Reproduktionszahl R: Was die Zahl bedeutet und wie es zu den Schwankungen kommt

Coronavirus

Lockerungen setzen ein - und prompt hat die Reproduktionszahl seit dem Wochenende eine kritische Grenze überschritten. Das Robert-Koch-Institut schätzt den R-Wert derzeit auf leicht über 1.

Berlin

12.05.2020, 17:53 Uhr / Lesedauer: 3 min
Aufgrund der Corona-Lockerungen sind wieder mehr Menschen auf den Straßen unterwegs.

Aufgrund der Corona-Lockerungen sind wieder mehr Menschen auf den Straßen unterwegs. © picture alliance/dpa

Nun gab es am Dienstag doch noch einmal ein Pressebriefing des Robert-Koch-Instituts. Anlass dafür war der kurzfristige Anstieg des öffentlich vielzitierten Reproduktionswerts und die erneute Verunsicherung um die Aussagekraft der Zahl - vor dem Hintergrund derzeitiger Lockerungen der Corona-Maßnahmen durch die Politik. Die Kennziffer 1 galt und gilt als wichtige Maßgabe, um die Epidemie unter Kontrolle zu halten.

Seit Samstag (9. Mai) schwankt der R-Wert leicht um 1. Der zuletzt übermittelte Datenstand vom 11. Mai (0 Uhr) geht von einem Reproduktionswert von 1,07 aus. Einen Tag zuvor lag er bei 1,14, am Samstag meldete das RKI einen R-Wert von 1,1.

Wie kommen die Schwankungen zustande?

Als ein Signal für eine zweite Welle ist der leicht gestiegene R-Wert dieser Tage laut RKI noch nicht zu interpretieren. Solange die Kennziffer für wenige Tage leicht um 1 schwanke, bedeute das noch keinen exponenziellen Anstieg der Fallzahlen in Deutschland. „Ein, zwei Tage - das liegt innerhalb der statistischen Ungenauigkeiten“, erläutert RKI-Vize Schaade. Erst wenn der Wert dauerhaft über 1,2 bis 1,3 liege, sei das ein Signal für einen Anstieg der Fallzahlen, das ein verschärftes Gegensteuern erfordere.

Da die gemeldeten Fallzahlen pro Tag abgenommen haben, hätten inzwischen auch größere lokale Ausbruchsgeschehen einen stärkeren Einfluss auf den R-Wert - wie beispielsweise die große Zahl an Neuinfektionen in Schlachthöfen. Von verstärkten Tests sei die errechnete Reproduktionszahl laut Schaade zwar auf lange Sicht unabhängig. „Aber wenn es abrupt vermehrt Testungen gibt, kann sich die Zahl auch dadurch kurz erhöhen - geht aber nach wenigen Tagen wieder runter.“

Schaade kündigte an, das Robert-Koch-Institut werde in Zukunft einen geglätteten R-Wert einführen. Dieser sei besser geeignet, um längerfristige Trends zu erkennen - statt den Fokus auf kurzfristige Schwankungen zu legen. Laut Schaade lag dieser geglättete Wert in der vergangenen Woche an keinem Tag über der kritischen Grenze von 1. Wie genau die Erhebung dieses geglätteten R-Werts zustande kommt, ist im Detail noch nicht bekannt.

Worüber gibt der R-Wert Auskunft?

Wissenschaftler sprechen bei Sars-CoV-2 von einer naturgegebenen Basis-Reproduktionszahl (R0) von etwa 3. Eine Person infiziert also im Schnitt drei weitere. Dieser Wert ist jedoch nicht der vermeldete, dynamische R-Wert - er gilt unabhängig von Präventionsmaßnahmen und Zeithorizont. „Die jetzt diskutierten, sich fast täglich leicht ändernden Werte sind nicht die Basis-Reproduktionszahl, sondern die effektive Reproduktionszahl des neuen Coronavirus innerhalb von Deutschland“, erklärt der Infektiologe Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover.

