Noch mehr Krise oder Erholung? So fühlen sich Corona-Sommerferien an

Coronavirus

Das Coronavirus hat das Leben für Eltern und Kinder ordentlich durcheinandergebracht: Eine Teenagerin, eine Mutter und eine Lehrerin erzählen, wie sie die Ferien im Corona-Sommer verbringen.

von Leonie Schulte

, 22.07.2020, 07:52 Uhr / Lesedauer: 4 min
Einlassstopps, Maskenpflicht und Mindestabstand machen die Sache mit den Ausflügen und Urlauben in diesem Sommer nicht leichter.

Einlassstopps, Maskenpflicht und Mindestabstand machen die Sache mit den Ausflügen und Urlauben in diesem Sommer nicht leichter. © picture alliance/dpa

Vielerorts beginnen gerade die Sommerferien oder stehen kurz bevor. Nordrhein-Westfalen hat die Hälfte schon rum – Schüler, Schülerinnen und Lehrkräfte sind also seit mehr als vier Monaten zu Hause. Wie fühlen sich Sommerferien an in Zeiten von Corona: endlich Erholung oder weitere sechs Wochen Krise? Eine Teenagerin, eine Mutter und eine Lehrerin erzählen.

Macht gerade … nichts

Lilith ist 15 und bald Zehntklässlerin an einer Gesamtschule:

„Schon der letzte Schultag war irgendwie anders. Sonst verabschieden wir uns alle, umarmen uns noch mal. Auch die, mit denen man eher weniger zu tun hat. Es war eh nur ein Teil meiner Klasse da, weil wir ja in Kleingruppen unterrichtet wurden, und da haben wir alle nur kurz Tschüss gesagt. Ich habe das Gefühl, wir in unserer Klasse haben uns in der Corona-Zeit irgendwie auseinandergelebt. Mit ein paar Freundinnen hatte ich die ganze Zeit über Kontakt, aber alle anderen aus der Klasse sind irgendwie nicht mehr so wichtig. Mit denen habe ich auch jetzt in den Ferien keinen Kontakt.

Und auch wenn ich froh bin, dass ich gerade kein Homeschooling habe, sind die Ferien trotzdem scheiße. Ich kann nicht ins Freibad, wir fahren auch nicht in den Urlaub. Die meiste Zeit sitze ich zu Hause, räume auf, höre Musik oder mache einfach nichts. Manchmal treffe ich mich mit Freunden, gehe reiten oder wir fahren zum Kanal. Aber vieles, was wir sonst so machen, geht jetzt nicht oder ist echt anstrengend.

"Ich bin von all den Einschränkungen nur genervt"

Auf Shoppingtouren mit Maske habe ich keine Lust – genauso wenig auf die Leute, die unterwegs sind. Ich habe das Gefühl, gerade bei uns Jugendlichen sind sie besonders kritisch. Wie oft ich schon komisch angeguckt wurde, weil ich mit zwei, drei Freundinnen draußen unterwegs war. Ich bin von all den Einschränkungen nur genervt, aber manche Freundinnen von mir sind in der Corona-Zeit und auch jetzt echt ein bisschen depressiv geworden. Die waren ohne Grund traurig, saßen nur auf dem Bett und haben die Wand angestarrt.

Und es ist jetzt auch nicht so, dass ich mich aufs kommende Schuljahr freuen könnte. Ich glaube nicht, dass es normal weitergehen wird, und mache mir Sorgen um einige meiner Mitschüler. Meine Noten sind ganz gut, ich bekomme ziemlich sicher die Qualifikation für die Oberstufe. Aber bei den anderen ist das nicht so klar, und wenn es so weitergeht, wie es vor den Ferien war, dann stehen die Noten ja eh schon fest. Das Zeugnis jetzt war so gut wie identisch zu dem Halbjahreszeugnis. Das heißt, keiner hat die Chance, sich wirklich zu verbessern. Das ist natürlich mies.“

Bespaßt die Kinder am Tag und lernt in der Nacht

Lena ist 40 Jahre alt, Studentin und Mutter von zwei Kindern (7,11):

„Wir hampeln rum – ich denke, das beschreibt es am besten. Schön ist es, dass wir keine Aufgaben im Homeschooling haben. Das entspannt unsere Lage etwas. Gleichzeitig aber sind die Sommerferien bei uns immer stressig, weil dann meine Prüfungszeit in der Uni beginnt. Frei habe ich also nicht. Und in diesem Jahr ist es noch schwieriger, weil die Kinder kaum Ferienprogramme besuchen können, ich sie also die meiste Zeit um mich herum habe.

