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Leben unter Hochspannung

Legden Sie ist eine unheimliche Nachbarin: drahtig, unübersehbar groß, manchmal Funken stiebend, dann wieder leise vor sich hin flüsternd, immer unter Hochspannung und nie im Urlaub. Die 220 KV-Leitung quer durch das Wohngebiet Waldkrone macht den Anwohnern Angst - erst recht, nachdem die RWE einen Ausbau zur Höchstspannungsleitung angekündigt hat.

29.02.2008

Leben unter Hochspannung

<p>Anni Kersting lebt seit über 30 Jahren "unter Strom". </p>

"Wir haben alle gehofft, dass das Ding ganz wegkommt", sagt Gregor Schmeddes und blickt durch das Wohnzimmerfenster geradewegs auf den Hochspannungsmasten. "Statt dessen wollen die noch aufrüsten", ergänzt er und schüttelt müde den Kopf. "Die", das sind die RWE Transportnetz Strom GmbH aus Dortmund. Bis 2017 will das Unternehmen fast drei Milliarden Euro bundesweit in den Ausbau des Höchstspannungsnetzes investieren - unter anderem auch in die Nord-Süd-Leitung Diele-Niederrhein, die quer durch Legden führt.

Und entlang der Haustüren von Schmeddes und seinen Nachbarn. Manche von ihnen hatten dort in den 70er Jahren gebaut, andere sind dort bereits geboren - immer unter der unheimlichen, fast 80 Jahre alten Leitung. Ob man die irgendwann gar nicht mehr wahrnimmt? Das Knacken bei Regen nicht mehr hört und den Funkenflug bei Nacht nicht mehr sieht? Schmeddes schüttelt langsam den Kopf. "Das ist immer da" - genauso wie die Sorge, dass Elektrosmog krank macht.

Rätselhafte Todesfälle

Schmeddes schluckt, schweigt einen Augenblick - und erzählt dann doch: Er selbst leide seit einigen Jahren an Krebs, seine Frau sei vor 20 Jahren an einem Gehirnschlag gestorben - beides keine Einzelfälle, wie Margret Liebermann bestätigt, die einige Häuser weiter fast genau neben dem Kinderspielplatz wohnt - ebenfalls nur einen Steinwurf vom glühenden Draht entfernt.

Vor etwa 20 Jahren habe die Nachbarschaft bereits ans Gesundheitsamt geschrieben. Mehrere Todesfälle seien damals rund um die Waldkrone zu beklagen gewesen. "Auch ein Arzt hat uns in der Vermutung bestärkt, dass das kein Zufall sein könnte", so Liebermann. Die Behörden hätten das aber anders gesehen - "und wir wohnen weiter in Angst".

Eine Angst, die die Gemeindeverwaltung Legden teilt. "In Niedersachsen hat der Landtag Ende vorigen Jahres ein Gesetz beschlossen, wonach neue Hochspannungsleitungen von Einzelhäusern mindestens 200 Meter und von Wohnsiedlungen 400 Meter entfernt sein müssen", berichtet Bürgermeister Friedhelm Kleweken. Andernfalls müssten die Kabel unter die Erde verschwinden, was nach Angaben von RWE-Sprecher Marian Rappl allerdings vier- bis zehn Mal so teuer komme.

Politiker sagen Nein

"Was dort richtig ist, kann bei uns ja nicht falsch sein", beharrt der Bürgermeister. Einstimmig hat der Bauausschuss eine Bauvoranfrage der RWE zum Netzausbau abgelehnt - allerdings ein Votum ohne aufschiebenden Charakter. "Wir wollen, dass die Bezirksregierung Münster ein Raumordnungsverfahren anordnet, an dem auch die Öffentlichkeit beteiligt wird", ergänzt der Bürgermeister.

Anni Kersting, deren Schlafzimmer gerade einmal 20 Meter vom Verteilermast entfernt ist, freut sich über die Unterstützung der Politiker - bleibt aber skeptisch. Seit 1972 sei die Hochspannung ihr ständiger Begleiter - und mit ihr Kopfschmerzen und Schlafstörungen. Dass das einmal aufhören könnte, "das wäre fast zu schön, um wahr zu sein". sy-

Leben unter Hochspannung

<p>Um den zusätzlichen Strom, den die Windräder an der Nordsee produzieren, Richtung Süden transportieren zu können, will die RWE Milliarden in den Ausbau des Stromnetzes investieren: vom Hoch- ins Höchstspannungsnetz. MLZ Fotos (2) Lüttich-Gür</p>

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