Opfer-Geschichten

DORTMUND Das Opfer steht im Mittelpunkt – von Anfang an. Wenn die Zuschauer eintreten, ist sie schon da: Paulina Salas, die vor 15 Jahren von einem verbrecherischen Regime gefoltert und vergewaltigt wurde.

von Von Katrin Pinetzki

, 13.01.2008, 17:13 Uhr / Lesedauer: 1 min
Opfer-Geschichten

Die unbewältigte Vergangenheit zeigt sich in Dutzenden Aktenstapeln: Paulina (Monika Bujinski) war einst das Opfer, Roberto (Bernhard Bauer, l.) der Täter. Nun wird er im Haus von Gerardo (Andreas Wrosch) selbst zum Opfer.

Nun lebt sie mit dem erfolgreichen Anwalt Gerardo zusammen, doch verarbeitet hat sie ihre Vergangenheit nicht. Im Dortmunder Studio hatte Ariel Dorfmans Kammerspiel „Der Tod und das Mädchen“ Premiere. Regie führte die 27-jährige Barbara Schulte, die gerade ihr Regiestudium am Max-Reinhardt-Seminar in Wien beendet hat.

 Das Stück um das Weiterleben nach den Verletzungen einer Diktatur spielt in der Wohnung von Paulina und Gerardo, doch die Bühne (Ulrich Schulz) ist bedeckt mit grauen Aktenstapeln unter einer niedrigen, Schatten werfenden Decke. Für Gerardo (Andreas Wrosch), den der Präsident gerade in eine Kommission zur Aufarbeitung der jüngsten Geschichte berufen hat, ist die Vergangenheit ein Berg Papier, der ab- und aufgearbeitet werden muss. Paulina, die dem Grauen ein Gesicht gibt, ist der emotionale Störfaktor in seinem Bemühen.

Monika Bujinski spielt sie zunächst hysterisch, fast manisch. Sie probiert Perücken auf, hat ihre Rolle in der neuen Gesellschaft noch immer nicht gefunden. Dann tritt ein ehemaliger Peiniger in ihr Leben: Der Arzt Roberto (Bernhard Bauer) quälte seine Opfer mit Vorliebe zu den Klängen von Schuberts „Der Tod und das Mädchen“.

Vergebung und Reue

Obwohl ihr Mann Paulina krankhaften Wahnsinn unterstellt: Nie war sie ruhiger und klarer als im Angesicht des Täters, der nun in ihrem Haus zum Opfer wird. Sie will sein Geständnis, seine Reue. Regisseurin Schulte konzentriert sich auf die Opfer-Geschichte und zeigt eindringlich auch das Schicksal des bemühten, aber hilflosen Gerardos, der mit seinen Argumenten bei Paulina scheitern muss: Gerechtigkeit, Vergebung, Reue entziehen sich juristischer Vernunft. Andreas Wrosch zeigt auch die Angst, die der nervöse Gerardo – stellvertretend für die ganze Gesellschaft – vor den Opfern hat. Auch er hat nie verarbeiten können. Barbara Schulte schuf keinen Psychothriller wie Roman Polanski in seiner berühmten Verfilmung des Stoffs, sondern eine gelungene psychologische Studie.   Termine: 18./24.1.; Karten: Tel. (02 31) 5 02 72 22.