Nachhaltige Ernährung: Diese Lebensmittel und Gerichte haben die günstigste Klimabilanz

Klimaschutz

Frische Lebensmittel mit kurzen Transportwegen haben meist den günstigsten CO₂-Abdruck. Doch die Klimabilanz von Produkten zu ermitteln ist nicht immer leicht. Eine einheitliche Kennzeichnung könnte helfen.

von Irene Habich

, 09.11.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 4 min
Frische Lebensmittel mit geringen Transportwegen haben laut einer Studie die geringste CO₂-Bilanz.

Frische Lebensmittel mit geringen Transportwegen haben laut einer Studie die geringste CO₂-Bilanz. © picture alliance/dpa

Muss man wirklich auf Fleisch- und Milchprodukte verzichten, um sich nachhaltig zu ernähren? Und wie klimafreundlich ist Bio? Das Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (Ifeu) hat in einer Studie den ökologischen Fußabdruck von 200 Lebensmitteln und Gerichten ermittelt. Darin zeigte sich, dass Fleisch und Milchprodukte das Klima tatsächlich am stärksten belasten – es gibt aber Unterschiede.

Den mit Abstand ungünstigsten CO₂-Abdruck haben demnach Rindfleischprodukte und Tiefkühlfisch. Schweinefleisch und Hühnerfleisch erwiesen sich als deutlich weniger klimaschädlich, hatten aber immer noch höhere CO₂-Werte als vegetarische Ersatzprodukte wie Soja oder Tempeh. Und: Biofleisch war nicht klimafreundlicher, sondern hatte sogar einen höheren CO₂-Abdruck. Schuld daran ist der größere Flächenbedarf in der Biolandwirtschaft. Dies werde aber unter anderem durch den geringeren Pestizideinsatz im Bioanbau wieder ausgeglichen, führen die Autoren der Studie aus.

Frisches und regionales Obst und Gemüse mit günstigster Klimabilanz

Obst und Gemüse hatten wie erwartet die günstigste Klimabilanz – vor allem, wenn sie frisch eingekauft wurden. Schlechter waren die Werte für Konserven in Glas oder Dose. So hätten Einwegverpackungen aus Metall oder Glas „in vielen Fällen einen größeren Klimaeffekt als das eigentliche Lebensmittel“, schreiben die Autoren.

Tendenziell hat regionales Obst und Gemüse eine etwas bessere Klimabilanz. Wobei sich Transportwege innerhalb Europas kaum auszuwirken scheinen, umso stärker aber die Anbaumethode: Wintertomaten aus dem Gewächshaus in Deutschland waren um ein Vielfaches klimaschädlicher als Freilandtomaten aus Südeuropa.

Vermeiden sollte man eingeflogenes, tropisches Obst: Eine per Flugzeug gelieferte Ananas hat einen 25-mal höheren CO₂-Abdruck als eine, die per Schiff importiert wird. Und auch die Beilage kann die Klimabilanz einer Mahlzeit beeinflussen. Die Studienautoren empfehlen, Reis durch Nudeln, Kartoffeln oder Dinkel zu ersetzen.

Realistische Einschätzung einzelner Lebensmittel kaum möglich

Mit einer CO₂-Kennzeichnung wäre es möglich, auf den ersten Blick zu erkennen, ob ein Lebensmittel klimafreundlich produziert wurde oder nicht. Einige Hersteller machen dazu bereits freiwillige Angaben. „Es fehlen aber einheitliche Standards“, sagt Achim Spiller, Professor am Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung der Georg-August-Universität Göttingen. „Einige schreiben auf ihr Produkt 30 Prozent weniger CO₂, wobei Vergleichswerte fehlen. Bei anderen heißt es ‚klimaneutral‘, weil sie für eine CO₂-Kompensierung zahlen. Und manchmal beziehe sich die CO₂-Reduzierung sogar nur auf die Verpackung.“

Auch für Milchprodukte und Tofu fordern Experten eine verbindliche Angabe auf der Verpackung.

Auch für Milchprodukte und Tofu fordern Experten eine verbindliche Angabe auf der Verpackung. © picture alliance / dpa

Eine realistische Einschätzung der Klimawirkung einzelner Lebensmittel sei so kaum möglich, sagt Spiller: „Die Kennzeichnung muss einheitlich und außerdem verpflichtend sein. Sonst besteht die Gefahr, dass gerade bei schlechtem CO₂-Profil keine Kennzeichnung vorgenommen wird.“

Eine einheitliche und verbindliche Kennzeichnung fordert auch der wissenschaftliche Beirat des Landwirtschaftsministeriums für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz, dem Spiller angehört. Da eine Kennzeichnung jedes einzelnen Produkts recht kompliziert wäre, schlägt der Agrarbeirat vor, Produktgruppen zu kennzeichnen. Dabei würde auf der Verpackung eine allgemeine CO₂-Bilanz für Milch, Hühnerfleisch oder Tofu angegeben.

