Long Covid: Das Rätsel um die Kosten von Corona-Spätfolgen

Coronavirus

Eine Corona-Infektion kann lange Folgen haben, um das sogenannte Long Covid machen sich Wissenschaftler Sorgen. Dabei ist unklar, was genau der Begriff bezeichnet – und wie groß die Risiken sind.

Berlin

15.11.2020, 08:28 Uhr / Lesedauer: 4 min
Manche Corona-Patienten ringen lange mit den Folgen der Infektion.

Manche Corona-Patienten ringen lange mit den Folgen der Infektion. © picture alliance/dpa

„Ich gehe, als hätte ich zwölf Kölsch intus“ – so beschrieb kürzlich Thomas Thielen gegenüber der „Ostsee-Zeitung“ die Folgen einer Corona-Infektion. Noch viele Wochen nach der eigentlichen Genesung plagten den Leverkusener Unternehmer diffuse Symptome, unter anderem hatte das Erinnerungs­vermögen massiv gelitten. Es ist eine von vielen Geschichten über Covid-19-Genesene, die auch lange nach der Infektion noch nicht wieder fit sind. Mit solchen sogenannten Long-Covid-Erkrankungen könnten auch hohe Kosten für Gesundheits­systeme und durch Arbeitsausfälle einhergehen. Doch die kann bislang niemand so wirklich beziffern, obwohl es besorgnis­erregende Verdachts­momente gibt.

Die Spurensuche beginnt mit den zahllosen Publikationen rund um das Thema Long Covid. Längst ist Fachleuten klar, dass eine Corona-Infektion nicht zwangsweise nach den oft zitierten zwei Wochen vorbei ist. Einerseits, weil die Erkrankung an Organen langfristige Schäden verursachen kann, wie das Robert-Koch-Institut schreibt.

Und andererseits, weil selbst nach leichten Verläufen längerfristig Müdigkeits­erscheinungen, Merkstörungen, Gedächtnis­probleme oder Wortfindungs­störungen beobachtet würden. Selbst nach milden Erkrankungen betreffe das etwa 10 Prozent der Corona-Infizierten, heißt es beim RKI unter Verweis auf Daten aus England. Andere Studien, etwa aus der Schweiz, deuten darauf hin, dass der Wert noch deutlich höher sein könnte.

Viele Kosten noch kaum berechenbar

Abseits des menschlichen Leids, dass damit einhergeht, wirft das auch die Frage nach möglichen Kosten auf. Schließlich müssen Langzeitfolgen behandelt werden, zugleich fallen Arbeitnehmer im Beruf aus. Ersteres ist derzeit kaum bezifferbar: Es werden längst nicht alle Long-Covid-Symptome unter den gleichen Diagnoseschlüsseln verbucht. Das RKI empfiehlt ausdrücklich, Corona-Spätfolgen entlang der einzelnen spezifischen Probleme zu betrachten, das bringt eine Erfassung unter einer Vielzahl unterschiedlicher Diagnoseschlüssel mit sich.

Eine umfangreiche Auswertung von Long-Covid-Kosten wird laut Fachleuten deshalb wohl noch monatelang auf sich warten lassen. Auch inwiefern sich Rehabehandlungen, die bei Patienten wie Thomas Thielen notwendig waren, in Mehrkosten für das Gesundheits- und Rentensystem niederschlagen, kann die Deutsche Renten­versicherung auf Nachfrage bislang nicht beziffern.

Zu den Kosten durch Arbeitsausfälle hingegen gibt es erste Schätzungen in Gestalt einer bislang wenig beachteten Publikation des Wido-Forschungsinstituts der Krankenkasse AOK: In den zehn ersten Wochen nach der eigentlichen Genesung von Covid-19 lag demnach der Krankenstand bei den 27.300 bei der AOK versicherten (vermeintlich) Genesenen im Durchschnitt bei 3,5 Prozent. Bei Beschäftigten, die nicht nachweislich mit dem Coronavirus infiziert waren, seien es 2,6 Prozent gewesen.

„Somit haben Covid-19-erkrankte AOK-versicherte Erwerbstätige einen um mehr als ein Drittel höheren Krankenstand als die AOK-versicherten Erwerbstätigen ohne Covid-19-Erkankung“, bestätigte ein Sprecher des AOK-Instituts. Ein um ein Drittel erhöhter Krankenstand wäre in der Tat bemerkenswert, wie Fachleute bestätigen. „Bezüglich des finanziellen Risikos bedeutet jeder zusätzliche Fehltag insbesondere für die Unternehmen einen zusätzlichen Kostenfaktor auch schon deshalb, weil die fehlende Arbeitskraft ersetzt werden muss“, betont man beim Wido denn auch auf Anfrage.

