NRW startet mit Masken im Unterricht - Sonderweg unter Beobachtung

Coronavirus

NRW startet ins neue Schuljahr - und die einzigartige Maskenpflicht im Unterricht wird kritisch beäugt. Ist der Sonderweg der Richtige? Die Landesregierung steht unter scharfer Beobachtung.

Düsseldorf

12.08.2020, 06:42 Uhr / Lesedauer: 2 min
In NRW startet das Schuljahr mit der Maskenpflicht.

In NRW startet das Schuljahr mit der Maskenpflicht. © picture alliance/dpa

Maskenpflicht im Unterricht bei brütender Hitze: In Nordrhein-Westfalen startet an diesem Mittwoch mit dem Schulbeginn nach sechseinhalb Wochen Sommerferien die Generalprobe. Ganz Deutschland schaut hin, ob und wie der Sonderweg des bevölkerungsreichsten Bundeslands funktioniert, denn Maskenpflicht im Unterricht gibt es bislang nur hier. Ausgenommen bleiben davon lediglich die Grund- und Förderschulen.

Heftig umstrittenes Corona-Krisenmanagement unter Beobachtung

Unter scharfer Beobachtung stehen nicht nur die Bedingungen für Schüler und Lehrer vor Ort, sondern das gesamte, von Anfang an heftig umstrittene Corona-Krisenmanagement von Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). „Wir müssen gerade in diesen Tagen besonders vorsichtig sein“, rechtfertigt Laschet seinen Kurs. Daher sei die zunächst bis Ende August befristete Maskenpflicht richtig.

Gegen die Rückkehr der rund 2,5 Millionen Schüler in den Regelbetrieb an landesweit 2500 Schulen hatten mehrere Lehrer- und Elternverbände Bedenken geäußert, weil aus ihrer Sicht nicht ausreichend für den Infektionsschutz in großen Klassen Sorge getragen wird. Unter anderem die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft vermisst - wie auch die Landtagsopposition - intelligente Konzepte für eine Entzerrung des Unterrichts, etwa durch „Schichtbetrieb“ und Angebote im Freien.

Was, wenn sich nun massenhaft Schüler in NRW mit Corona anstecken, Schulen geschlossen werden müssen und die ohnehin seit Wochen anziehenden Infektionszahlen wieder starke Einschränkungen des öffentlichen Lebens erforderlich machen? „Für Armin Laschet steht zur Zeit viel auf dem Spiel“, stellt Politikwissenschaftler Ulrich von Alemann fest.

Opposition: Laschet „im corona-politischen Blindflug“

Dessen „Lockerungsübungen“ im Corona-Krisenmanagement seien „in der Bevölkerung und in der Union nicht gut angekommen“, sagte er der dpa. „Ob er mit einem harten Schulmanagement und mit neuen strengen Schutzauflagen punkten können wird, ist offen.“ Schließlich müsse sich Laschet derzeit im „Triathlon“ um die Beliebtheit in der Bevölkerung, den Parteivorsitz der CDU und die Kanzlerkandidatur für die Union bewähren.

Nachdem Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) den NRW-Regierungschef in Sachen Popularität und Kanzlertauglichkeit in den Umfragen schon weit hinter sich gelassen habe, sei es „fast ausgeschlossen“, diesen Vorsprung noch einzuholen, bilanzierte von Alemann. Ein Fiasko im Corona-Krisenmangament an den Schulen, das in NRW Millionen Eltern, Lehrer und Schüler unmittelbar betrifft, wäre keine Empfehlung für höhere Weihen.

Der Oppositionsführer im Düsseldorfer Landtag, Thomas Kutschaty, sieht Laschet bereits „im corona-politischen Blindflug“. Bislang sei die schwarz-gelbe Landesregierung vor allem durch ihr „Hin und Her“ aufgefallen, sagte der SPD-Fraktionschef der dpa. „Nachdem Armin Laschet mit seinem Lockerungskurs erkennbar vor die Wand gefahren ist, gibt er jetzt zum Schulstart ganz plötzlich den Hardliner“, urteilte der frühere NRW-Justizminister. „In den USA nennt man das einen Flip-Flopper.“

Ärzteverband sieht Maskenpflicht im Unterricht als „überflüssige Behinderung“

Nachdem es die Landesregierung versäumt habe, frühzeitig auf eine konsequente Teststrategie zu setzen, sei die Maskenpflicht an den Schulen nun „leider notwendig“. Unter Lehrer-, Eltern-, Ärzteverbänden und Wissenschaftlern ist das bundesweit umstritten. Während der Marburger Bund die Maskenpflicht im Unterricht als sinnlose, „überflüssige Behinderung“ sieht, stuft eine Gruppe renommierter Wissenschaftler sie in einer Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina als empfehlenswert ein.

Zumindest hat sich in NRW keine Partei und kein namhafter Verband dafür ausgesprochen, sicherheitshalber beim Lernen auf Distanz zu bleiben und wieder auf Home Schooling zu setzen. Dass dabei in den Wochen vor den Ferien nicht alle Schüler mitgenommen werden konnten, sondern Bildungsnachteile entstanden seien, sei unzweifelhaft, räumt Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) ein. Auch die Landesschülervertretung hat davor gewarnt.

NRW startet nun als sechstes Bundesland nach Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, Schleswig-Holstein, Brandenburg und Berlin ins neue Schuljahr. Laschets komplette politische Existenz stehe mit dem Ausgang des Experiments Schulvollbetrieb im Corona-Jahr nicht auf dem Spiel, betonte von Alemann. „Wenn Söder sein bayrisches Amt als das schönste der Welt hinstellt, warum macht es dann Laschet nicht ebenso?“ In NRW sei er „bisher jedenfalls nicht herausgefordert“.

dpa/Bettina Grönewald

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