Mehrfacher Missbrauch: Was ist aus dem Fall „Pfarrer Wehren“ geworden?

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Die Bombe platzte vor gut 16 Monaten: Das Bistum Münster teilte seinerzeit mit, dass Theo Wehren, der über 30 Jahre Pfarrer in St. Helena Barlo war, mehrere Kinder missbraucht haben soll.

von Ludwig van der Linde

Bocholt

, 22.11.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Bombe platzte vor gut 16 Monaten: Ende Juni letzten Jahres teilte das Bistum Münster mit, dass Theo Wehren, der über 30 Jahre Pfarrer in St. Helena Barlo war, mehrere Kinder missbraucht haben soll.

Erst da wurde auch bekannt, dass der zuvor beliebte Priester schon 1976 wegen sexueller Handlungen an Minderjährigen verurteilt worden war. Dennoch blieb er im Amt. Was hat sich jetzt in vergangenen 16 Monaten getan?

Die Gespräche und Fragen sind deutlich weniger geworden, aber sie reißen nicht ab“, sagt Rafael van Straelen (51), Dechant für das Dekanat Bocholt und Pfarrer der Liebfrauen-Kirchengemeinde, zu der St. Helena gehört. Er war es, der im Juni 2019 das Schreiben, das am Grab Wehrens gefunden wurde, an den Interventionsbeauftragten des Bistums Münsters, Peter Frings, und den Generalvikar des Bistums Münster, Dr. Klaus Winterkamp, weiterleitete, nachdem es der Finder bei ihm abgegeben hatte. „In dem anonymen Schreiben wirft der Autor Pfarrer Wehren sexuellen Missbrauch vor. Wer es verfasst hat, weiß ich nicht“, erinnert sich van Straelen.

Menschen in der Pfarrgemeinde waren geschockt

Beim Bistum Münster hatten sich bereits Anfang 2013 und im März 2019 zwei Männer gemeldet, die angaben, mindestens einmal von Wehren missbraucht worden zu sein. Nach dem anonymen Schreiben reagierte das Bistum und lud am 2. Juli 2019 die Pfarrgemeinde Liebfrauen zu einer Versammlung ein, um über die aktuelle Entwicklung zu berichten. Rund 250 Besucher kamen in den Barloer Bürgersaal.

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„Man spürte, dass die Menschen irritiert und geschockt waren“, sagt van Straelen, der an dem Abend gemeinsam mit Peter Frings und Michael Sandkamp vom Generalvikariat die Fragen der Bürger beantworte. „Aber viele Fragen blieben offen und sind bis heute ungeklärt“, sagt der Dechant.

Kinder aus Tschernobyl ins Pfarrheim geholt

Seit dieser Zeit hätten sich persönlich keine Missbrauchsopfer von Pfarrer Wehren an ihn gewandt, sagt van Straelen. Aber das sei auch nicht verwunderlich. „Man kann nicht verlangen, dass sich die Opfer melden. Und wenn sie es doch tun, dann werden sie sich sicherlich nicht an einen Mann der Kirche wenden“, fügt der Pfarrer hinzu.


Er betont aber auch: „Daraus, dass sich keiner meldet, kann man nicht schließen, dass es keine Opfer gegeben hat.“ Auch nach seiner Verurteilung 1976 habe Theo Wehren immer wieder Heimkinder oder Kinder aus Tschernobyl, wo 1986 der Reaktorunfall geschah, zu sich ins Pfarrheim geholt. Auch Kinder aus Ferienfreizeiten hätten bei ihm übernachtet.

Spielplatz in Barlo wurde umbenannt

In den Tagen und Wochen nach dem Bekanntwerden der Vorfälle habe er viele Gespräche mit Menschen aus Barlo und der Pfarrgemeinde Liebfrauen geführt. Die Kommission, die Ende September 2019 gegründet wurde, um die Missbrauchsfälle im Bistum Münster zu untersuchen, habe um Unterstützung gebeten. „Die Kontaktdaten wurden in allen Kirchen und Einrichtungen ausgelegt. Außerdem haben wir damals am Ende der Gottesdienste auf die Kommission hingewiesen“, so van Straelen.

In Barlo selbst wurde der Spielplatz in der Nähe der Kirche, den Theo Wehren mit aufgebaut hatte und der nach seinem Spitznamen „Kapi“ (Kurzform von Kaplan) benannt wurde, im März dieses Jahres umbenannt. Er heißt jetzt Spielplatz St. Helena Barlo. „Wir haben auf dem Spielplatz auch einen Wimpel und ein Holzbrett entfernt, auf denen der Namen ,Kapi‘ zu lesen war“, berichtet van Straelen.

Viele Gespräche vor der Namensänderung geführt

Der Namensänderung seien viele Gespräche über Wochen in den verschiedenen Gremien und Gruppen vorausgegangen. „So eine Maßnahme reicht nicht aus, um den Opfern gerecht zu werden. Das, was ihnen passiert ist, ist schlichtweg ein Verbrechen“, sagt der Dechant.

Im Spätherbst 2019 hat auch die Kirchengemeinde Liebfrauen eine achtköpfige Arbeitsgruppe „Missbrauch“ ins Leben gerufen. Der geplante erste öffentliche Gesprächsabend musste im März wegen Corona ausfallen. Er fand am 29. September in der Aula des St.-Josef-Gymnasiums unter Corona-Schutzmaßnahmen statt. 35 Besucher kamen.

Mit dabei als Ansprechpartner waren neben Michael Sandkamp vom Generalvikariat des Bistums Münster Erika Kerstner, Gründerin der Initiative Gewaltüberleben der Christinnen, und Martin Schmitz, Initiator der Rheder Selbsthilfegruppe gegen sexuellen Missbrauch im kirchlichen Zusammenhang. „Der nächste Gesprächsabend soll am 16. März 2021 stattfinden“, kündigt Pfarrer Rafael van Straelen an.

Urteil von 1976: Wehren gesteht 20 Missbrauchsfälle

Pfarrer Theo Wehren musste sich am 10. November 1976 vor dem Bocholter Jugendschöffengericht verantworten. Zum damaligen Zeitpunkt war er gut ein Jahr als Seelsorger in Barlo tätig. Der damals 46-Jährige wurde wegen sexueller Handlungen an Kindern in insgesamt 20 Fällen zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt, die das Gericht zur Bewährung aussetzte. Außerdem musste er eine Geldstrafe in Höhe von 1000 DM an den Förderverein der Bewährungshilfe in Bocholt zahlen. Das geht aus dem Urteil hervor, das der Redaktion anonym zugesandt wurde.

Das Gericht hatte keine Bedenken, die Strafe zur Bewährung auszusetzen. Denn es nahm an, dass Wehren von dem Verfahren und der Verurteilung so beeindruckt und gewarnt sei, „dass er in Zukunft keine strafbaren Handlungen der festgestellten Art mehr begehen wird“. „Besonders positiv“ sei zu berücksichtigen, dass Wehren sich nach eigenen Angaben freiwillig in fachärztliche Behandlung begeben habe. Ob das tatsächlich der Fall war, ist bis heute nicht geklärt.
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