Pianist Pletnev sieht Beethoven durch romantische Brille

Klavier-Festival Ruhr

Über viele Jahre hatte sich Mikhail Pletnev vom Klavier völlig zurückgezogen und ausschließlich als Dirigent seines Russischen Nationalorchesters begeistert. Zum Klavier-Festival kehrte er allerdings als Pianist zurück. Dafür erntete der russische Klavier-Virtuose am Ende großen Applaus.

ESSEN

von Karsten Mark

, 21.05.2015, 13:26 Uhr / Lesedauer: 1 min
Mikhail Pletnev gab ein Konzert beim Klavier-Festival.

Mikhail Pletnev gab ein Konzert beim Klavier-Festival.

Ganze neun Jahre ist es her, dass Mikhail Pletnev das letzte Mal beim Klavierfestival Ruhr zu erleben war - als Dirigent wohlgemerkt, denn als Pianist war der 58-Jährige seit vielen Jahren nicht mehr aufgetreten. Nun saß er beim "Bergfest" zur Mitte des diesjährigen Festivals in der Philharmonie Essen wieder am Flügel und bestritt einen Soloabend mit Beethoven-Sonaten und Skjabin-Préludes.

Festivalabstinenz

Ein paar Jahre Festivalabstinenz an sich wären noch nichts so Ungewöhnliches, doch bei Pletnev fällt in diese Zeit ein bedeutender Einschnitt seiner Karriere. Im Juli 2010 verhaftete ihn die Polizei in Thailand unter dem Vorwurf des Kindesmissbrauchs. Als das Verfahren zwei Monate später eingestellt wurde, konnte Pletnev fast nahtlos wieder seine Arbeit aufnehmen.

An ihm selbst ist der Skandal sicher nicht abgeperlt. In der Essener Philharmonie ist ein auffällig in sich gekehrter Musiker zu erleben, der überwiegend leise spielt, gedämpft und zurückhaltend. Zu einem großen Teil passt das zu seinem Programm: etwa zu Beethovens G-Dur-Sonate aus Opus 14 (Nr. 2), einer betont zurückgenommenen, ausgesprochen lyrischen Sonate. Schon bei der folgenden "Sturm"-Sonate stößt der Ansatz hingegen an seine Grenzen. Gelingt ihm im Kopfsatz noch ein schöner Aufbau mit deutlichen, wenngleich eher subtilen Kontrasten, so wirkt der orchestral angelegte Adagio-Satz bereits zu stark an die Kandare genommen, um seine Wirkung noch richtig zu entfalten. Alles in allem präsentiert Pletnev einen sehr romantisierten Beethoven.

Hommage an Chopin

Skrjabins frühe 24 Préludes Opus 11 sind eine Hommage an Chopin. Pletnevs ausgesprochen warmer Ton passt gut zu diesem Zyklus. Manches allzu zart Gewobene geht aber im Pedalschleier unter und Pletnevs technisch starke linke Hand tendiert eins ums andere Mal zur Überpräsenz. Den Nerv seines Publikums allerdings hat Pletnev in Essen allerdings getroffen. Großer Applaus.

 

Lesen Sie jetzt