Arbeitsausfälle könnten teuer werden

Noch sind aufs Jahr und auf die Gesamtwirtschaft gerechnete Prognosen quasi unmöglich, weil niemand weiß, was jenseits der von der AOK untersuchten Zehn-Wochen-Frist geschieht. Eine konservative Überschlagsrechnung ermöglicht aber eine Annäherung: Nimmt man an, dass nach den zehn Wochen sämtliche Probleme verschwunden sind, hätten Covid-19-Genesene aufs Jahr gerechnet einen um etwa 6 Prozent erhöhten Krankenstand.

Rechnet man das auf die gesamte Erwerbsbevölkerung hoch, würde das entlang von Zahlen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz (Baua) in einem milliarden­schweren Wertschöpfungs­verlust resultieren. Denn schon ohne Coronavirus brocken Krankheitsausfälle der hiesigen Wirtschaft jährlich um die 145 Milliarden Euro Einbußen ein.

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So schlimm kommt es wohl nicht. Die Bundesrepublik verzichtet auf eine natürliche Herden­immunitäts­strategie, trotz höherer Infektionszahlen bleiben weite Teile der Bevölkerung von einer Infektion verschont. „Auch angesichts der zwischen März bis einschließlich August 2020 geringen Betroffenheit scheint das finanzielle Risiko vergleichsweise überschaubar. Nur 0,5 Prozent der AOK-versicherten Erwerbstätigen waren von Covid-19 betroffen“, sagte der Sprecher des AOK-Instituts.

Aktuell könne Covid-19 deshalb nicht als Kostentreiber verantwortlich gemacht werden. „Allerdings bleibt abzuwarten, wie sich die Pandemie entwickelt“, sagt er – und mahnt: „Auch die langfristigen Folgen könnten langfristige Kosten auch für die gesetzlichen Krankenversicherungen nach sich ziehen.“

Prognosen sind mit Vorsicht zu genießen

Das sieht Boris Augurzky ähnlich: Wegen der aktuell bislang nicht so hohen Fallzahlen seien die Kosten durch langfristige Covid-Erkrankungen und Covid-Folgen keine große Belastung. „Ich erwarte schon, dass das deutlich steigen wird. Immerhin stehen wir gerade am Anfang einer zweiten Welle, die heftiger als die erste ist“, so der Gesundheits­ökonom von RWI-Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen. Ihm ist aber wichtig, dass aussagekräftige Prognosen noch sehr schwierig sind: „Es ist eine neuartige Krankheit, deshalb sind viele Auswirkungen schwer einschätzbar, und man muss sich immer fragen, was statistisch relevant ist“, meint Augurzky.

Tatsächlich können andere Krankenkassen auf Anfrage die Daten der AOK nicht bestätigen. Dort heißt es von Fachleuten, dass die Analysen des AOK-Instituts meist sehr gut seien – in dem Fall aber schlicht die notwendigen Angaben für eine Überprüfung anhand der Daten der eigenen Versicherten fehlen würden. Auch dass Corona-Infektionen zwischenzeitlich mit einer Vielzahl verschiedener Diagnosecodes verbucht wurden, mache die Vergleichbarkeit nicht größer, heißt es.

Gewerkschaften wollen mehr Absicherung

So bleiben die Kosten, die Long Covid in der Arbeitswelt verursacht, vorerst noch unklar – zumal weder Behandlungskosten noch die Kosten durch Rehaaufenthalte bislang beziffert werden können. Auch haben besonders die Krankenkassen 2020 bislang einen insgesamt gesunkenen Krankenstand registriert. Für die Kassen hat die Kostenseite derzeit wohl ohnehin keine hohe Priorität. „Auf der Einnahmeseite bricht bei den Krankenkassen gerade viel weg. Das sind Rieseneffekte. Ich gehe davon aus, dass das die Kassen stark belasten wird“, warnt Augurzky angesichts steigender Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit.

Besorgter ob möglicher Langzeitfolgen von Corona-Infektionen sind Gewerkschaften: Bei Verdi plädieren Fachleute dafür, Covid-19 als Berufskrankheit anzuerkennen. Zumindest bei nachgewiesenen Ansteckungen auf der Arbeit könnte das dafür sorgen, dass die Unfallversicherung auch die Kosten für eine eingeschränkte Erwerbsfähigkeit nach einer Covid-19-Erkrankung übernimmt.

In finanzieller Hinsicht würde das Beschäftigten mit Long Covid mehr Absicherung bieten als die einfache Krankenversicherung. Der Vorstoß der Gewerkschaften steckt allerdings noch in den Kinderschuhen. In der jüngsten Ausgabe der Verdi-Mitgliederzeitschrift erklärte Verdi-Expertin Katrin Willnecker, sie rechne frühestens in einem Jahr mit der Anerkennung als Berufskrankheit.

RND

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