In diesem Dortmunder Haus füttern Kinder Ratten und spielen nachts auf der Straße

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Ein Haus im Dortmunder Norden beschäftigt seit Jahren die Nachbarn, die Politik, die Stadt. Es ist eine „Problemimmobilie“. Vor allem die Kinder, die darin wohnen, leben gefährlich.

Nordstadt

, 27.09.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das fünfstöckige Haus sieht auf den ersten Blick ganz normal aus. Ein wenig in die Jahre gekommen, aber okay. Doch wer einen genaueren Blick darauf wirft, bekommt gleich einen ganz anderen Eindruck.

Es ist ein sonniger Morgen in der Haydnstraße. Die Stuckfassaden der Hausnummern 18 bis 20 sind im Erdgeschoss in einem hellen Blau gestrichen. Die Haustüren stehen offen. Kinder spielen davor, ihre Mütter schauen zu. Klingt ganz harmonisch.

Der erste Eindruck täuscht

Man könnte aber auch schreiben: Die Fassaden sind mit Graffiti und Dreck verschmiert. Die Haustüren stehen offen, weil sie kaputt sind und nicht mehr abgeschlossen werden können.

Die spielenden Kinder, die in zerrissener Kleidung Tauben jagen, sind höchstens zwei oder drei Jahre alt. Sie rennen um parkende Autos herum, laufen auf die Straße und wieder zurück auf den Bürgersteig. Ihren Müttern ist das offensichtlich egal.

In diesem Dortmunder Haus füttern Kinder Ratten und spielen nachts auf der Straße

Mülltonnen stehen im Garten. Die meisten sind schon voll. © Martina Niehaus

Nähert man sich von der Rückseite, sieht (und riecht) man vor allem Müll und eine Reihe Mülltonnen. Verbeulte Bobbycars stehen herum, ein Teppich und andere Kleidungsstücke hängen überm Zaun. Der Rasen sieht merkwürdig aufgewühlt aus – und das hat einen Grund: Ratten.

Viel zu viele Menschen leben auf viel zu engem Raum

Die Haydnstraße 18 bis 20 ist als „Problemimmobilie“ bekannt. Meist sind es Armutsmigranten, die in diesen Häusern wohnen. Aus Bulgarien oder Rumänien. Viel zu viele Menschen wohnen dort auf viel zu kleinem Raum. Wie viele, weiß man nicht. Denn eine Überbelegung lässt sich über das Melderegister einfach nicht feststellen.

Dass vor allem kleine Kinder dort unbeaufsichtigt auf der Straße spielen, macht auch Dr. Dirk Bennhardt Sorgen. Er ist der Leiter des Helmholtz-Gymnasiums eine Straßenecke weiter. „Ich habe mit der Mutter eines Schülers gesprochen, die von ihrer Wohnung aus in die Gärten sehen kann“, erzählt er. „Sie hat gesehen, dass die Kinder dort sogar mit Ratten spielen und sie füttern.“

In diesem Dortmunder Haus füttern Kinder Ratten und spielen nachts auf der Straße

Dr. Dirk Bennhardt, Schulleiter des Helmholtz-Gymnasiums. © Niehaus

Der 55-Jährige hat mit einigen der Bewohner gesprochen. Sie seien ihm freundlich und mit Respekt begegnet. Was vermutlich daran liegt, dass Bennhardt selbst jemand ist, der Leuten freundlich und respektvoll begegnet. Und dem nicht daran gelegen ist, Vorurteile zu schüren. Ganz im Gegenteil: „Was in den Häusern passiert, ist ein hochsensibles Thema.“

Seit sechs Jahren ist die „Problemimmobilie“ bekannt

Für die Politiker und die Stadt ist das Problem des Hauses an der Haydnstraße nicht neu. „Die Immobilien [...] wurden nach einer ersten Überprüfung am 24. September 2013 als Problemimmobilien eingestuft“, teilt Pressesprecher Maximilian Löchter mit. Sechs Jahre später, am 11. September 2019, legt die CDU-Fraktion in der Bezirksvertretung Innenstadt Nord eine Anfrage vor. Die Immobilie sei „immer wieder Gegenstand von Nachfragen und auch Beschwerden durch die Nachbarschaft“.

