit sozialer Ächtung rechnen müssten. Nun, da es konkret werde, versuchten sie „aus der Nummer rauszukommen“.

Er sei den Leuten deshalb nicht böse, sagt Myhre. „Ich denke, das ist eine Panikreaktion.“ Er könne verstehen, dass die beiden sich deshalb eine Ausrede hätten einfallen lassen.

Kandidaten standen unter Druck

„Die standen unter enormen Druck.“ Warum die Frau in Dormagen die gleiche Nachbargeschichte erzählt hat wie die Bocholterin? Ja, die Leute benutzten halt immer wieder die gleichen Ausreden, sagt Myhre.

Als Polizist beobachte er das auch, wenn er Leute beim zu schnellen Fahren erwische. „Den Leuten fällt einfach nichts Besseres ein.“

Laut Ludwig hat im Juni/Juli auch Myhre selbst unter erheblichem Druck gestanden, weshalb er seine geplante Bürgermeisterkandidatur aufgab. Als „rechtsradikaler Polizist“ sei Myhre im Internet diffarmiert worden, erklärt Ludwig.

Außerdem sei Myhre immer wieder mit dem parteilosen Stefan Bambuch in Verbindung gebracht worden. Deshalb und „um weiteren Schaden bei der Dienststelle zu vermeiden“ habe man nun keinen AfD-Bürgermeisterkandidat. Myhre selbst wollte sich zu diesem Thema nicht äußern.

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