Oft lerne ich daher nachts oder am Tag, wenn die Kinder beschäftigt sind. Bis Freitag hatte ich auch noch Präsenzzeiten in Onlineseminaren. Da war dann der Dozent quasi dabei, während der Übernachtungsbesuch durchs Haus lief und ich vier Kindern die Haare gekämmt habe. Zum Glück sind viele Dozenten recht entspannt dabei. Ich hatte sogar den Eindruck, sie finden es ganz nett, so an dem Leben ihrer Studenten etwas teilnehmen zu können. Nur ich habe echt gebraucht, um eine gewisse Gelassenheit zu entwickeln.

Ich versuche allem irgendwie gerecht zu werden. Das gelingt mir aber nicht immer. Dann raunze ich meine Tochter an, weil sie etwas zu essen will, ich aber gerade die wichtigsten Infos zur Klausur mitbekommen muss. Oder die Kinder wissen gar nicht mehr, wo sie spielen können, weil mein Mann gerade oben am Telefon sitzt und einen wichtigen Call mit seinem Chef hat und ich unten versuche zu lernen.

Hygienregeln: "Er darf keinen Kontakt zu den anderen Kindern haben und sitzt beim Mittagessen allein "

Wir bauen aber zumindest hin und wieder freie Tage ein, an denen wir auch mal Ausflüge machen. Aber auch hier versuchen wir uns zumindest im Groben an die Maßnahmen zu halten, vermeiden also große Parks und viel frequentierte Spielplätze. Das macht die Sache mit den Ausflügen in diesem Sommer nicht leichter.

Am meisten tun mir in dieser Zeit die Kinder leid – zumal ich nicht so optimistisch bin zu glauben, dass sich an ihrer Situation so schnell etwas ändern wird. Mein großer Sohn kommt zwar gut allein klar und liest auch gern mal mehrere Stunden lang ein Buch, aber gerade deshalb wäre es für ihn so wichtig, dass er regelmäßig unter Kinder kommt.

Immerhin kann er in dieser Woche an einem Ferienprogramm teilnehmen. Allerdings wurde das Konzept dazu noch vor den ganzen Lockerungen verabschiedet – und danach nicht noch mal überarbeitet. Daher sind die Hygienemaßnahmen noch immer sehr streng: Es findet nur im Freien statt, er darf keinen Kontakt zu den anderen Kindern haben und sitzt beim Mittagessen allein auf seiner Decke.

Und wenn es regnen sollte, werden die Kinder nach Hause geschickt. Trotzdem geht er gern hin. Seit Corona scheinen die Kinder solche Programme doch ein bisschen mehr zu schätzen.“

Endlich kein schlechtes Gewissen

Aline ist 40 Jahre alt, Grundschullehrerin und Mutter von vier Kindern (7,11,16,18):

„Endlich kann ich auch mal ohne schlechtes Gewissen zu Hause sein – dafür sind die Ferien schon gut. In der Corona-Zeit habe ich viel gearbeitet, war aber natürlich mehr zu Hause als sonst. Schön war das nicht. Ich hatte immer das Gefühl, eigentlich noch mehr machen zu müssen: mehr vorbereiten, die Kinder noch mehr voranbringen und mich mehr kümmern.

Wir haben viele Kinder auf unserer Schule, die dem Jugendamt bekannt sind. Ich habe mich ständig gefragt, wie es denen wohl geht. Diese Sorgen sind in den Ferien etwas in den Hintergrund gerückt. Natürlich sind die Probleme dann nicht weg, aber vielleicht kommen die Kinder dann mal raus, fahren in den Urlaub oder zu den Großeltern.

"Gedanklich bin ich die ganzen Ferien über eigentlich auf der Arbeit"

Zumindest ist das eine Situation, die auch diese Familien kennen und nicht, wie in der Corona-Zeit, der absolute Ausnahmezustand. Wir selber fahren nicht in den Urlaub. Im nächsten Schuljahr bekomme ich zum ersten Mal eine eigene Klasse und muss mich da gut vorbereiten. Gedanklich bin ich die ganzen Ferien über eigentlich auf der Arbeit. Aber ich freue mich da sehr drauf! Ich mache mir auch nicht so große Sorgen um das kommende Schuljahr.

Natürlich haben auch wir noch keine konkrete Vorstellung, wie es in der Schule weitergehen wird. Die zwei Wochen Schulöffnung vor den Sommerferien waren für uns aber ein guter Testlauf. Ich denke, wir sind sehr gut vorbereitet. Selbst für die Einschulungsfeier haben wir verschiedene Varianten in petto – je nachdem, wie die Vorgaben kurz vor Schulstart sein werden.“

RND

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