Fraktionssprecher Dorian Marius Vornweg fordert konkrete Maßnahmen, um die Verwahrlosung von Kindern zu verhindern. „Tagsüber, aber auch in den Abend- und Nachtstunden spielen dort unbeaufsichtigte, sich selbst überlassene Kinder“, sagt der 33-Jährige und bestätigt damit die Sorgen des Schulleiters. „Da läuft dann schon mal die vierjährige Schwester als Aufpasserin neben dem zweijährigen Bruder her.“

In diesem Dortmunder Haus füttern Kinder Ratten und spielen nachts auf der Straße

Dorian Vornweg (33) von der CDU-Fraktion. © Archiv

Vornweg, der selbst in der Nordstadt wohnt, wird häufig von Anwohnern angesprochen. Er weiß, dass sich verschiedene Nordstadt-Gremien mit dem Haus beschäftigen. „Vorurteile schüren möchte ich auch nicht. Aber man muss die Zusammenhänge beim Namen nennen.“ Die Zuwanderung aus Südost-Europa sei nun mal ein Nordstadt-Phänomen.

Probleme bei der Kontrolle: Die Leute ziehen ständig um

Was kann die Stadt tun, um die Verwahrlosung von Kindern zu verhindern? „Das Fallmanagement Problemhäuser beim Ordnungsamt informiert das Jugendamt immer zeitnah über eingehende Hinweise auf Kindeswohlgefährdung einerseits und anstehende Kontrollen andererseits“, teilt Pressesprecher Maximilian Löchter mit. Seit 2013 seien die Häuser elf Mal kontrolliert worden.

Der Jugendhilfedienst Innenstadt-Nord nehme an den Überprüfungen teil. „Dementsprechend sind die beiden Häuser dem Jugendamt hinreichend bekannt.“ Vor allem versäumte U-Untersuchungen und Schulversäumnisse seien es, die die Mitarbeiter beschäftigten. „Schwierig ist in dieser Situation, dass die Familien meistens schnell wieder verzogen sind“, teilt Löchter mit.

„Jedes Kind könnte irgendwann ein verlorenes Kind sein“

CDU-Politiker Dorian Vornweg kennt die Probleme, die Ordnungs- und Sozialämtern bei der Kontrolle von Problemimmobilien begegnen. „Natürlich ist es schwierig, die Schulpflicht durchzusetzen, wenn die Eltern immer wieder umziehen“, sagt er. Doch habe er den Eindruck, dass die Zielgruppe „nicht so ganz erreicht wird“.

In diesem Dortmunder Haus füttern Kinder Ratten und spielen nachts auf der Straße

Die Rückansicht. In diesem Haus wohnen viele Menschen. Vermutlich zu viele. © Martina Niehaus

Von Seiten der Bewohner herrsche ein großes Misstrauen gegenüber der Verwaltung. „Es muss viel mehr niederschwellige Ansprachen geben“, fordert der CDU-Fraktionssprecher. Auch Bezirksbürgermeister Dr. Ludwig Jörder glaubt, dass die bisherigen Maßnahmen so nicht ausreichen. „Das Haus ist schon so oft auf dem Schirm gewesen. Das ist ein echtes Problem“, sagt er.

Niederschwellig – das ist ein Stichwort, das auch Dirk Bennhardt gefällt. Für die Bewohner müsse man Wege ebnen, um besser im Alltag klarzukommen. Damit die Kinder in Kitas und Schulen sind, anstatt auf der Straße spielen. Dorian Vornweg hofft, dass es für solche Angebote nicht irgendwann zu spät ist. „Jedes Kind, das nachts allein auf der Straße spielt, könnte irgendwann ein verlorenes Kind sein.“

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