Quotensinkflug bei 1Live: Das Problem der Jugendradiosender

Radio

1Live kämpft seit Jahren mit sinkenden Quoten. Ein Problem, das auch andere Jugendradiosender kennen. Woran liegt das? Und wie stellen sich die Sender für die Zukunft auf?

Köln

18.07.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Die Einschaltquoten bei 1Live sinken seit Jahren immer weiter ab.

Die Einschaltquoten bei 1Live sinken seit Jahren immer weiter ab. © picture alliance / Oliver Berg/d

Der Mittwoch dieser Woche war für Radiomacher so etwas wie der Zeugnistag. Denn am 15. Juli wurden die neuen Radioquoten veröffentlicht – in der Fachbranche auch MA (Mediaanalyse) genannt. Anders als beim Fernsehen werden diese nicht täglich erhoben, sondern quartalsweise.

Und genau wie bei der Zeugnisvergabe starren Radiomacher dann traditionell gebannt auf die Ergebnisse. Von diesen hängt zwar nicht die Versetzung ab – aber die Preise für die Werbeeinnahmen. Vor allem für kommerzielle Anbieter sind die Hörerzahlen daher von enormem Wert.

In diesem Quartal kann sich besonders Radio Bob freuen. Der kleine Rocksender aus Schleswig-Holstein legte im Vergleich zur letzten MA um 28,7 Prozent zu. Auch Sender wie Hitradio RTL Sachsen, hr4, Radio PSR, oder Antenne Thüringen können sich als Gewinner bezeichnen.

Jugendsender verlieren

Auffällig dabei: Jede der genannten Stationen richtet sich eher an ein erwachsenes Publikum. Gerade Radio Bob konzentriert sich laut seiner Website auf Bands wie AC/DC oder Queen – nicht auf den neuen Tiktok-Hit. Hitradio RTL Sachsen spielt in seinem Programm viele Oldies, Ähnliches gilt für die anderen Gewinner. Ausgewiesene Jugendsender tauchen in der Gewinnerliste nicht auf – dafür aber in der Verliererliste. Ein Beispiel: Deutschlands größtes Jugendradio 1Live vom WDR.

Das Portal Quotenmeter.de hat die Einschaltquoten des Senders in den vergangenen Jahren analysiert und kommt zu dem Schluss: Bis Anfang 2017 hatte 1Live eine treue Stammhörerschaft, die durchschnittliche Stunde wurde von mehr als einer Million Menschen gehört. Im Sommer 2017 folgte dann allerdings ein Knall: Die Reichweite sank auf 879.000 Hörer, in den folgenden Jahren sogar auf 818.000 Hörer.

Und auch die aktuelle Quotenanalyse dürfte die Radiomacher in Köln nicht gerade glücklich stimmen: 746.000 Hörer schalten den Sender nur noch in der Stunde ein. Das sind noch mal 4,8 Prozent weniger als im vorherigen Quartal.

Woran liegt das?

Auffällig: Auch andere Jugendradios haben dieses Problem. Der Privatsender bigFM verlor um satte 20,1 Prozent, You FM vom Hessischen Rundfunk immerhin um 4,7. Woran liegt’s?

Jochen Rausch, Leiter der Breitenprogramme beim WDR, erkennt einen klaren Trend: „Fast alle jungen Radiosender haben mit einer sinkenden Dauer des Hörens zu kämpfen. Das heißt, es hören immer noch Millionen junge Menschen lineares Radio – nur kürzer“, erklärt er gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Das habe nach Ansicht Rauschs vor allem mit der veränderten Mediennutzung zu tun: „Die Konkurrenz des Radios ist nicht nur der Streamingdienst, sondern alles, was auf einem Smartphone oder einem digitalen Endgerät zu empfangen ist. Der Tag hat weiterhin 24 Stunden, aber der Hörer verteilt seine Zeit an mehr Absender. Der Rückgang ist also kein Statement gegen 1Live, sondern drückt eine veränderte Mediennutzung aus.“

„Streamingdienste sind keine Konkurrenz“

Beim Sender wolle man diesem Trend entgegenwirken, indem man 1Live als „digitale Marke“ positioniere. „Würde man die Netzkontakte und die Hörerzahlen im Radio addieren, käme dabei heraus, dass nicht weniger, sondern mehr Menschen mit 1Live Kontakt haben. Eine solche Zählweise gibt es aber nicht, da die MA ja für die Werbekunden erhoben wird, die bei Radiosendern Werbung buchen. Da interessiert nicht, welchen Erfolg wir bei Facebook, Youtube oder auf Instagram haben.“

Auch bei You FM (HR) in Hessen erkennt man die kürzere Verweildauer der Jugend im eigenen Programm. „Herausforderungen für das Radio sind technische Neuerungen und ein sich schnell verändernder Markt. Das Angebot an Audioangeboten wird größer und differenzierter“, sagt Sprecher Sebastian Hübl. Streamingdienste wie etwa Spotify sehe man jedoch nicht als Konkurrenz. Der Dienst bediene ganz andere Bedürfnisse und könne auch vieles nicht liefern, was Radio eben könnte.

Doch könnte der Quotenrückgang nicht auch bedeuten, dass sich etwas im Programm ändern müsste? Hier wollen weder 1Live noch You FM konkret werden. Man sei mit der Zielgruppe „in einem permanenten Austausch“, heißt es etwa in Hessen. Durch Marktbefragungen am Telefon würden beispielsweise regelmäßig die Musikgeschmäcker abgefragt. Veränderungen bei der Programmgestaltung gebe es daher praktisch jeden Tag. Auch 1Live sei „selbst ein Stück Popkultur und hat sich immer verändert“, sagt Jochen Rausch vom WDR.

Der Privatsender bigFM, der ebenfalls mit einem Quotenrückgang zu kämpfen hat, hat sich gegenüber dem RND nicht zum Thema geäußert.

Es geht auch anders

Ein Sender, der erst kürzlich deutliche Veränderungen durchgesetzt hat, ist das RBB-Jugendradio Fritz – und zwar mit Erfolg. In der aktuellen Mediaanalyse gewinnt das Radio aus Berlin um 14,1 Prozent. Für Sprecher Justus Demmer auch ein Verdienst der vergangenen Umstrukturierungen.

„Fritz hat vor gut einem Jahr einen grundlegenden Umbau begonnen, weg vom rein linearen Radioprogramm, hin zur digitalen Marke. Früchte dieser Arbeit sind seit dem Frühjahr zu hören und zu sehen“, so Demmer. Zum Neustart gehörten diverse neue Formate, wie etwa Podcasts oder Youtube-Shows. Sendestrecken wurden verlängert, Moderatorinnen und Moderatoren wurden präsenter in den sozialen Netzwerken.

„Die Herausforderung war, im Digitalen zu gewinnen, ohne im linearen Boden zu verlieren“, sagt Demmer. Das sei dem Team gelungen. Zum Erfolgsrezept gehöre neben einem „direkten Draht“ zum Hörer auch die richtige Musikauswahl. „Wir verzichten nicht auf bestimmte Sounds und Musikrichtungen. Dazu gehören ausdrücklich Songs, die gern an Standards vorbeischrammen.“

RND

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