Uni-Professor empfiehlt Ampelsystem

Spiller empfiehlt ein Ampelsystem, bei dem der CO₂-Abdruck mit einer gewissen Spannbreite geschätzt und eine Farbe zugeteilt wird, die auf den ersten Blick gut für die Verbraucher sichtbar wäre. Grün würde für einen geringen CO₂-Abdruck stehen, Rot für einen hohen. „Auch wenn dafür nicht stets der exakte CO₂-Abdruck ermittelt würde, wäre das für die Verbraucher hilfreich“, sagt Spiller. „Ziel ist es ja, dass man sich über die Auswirkung seines Ernährungsstils bewusst wird.“

In einem zweiten Schritt könnten Hersteller von Produkten, die besonders klimafreundlich sind, die Klimabilanz genauer bestimmen und mit guten Werten werben. Über eine CO₂-Kennzeichnung wird momentan noch im Bundestag beraten: Ein Hersteller von Hafermilch hatte eine Petition dazu eingereicht.

US-Start-Up entwickelt Hackfleischimitat

Sojawürstchen oder Grünkernbratling sind besser für die Umwelt, schmecken aber nicht jedem. Das amerikanische Start-up Impossible Foods hat deshalb ein Hackfleischimitat entwickelt, das genauso schmecken soll wie echtes Fleisch. Laut Impossible Foods ist der rote Blutfarbstoff Hämoglobin für den typischen Fleischgeschmack verantwortlich. Sein Hackimitat auf Sojabasis reichert es daher mit pflanzlichem Hämoglobin an.

Produziert wird dieses von genmanipulierten Hefen, in die Soja-DNA-Fragmente eingeschleust wurden. Burger mit dem Impossible-Foods-Fleisch werden in den USA bereits verkauft. Um eine Zulassung für den europäischen Markt bemüht sich das Unternehmen momentan noch. Weil es sich um ein gentechnisch erzeugtes Produkt handelt, sind die Hürden dafür recht hoch.

Insekten: Reich an Protein und Mikornährstoffen

Insekten lassen sich nachhaltig produzieren und sind gesund: Sie liefern hochwertiges Protein, dazu Ballaststoffe und Mikronährstoffe wie Kupfer, Eisen, Magnesium, Mangan, Phosphor, Selen und Zink. Noch dazu sollen sie, richtig zubereitet, sehr lecker schmecken. In Deutschland ist Insektennahrung relativ neu. 2018 gab es erstmals Insektenburger zu kaufen: aus nachhaltig gezüchteten Buffalowürmern, produziert vom Osnabrücker Unternehmen Bugfoundation.

Seitdem wurde an der Rezeptur gearbeitet, der Burger soll bald wieder erhältlich sein. Beim Ulmer Start-up Catch your bug kann man online unter anderem Mehl aus Mehlwürmern, getrocknete Wanderheuschrecken oder Insektenproteinsnacks bestellen. Insekten müssen in der EU als Novel Food zugelassen werden, dürfen aber dank einer Übergangsregelung bereits verkauft werden.

Ist gesundes Essen generell teurer?

Es stimmt, wer beim Einkaufen nicht auf den Preis achten muss, hat es oft leichter, sich ausgewogen zu ernähren. Der Besuch im Biosupermarkt kostet einiges mehr als der Wocheneinkauf im Discounter. Aber: Gesunde Lebensmittel müssen nicht immer teuer sein. Einige Regeln für eine ausgewogene Ernährung schonen sogar den Geldbeutel.

Wer zum Beispiel weniger Fleisch isst, ernährt sich meist nicht nur gesünder, sondern gibt auch weniger aus. Und frisches und saisonales Obst und Gemüse aus der Region ist nicht nur vitaminreicher und schmackhafter – es kostet oft auch nicht viel. Das liegt daran, dass das Angebot meist groß ist und die Transportwege kurz sind. Tipp: Auf dem Wochenmarkt senken viele Händler kurz vor Verkaufsschluss noch einmal die Preise.

Fertiggerichte aus dem Supermarkt enthalten oft viel Salz, Zucker und künstliche Zusatzstoffe. Gleichzeitig sind sie teurer als eine selbst gekochte Mahlzeit. Das gleiche gilt für den Burger im Fast-Food-Restaurant. Wer sich angewöhnt, regelmäßig selbst zu kochen, tut daher nicht nur seiner Gesundheit etwas Gutes, sondern spart außerdem Geld.

Beim Essen sparen lässt sich auch, indem man Abfälle vermeidet. Wer zu große Mengen auf einmal einkauft, wirft nachher die Hälfte weg. Nachhaltiger und sparsamer ist es deshalb, bei frischen Lebensmitteln öfter und weniger auf einmal einzukaufen.

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