Rostock als erste Stadt coronafrei – eine Mischung aus Glück und Verstand

Coronavirus

Als erste Stadt in Deutschland ist Rostock frei von Corona-Infizierten. Was können andere daraus lernen? Die Hansestadt hatte zwar insgesamt wenige Fälle – hat aber auch etwas anders gemacht.

Rostock

von Julia Rathcke |

, 24.04.2020, 13:49 Uhr / Lesedauer: 4 min
Rostock ist jetzt offiziell „Corona-frei“. Die Stadt hatte bei der Bekämpfung einen andern Weg eingeschlagen, als der Rest der Republik.

Rostock ist jetzt offiziell „Corona-frei“. Die Stadt hatte bei der Bekämpfung einen andern Weg eingeschlagen, als der Rest der Republik. © picture alliance/dpa

Für eine verhältnismäßig kleine Stadt an der Ostsee hat Rostock schon für so einige größere Schlagzeilen gesorgt. Der Rostocker Hafen im Stadtteil Warnemünde etwa gilt als größter Kreuzfahrthafen Deutschlands.

Rostock ist seit Juni 2019 außerdem die erste deutsche Großstadt mit einem Ausländer als amtierenden Oberbürgermeister. Und jetzt ist Rostock auch noch die erste deutsche Stadt, die Corona besiegt hat. Das verkündete jedenfalls eben jener Oberbürgermeister, der Däne Claus Ruhe Madsen, am Donnerstagmorgen.

Der parteilose Politiker begründete die Botschaft mit drei Argumenten: Erstens sei nun der letzte zurzeit an Covid-19 erkrankte Rostocker aus der Quarantäne entlassen worden. Zweitens habe es im Testzentrum an der Uniklinik Rostock seit zwei Wochen keinen positiven Corona-Test mehr gegeben. Und drittens sei auch kein Covid-19-Patient mehr im Krankenhaus in Behandlung.

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„Heute ist also ein echter Grund zum Feiern!“, erklärte Madsen. Natürlich weiß auch er, dass die Partystimmung schnell wieder vorbei sein kann. „Natürlich kann sich die Situation minütlich ändern“, gab er zu.

Rostock als Vorreiter mit Vorbildfunktion?

Aber erst einmal ist Rostock Vorreiter und mögliches Vorbild vieler Städte, die sich jetzt fragen: Was hat die 200.000-Einwohner-Stadt an der Ostsee so viel besser gemacht? Vorweg: Es ist wohl eine Mischung aus glimpflichen Umständen und beherztem Handeln, die dazu führte, dass es in Rostock bei nur 75 Corona-Patienten geblieben ist.

Überhaupt hat die Pandemie den Norden Deutschlands mit weniger Wucht getroffen als Bayern, Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen mit mehreren Zehntausend Infektionen insgesamt. Bis Donnerstag (16 Uhr) zählte das Land Mecklenburg-Vorpommern lediglich 657 bestätigte Corona-Fälle.

Rostock hatte mehr Zeit - ging aber auch einen eigenen Weg

Man habe wohl ein bisschen mehr Zeit gehabt als Süddeutschland, heißt es aus dem Rostocker Rathaus als Erklärungsversuch, „aber einen Rostocker Weg gab und gibt es eigentlich nicht“, sagt Pressesprecher Ulrich Kunze dem RND. Oberbürgermeister Madsen selbst ist schlecht zu erreichen an diesem Tag, jeder will jetzt wissen, was seine Strategie gegen Corona war. Und auch wenn niemand im Rathaus von einer eigenen Strategie sprechen mag – eigen ist der Neupolitiker aus Kopenhagen schon.

Bevor Madsen mit Hoodie, Hornbrille und Hipsterbart in den Wahlkampf zog, war er Gründer einer Möbelkette und einer Wohnmobilvermietung und von 2013 bis 2019 Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Rostock.

Einen deutschen Pass hat der 47-Jährige bis heute nicht, ebenso wenig wie ein Parteibuch, auch wenn er von der FDP und der CDU unterstützt wird. Gewerkschaften, Jusos und Linksjugend Solid dagegen üben aufgrund seiner unternehmensinternen Lohnpolitik regelmäßig Kritik an Madsen, der letztlich wohl doch mehr Unternehmer ist als Politiker – und so auch regiert.

