Neunfacher Vater schießt auf SEK-Beamten – dabei steht er unter Polizeischutz

hzProzess in Essen

Ein neunfacher Vater schießt aus seiner Wohnung auf SEK-Beamte. Bis das Magazin seiner Waffe leer ist. Die Hintergründe des Falls sind bizarr. Der Mann stand eigentlich unter Polizeischutz.

Essen, Gladbeck

, 02.04.2020, 15:01 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es hätte ein Blutbad werden können: Am 4. Dezember 2019 hat ein neunfacher Familienvater aus Gladbeck aus seiner Wohnung heraus auf SEK-Beamte geschossen. Am Donnerstag ist der 51-Jährige verurteilt worden.

Die Richter am Essener Schwurgericht haben viereinhalb Jahre Haft verhängt – wegen versuchten Totschlags. Richter Jörg Schmitt sprach bei der Urteilsverkündung von einem „Augenblicksversagen“. Der Angeklagte habe keinesfalls vorgehabt, Polizisten zu erschießen. Das hätte aus Sicht der Richter auch keinen Sinn gemacht.

Nachbarn wollten nachts Wache schieben

Der 51-Jährige hatte seit Wochen Polizeischutz erhalten. „Wir sind überzeugt, dass seine Familie massiv bedroht worden ist“, so Schmitt. Die Nachbarn, die davon ebenfalls wussten, hatten sich sogar bereit erklärt, nachts Wache zu schieben.

Außerdem gibt es Videos, auf denen Männer mit Waffen zu sehen sind. Die Botschaft: Wir kommen vorbei. Du kannst die Särge schon bestellen – auch für Deine Kinder. Absender waren offenbar zwei verfeindete Familien aus Holland und Berlin.

Jetzt lesen

Frau aus Berlin hatte Anzeige erstattet

Das SEK war am Ende nur deshalb ausgerückt, weil zwischenzeitlich bekannt geworden war, dass auch der Gladbecker Drohungen verschickt haben soll. In Berlin war eine Frau zur Polizei gegangen und hatte Anzeige erstattet.

Die Beamten wollten die Wohnung des Angeklagten daraufhin nach Waffen durchsuchen. Damit hatte der 51-Jährige natürlich nicht gerechnet. Richter Schmitt: „Wir sind überzeugt, dass er angenommen hat: Jetzt kommt die andere Familie und legt los.“

Die ersten Schüsse seien deshalb vielleicht noch nachvollziehbar gewesen. Spätestens als sich die Beamten jedoch als Polizisten zu erkennen gegeben hätten, hätte der Angeklagte aufhören müssen. Doch das habe er nicht getan. Tatsächlich hatte er sich erst ergeben, als das Magazin seiner Waffe leer war – nach sechs Schüssen.

Jetzt lesen

SEK-Beamte schossen nicht zurück – wegen der Kinder

Das SEK war damals mit 21 Mann angerückt – um sechs Uhr morgens. Die Erdgeschosswohnung des Angeklagten war komplett umstellt. Draußen war es noch stockdunkel. Dann ging alles ganz schnell.

Die Tür und ein Fenster wurden eingeschlagen, doch hinein kamen die Beamten nicht. Der Angeklagte hatte sofort das Feuer eröffnet. Ein Beamter, der sich im Garten aufgehalten hatte, wurde getroffen. Dass er nicht schwer verletzt worden ist, hat er nur seiner kugelsicheren Schutzweste zu verdanken.

Zurückgeschossen wurde nicht. Die Beamten hatten zwar wohl das Mündungsfeuer gesehen, wussten aber auch, dass sich in der Wohnung Kinder aufgehalten haben.

Schmerzensgeld zugesichert

Nach rund 25 Sekunden war alles vorbei. Der Angeklagte kam in gebückter Haltung auf die Polizisten zu, legte seine Pistole auf den Boden und ergab sich.

„Ich kann mich nur entschuldigen“, sagte er im Prozess. Dem leicht verletzten Beamten hat er 2500 Euro Schmerzensgeld versprochen. Die ersten 500 Euro hatte er im Prozess gleich mit dabei.

Lesen Sie jetzt