„Noch nichts ist wieder normal“: Wie Lehrer, Schüler und Eltern die Corona-Zeit erleben

Coronavirus

Das Schuljahr 20/21 läuft unter schwierigen Bedingungen - für alle Beteiligten. Wie fühlt sich das Schulleben gerade an? Was macht Sorge? Was sind Wünsche? Sechs Menschen erzählen.

23.09.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 5 min
Mundschutz auf oder ab? Die Hygieneregeln variieren von Schule zu Schule. Die uneinheitliche Regelung sorgt vielerorts für Verunsicherung.

Mundschutz auf oder ab? Die Hygieneregeln variieren von Schule zu Schule. Die uneinheitliche Regelung sorgt vielerorts für Verunsicherung. © picture alliance/dpa

Maria, 48, Risikopatientin, Mutter dreier Schulkinder und selbst Lehrerin an einer weiterführenden Schule

„Meine Ärztin sagte, ich solle auf keinen Fall zurück an die Schule, ich sei zu gefährdet. Aber ich will an die Schule! Das Leben muss doch weitergehen! Am Anfang war das natürlich anders, da hatte auch ich die Bilder aus Italien im Kopf, ich habe Familie in Italien und einen Freund durch Corona verloren. Da bin ich auch erst einmal zu Hause geblieben.

Seit Beginn des Schuljahres bin ich zurück und habe keine Angst mehr – bleibe aber vorsichtig. Ich bitte meine Schüler, die Maske aufzusetzen. Sie gibt mir einfach ein bisschen Sicherheit. Die allermeisten halten sich auch daran. Nur ein Oberstufenkurs will nicht mitmachen. Da habe ich für mich entschieden: Wenn die jetzt im Herbst alle anfangen zu niesen und zu husten und trotzdem keine Maske aufsetzen wollen, gehe ich eben in den Distanzunterricht. Das wird mir sonst zu bunt.

Ich finde, man sollte keine Panik machen. Aber ein bisschen Rücksicht kann doch nicht schaden.
Maria, 48, Risikopatientin, Mutter dreier Schulkinder und Lehrerin

An den Schulen meiner Kinder gibt es gute Konzepte. Ich habe das Gefühl, dass sie sich sehr um den Schutz der Kinder bemühen. Bei meiner Tochter in der Klasse mussten wir aber tatsächlich Gespräche führen, weil ihr Sitznachbar sich trotz Maskenpflicht geweigert hatte, die Maske aufzusetzen. Inzwischen gibt es eine andere Sitzordnung und ich habe das Gefühl, wir werden da ernst genommen. Ich finde auch, man sollte keine Panik machen. Aber ein bisschen Rücksicht kann doch nicht schaden.“

Sarah, 17, Zwölftklässlerin an einem Gymnasium

„Ein weiterer Lockdown der ganzen Schule, und wären es nur vier Wochen, wäre Abi-technisch eine absolute Katastrophe. Wir hinken jetzt schon im Lehrplan hinterher. Wenn es übel wird, merken wir erst kurz vorm Abi, wie viel Stoff uns wirklich fehlt. Eigentlich hatte das Land NRW angekündigt, mildernde Umstände bei uns Abiturienten walten zu lassen. Bei dem, was sie jetzt entschieden haben, fühle ich mich aber ehrlich gesagt verarscht. Es soll eine erweiterte Aufgabenauswahl geben – aber nur in manchen Fächern. Dabei haben wir ja in allen Fächern Zeit verloren. Bei einem Teil der Schüler kommt diese Maßnahme also einfach nicht an, als hätte es Corona gar nicht gegeben.

Als Schule tragen wir geschlossen die Maske und darüber bin ich froh, denn sie nimmt mir ein bisschen das Gefühl der Machtlosigkeit.
Sarah, 17, Zwölftklässlerin an einem Gymnasium

Als Schule tragen wir geschlossen die Maske und darüber bin ich froh, denn sie nimmt mir ein bisschen das Gefühl der Machtlosigkeit. Was mich persönlich aber am allermeisten nervt ist, dass wir unsere ganzen Abschlussveranstaltungen nicht planen können. Abschlussfahrt, Partys, Abiball – all das steht in den Sternen. Dabei ist das doch auch wichtig, da fiebern wir doch drauf hin. Jetzt aber kann es aber passieren, dass ich die Schule nach zwölf Jahren ohne einen würdigen Abschluss verlasse.“

Moritz, 37, stellvertretender Schulleiter an einer Realschule in einem sozialen Brennpunkt im Ruhrgebiet

„Der Schultag ist bei uns in der Schulleitung und auch bei den Kollegen recht stressfrei. Das liegt zum einen daran, dass wir gut strukturiert sind und immer schon Plan A, B und C in der Tasche haben. Zum anderen haben wir einfach ein dickes Fell, weil wir wissen wie es läuft. Nämlich so: Der Ministerpräsident stellt sich donnerstags vor die Presse und verkündet im 40. Satz, dass ab Dienstag die Masken nicht mehr getragen werden müssen.