Sie seien Ausdruck des Gleichgewichts zwischen dem infektionsvermeidenden Verhalten der Bevölkerung und der Infektiösität des Virus selbst, erläutert auch das RKI. Ohne Gegenmaßnahmen würde die Zahl der Infektionen mit einem R-Wert von 3 rasch exponentiell ansteigen und erst stoppen, wenn bis zu 70 Prozent der Bevölkerung eine Infektion durchgemacht hätten.

Bei einer effektiven Reproduktionszahl von 1 - mit den eingeführten Corona-Maßnahmen - infiziert eine Person im Schnitt eine weitere. Steigt der Wert langfristig an, steigen also höchstwahrscheinlich auch die Fallzahlen, weil eine infizierte Person mehr Leute ansteckt. Fällt er auf lange Sicht unter 1, infizieren sich im Schnitt auch weniger Menschen. Es handelt sich bei der Berechnung um eine statistische Größe, eine Trend-Schätzung. Sie fließt auch in Prognosen zu Krankenhaus- und Behandlungskapazitäten ein.

Reproduktionszahl: Wie berechnet sie sich und was kann der R-Wert leisten?

Berechnet wird mithilfe der sogenannten Nowcasting-Methode. Der Vorteil: Es wird nicht nur das Meldedatum, sondern auch das Erkrankungsdatum und erwartbare Fälle werden berücksichtigt - und damit Lücken durch einen zeitlichen Verzug bei der Übermittlung an RKI und Gesundheitsämter ausgeglichen. „Auf der Grundlage aller vorhandener Daten ist der R-Wert näher am Infektionsgeschehen dran als Berechnungen, die sich ausschließlich an Meldezahlen orientieren“, erläutert Schaade.

Die Nachteile: Anders als gemeldete Neuinfektionen und Todesfälle berechnet sich die Reproduktionszahl nicht tagesaktuell, sondern mit Blick auf den Status von vor anderthalb bis zwei Wochen. Sprich: Die erhöhten veröffentlichten R-Werte dieser Tage beziehen sich auf Infektionen, die zwischen dem 28. April und 3. Mai stattgefunden haben. „Wir sehen also mit dem R-Wert von heute das, was wir vor über 2 Wochen entweder gut oder schlecht in der Vorbeugung gemacht haben“, erklärt Infektiologe Stoll.

Außerdem könne es bei dieser Schätzung zu Ungenauigkeiten kommen, räumt das RKI ein. Darauf weist auch das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung hin und spricht aufgrund der schwieriger Datenlage während der Epidemie von einer „erheblichen statistischen Unsicherheit“.

Welche weiteren Faktoren sind bei Entscheidungen zu Maßnahmen wichtig?

Der vom RKI errechnete R-Wert ist nur ein Faktor, um die Dynamik der Virus-Übertragungen in Deutschland einzuschätzen. Als Anhaltspunkt für die Notwendigkeit von Maßnahmen zum Gegensteuern wie Kontaktbeschränkungen sind weitere Punkte zu betrachten. Zwei davon fallen besonders ins Gewicht:

  • Absolute Zahl der Neuinfektionen: Sie wird täglich von den einzelnen Gesundheitsämtern in den Kreisen an die Landesgesundheitsbehörden und das RKI übermittelt. Jeder einzelne Fall soll von den Gesundheitsämtern laut RKI identifiziert und Kontakte verfolgt werden. Deshalb muss die Zahl so klein sein, dass die Nachverfolgung durch Gesundheitsämter gewährleistet werden kann. Die Zahl der Neuinfektionen ist auch ein wichtiger Maßstab für politische Entscheidungsträger: Ab 50 Neuinfektionen in einem Landkreis pro 100.000 Einwohner soll über erneute Maßnahmen wie Ausgangsbeschränkungen nachgedacht werden.
  • Schwere der Erkrankungen: Wer sich mit Sars-CoV-2 infiziert und in der Folge schwer erkrankt, ist in vielen Fällen auf eine mehrwöchige Betreuung auf der Intensivstation angewiesen - und auf ein Beatmungsgerät. Deshalb kommt es während der Epidemie auch darauf an, die Kapazitäten von Intensivbetten und Geräte im Blick zu halten, um sicherzustellen, dass eine Behandlung gewährleistet werden kann.

RND

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