Wir als Schulen werden aber erst Montagabend vom Schulministerium darüber informiert. Selbst in einem Hochleistungsbetrieb wie bei Microsoft würde über Nacht da nichts mehr passieren. Wir wussten aber, dass es wieder so kommen wird und waren schon zwei Wochen vorher auf diese Situation vorbereitet. Was mich aber wirklich stört ist, dass viele einfach gar nicht wissen, was hinter den Kulissen passiert. Dass die Politik zwar dies oder jenes verkünden kann, aber dass da noch viele Zwischenschritte gemacht werden müssen und im Zweifel die Kommune sagt, was in der Schule geht – oder eben nicht.

Corona selbst macht uns also gar nicht so großen Stress, wirklich Druck macht uns diese Art der Kommunikation.
Moritz, 37, stellvertretender Schulleiter an einer Realschule in einem sozialen Brennpunkt im Ruhrgebiet

Corona selbst macht uns also gar nicht so großen Stress, wirklich Druck macht uns diese Art der Kommunikation. Und dafür gibt es meiner Ansicht nach auch keine Rechtfertigung mehr. Wir haben die Situation jetzt seit über sechs Monaten, da dürfte es in den Ministerien keine Überforderung mehr geben. Bei uns in den Teams dagegen ist die Motivation immer noch sehr hoch. Wir haben in der Corona-Zeit aber auch viel angefangen, was sonst brach lag, haben uns mit der Wissenschaft verknüpft, das Thema Digitalisierung noch weiter vorangetrieben. Ich bin immer in so einer Anpackstimmung. Aber jetzt haben echt viele Blut geleckt.“

Ulrike, 53, Klassenlehrerin in einem zweiten Schuljahr

„Zwar bin ich schon froh, dass die Schule wieder etwas normaler läuft. Aber natürlich ist noch nichts wirklich wieder normal. Jede Minute werde ich daran erinnert, dass es Corona gibt. Das Schöne, was Schule eigentlich ausmacht, ist gedämpft: Singen, Gruppenarbeit, Schwimmen gehen – all das geht gar nicht oder nur sehr eingeschränkt. Und die Kinder brauchen auch die Nähe.

Sie kommen zu mir, wollen mich umarmen. Das kann ich doch nicht ablehnen! Sie sind ja zum Glück nicht so groß, mein Kopf ist ja weiter oben, also umarmen sie meinen Bauch. Aber trotzdem muss ich sie ständig daran erinnern, ihre Maske aufzusetzen. Corona ist damit dauerhaft präsent.

Das Schöne, was Schule eigentlich ausmacht, ist gedämpft: Singen, Gruppenarbeit, Schwimmen gehen – all das geht gar nicht oder nur sehr eingeschränkt.
Ulrike, 53, Klassenlehrerin in einem zweiten Schuljahr

Richtig mürbe macht es mich aber, dass alles hinterfragt wird. Egal, was wir an der Schule planen, die erste Frage ist immer: Dürfen wir das? Welchen Raum können wir nutzen, wer darf ihn wie betreten, wie regeln wir das mit dem Desinfizieren? Wir können viel weniger von dem umsetzen, was uns als Schule ausmacht, haben aber deutlich mehr Arbeit gerade. Das ist furchtbar ermüdend – selbst für eine Optimistin wie mich. Am liebsten würde ich auf Reset drücken und zum Leben vor Mitte März zurückkehren.“

Laura, 36, Lehrerin an einem Gymnasium

„Ich hab jetzt zum ersten Mal eine eigene fünfte Klasse, auf die ich mich so richtig gefreut habe. Der Start in das Schuljahr aber war sehr seltsam. Diese ganzen Kennenlernspiele, die Kennenlerntage, dieses enge Zusammenwachsen, fiel einfach weg. Einmal haben wir draußen einen großen Kreis gemacht, damit alle mal die Masken abnehmen konnten – was wir ja eigentlich nicht durften. Aber ich wollte, dass alle mal ihre Gesichter sehen. Inzwischen sind wir in Woche sechs und meine Kinder sind ganz gut angekommen.

Was ich aber beobachte ist, dass das Kollegium und auch die Schülerschaft sehr geteilt ist. Mit dem Wegfall der Maskenpflicht im Unterricht in NRW hat sich das noch mal verschärft. Es gibt die, die Angst und Panik vor Corona haben und extrem darauf achten, dass alle Masken tragen oder die Schüler bitten, auch weiterhin im Unterricht die Maske zu tragen. Und es gibt welche wie mich, die die Zweckmäßigkeit infrage stellen. Am Anfang habe ich die Maske aus Solidarität zu den Schülern getragen.

Was ich aber beobachte ist, dass das Kollegium und auch die Schülerschaft sehr geteilt ist. Mit dem Wegfall der Maskenpflicht im Unterricht in NRW hat sich das noch mal verschärft.
Laura, 36, Lehrerin an einem Gymnasium

Seit dem 1. September gibt es keine Maskenpflicht mehr im Unterricht, daher lasse ich sie ab. Damit hatte ich mich am Anfang ganz schlecht gefühlt, weil die Schüler weiterhin geschlossen vor mir saßen mit Maske auf. Deshalb hatte ich sie zunächst auch kurz wieder aufgesetzt. Dann habe ich aber gedacht: Wenn nicht mal ich als Ü-30-Frau mit eigener Meinung diesem Gruppenzwang standhalte, wie sollen das dann zehnjährige Kinder können?

Wir haben tatsächlich Kollegen, die den Kindern unterschwellig Druck machen, die Maske zu tragen. Das geschieht durch kritische Blicke, schärfere Stimmen. Da wird zwar niemand zum Tragen gezwungen, aber die Schüler sind doch nicht doof. Sie sind soziale Wesen und wollen nicht schuld sein, dass irgendwer krank wird – schon gar nicht der Lehrer, die Bezugspersonen. Daher setzen fast alle eine Maske auf.

Zu Beginn des Schuljahres habe ich mich mit Kolleginnen und Kollegen, die das ähnlich sehen wie ich, heimlich in einen Raum zurückgezogen und dann ohne Maske Dinge besprochen. Jetzt trage ich sie im Unterricht nicht mehr und in meiner eigenen Klasse lassen sie etwa ein Drittel ebenfalls ab.

Die Oberstufenschüler aber geben sich ganz zurückhaltend und tragen auch im Unterricht weiterhin die Maske – sobald sie allerdings das Schulgelände verlassen, nehmen sie die auch wieder ab. Wir hatten auch Gespräche, weil sich Kinder über die Masken gestritten haben. Das sind zum einen Machtspielchen, aber es sind auch Kinder dabei, die wirklich richtig Angst haben. Ich bin mal gespannt, wann und wie wir aus dieser Angstschleife wieder rauskommen.“

Anton, 37, Vater eines Drittklässlers

„Seit Ende August läuft hier in Niedersachsen wieder die Schule und ich muss sagen: Es fühlt sich alles erstaunlich normal an. Mein Sohn geht morgens in den Unterricht und ab mittags in die Ganztagsbetreuung. Meine Frau und ich können wieder normal arbeiten und auch die jüngeren Kinder sind im Kindergarten wieder regulär betreut. Daher sind wir komplett entspannt – auch weil wir ja wissen, wie es sich anders anfühlt.

Erst im Nachhinein ist mir klar geworden, wie anstrengend die Phase war, als Schulen und Kitas geschlossen waren. Was wir unserem Sohn für einen Druck gemacht haben!
Anton, 37, Vater eines Drittklässlers

Erst im Nachhinein ist mir klar geworden, wie anstrengend die Phase war, als Schulen und Kitas geschlossen waren. Was wir unserem Sohn für einen Druck gemacht haben! Er hatte keine Lust auf die ganzen Aufgaben und wir haben ständig mit ihm diskutiert. Jetzt merke ich: Er braucht einfach diese Struktur der Schule. Natürlich wissen wir alle nicht, was dieses Schuljahr bringt, aber meine Frau und ich sehen das alles sehr entspannt. Wir lassen die Dinge auf uns zukommen und vertrauen darauf, dass das Kollegium in der Schule schon gute Rahmenbedingungen für unseren Sohn schaffen werden.

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