Tests entgegen der Maßgabe des Robert-Koch-Instituts

Als Rostock am 10. März den allerersten Corona-Fall verzeichnete, reagierte Madsen schnell, pragmatisch und auch auf die Gefahr hin, sich unbeliebt zu machen: Er ließ das Konzert von Johannes Oerding absagen, das der vor allem im Norden beliebte Popstar am nächsten Tag vor 5500 Fans in der Stadthalle geben sollte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zwar schon empfohlen, Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern vorerst nicht stattfinden zu lassen. In den meisten Bundesländern blieb es aber zunächst bei einer Empfehlung.

Rostock war immer einen Schritt voraus

Am 12. März kamen in Rostock weitere Corona-Fälle hinzu: Ärzte der Uniklinik Rostock, die zuvor im Skiurlaub gewesen waren. Dadurch war auch ein Kind betroffen, das in eine Schule mit über 1000 Schülern geht. Madsen ließ die Schule noch am gleichen Tag schließen, am Tag darauf, Freitag den 13. März, entschied er dann, alle Schulen ab Montag zu schließen – was dann auch das Land Mecklenburg-Vorpommern so verfügte.

Im Kleinen also gab Rostock den Takt an, dem es sich im Laufe der folgenden Wochen dann unterordnete, als landesweite Bestimmungen wie die Maskenpflicht kamen.

„Wir haben vorsorglich Mitarbeiter in Kliniken sowie Polizisten getestet“

„Vielleicht haben wir auch das Glück, dass wir weniger Skiurlauber haben“, sagt Rathaussprecher Kunze. Schließlich seien alle Infektionsketten von Rostocker Corona-Patienten auf Ischgl oder andere Skihotspots zurückzuführen. In der Stadt selbst habe sich das Virus nicht weiter verbreitet. Und das liegt vermutlich nicht nur daran, dass Verwaltung, Schulen und Veranstaltung heruntergefahren wurden.

Es liegt auch daran, dass Rostock sich – entgegen der Maßgabe des Robert-Koch-Instituts – früh entschieden hat, auch Menschen zu testen, die gar keine Symptome hatten.

„Wir haben vorsorglich die Mitarbeiter in den Kliniken, Pflegeeinrichtungen sowie Polizisten und Feuerwehrleute getestet“, erklärte Madsen in einem Interview mit N-TV. Zumindest in dem Fall einer Pflegekraft, die ohne jede Symptome positiv getestet wurde, konnte so womöglich die Ausbreitung im gesamten Pflegeheim verhindert werden.

Im Rest Deutschlands diskutierte man derweil, ob Massentests nicht zu viel der knappen Kapazitäten binden würden und die Erkenntnisse sofort überholt sein könnten.

Biotechunternehmen führt Tests durch – Kosten ungeklärt

Rostock ließ Hunderte Personen auf freiwilliger Basis testen, um das Risiko weiter einzukreisen, heißt es aus dem Rathaus. Möglich gemacht hat das die Biotechfirma Centogene, die in Rostock sitzt und an der Börse in New York Millionen macht. Centogene wurde 2006 gegründet, hat 400 Mitarbeiter und ist eigentlich auf die Diagnostik seltener angeborener Erkrankungen spezialisiert. Nach eigener Aussage ist das Unternehmen Weltmarktführer in dieser Nische.

Centogene kostet das pro Test rund 35 Euro, zahlen mussten die Menschen bisher nichts. Aus dem Rostocker Rathaus heißt es, die Firma habe ihre Leistungen der Stadt gratis angeboten. Es besteht aber offenbar noch Klärungsbedarf.

Centogene-Chef Arndt Rolfs sagte dem NDR Nordmagazin, dass er mit den kostenlosen Tests ins unternehmerische Risiko gehe und sein Motiv sei, der Gesellschaft zu helfen. Dem Bericht zufolge will Oberbürgermeister Madsen mit der Rostocker Bürgerschaft über eine Beteiligung an den Kosten reden – das sind demnach rund 210.000 Euro.

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Madsen: Lockerung ist kein „Geschenk“

Und wie geht es in Rostock weiter, ohne Corona-Infizierte? Nicht grundsätzlich anders als zuletzt, wenn es nach Madsen geht. „Eine Lockerung darf nicht verstanden werden als Geschenk, von wegen: So, das war’s“, betonte er im N-TV-Interview. Die Maßgaben sollen weiter eingehalten werden, er setze bei den Bürgern auf Eigenverantwortung und Respekt.

Im Gegenzug will er dafür sorgen, dass die Spielplätze schnell wieder geöffnet werden, heißt es aus dem Rathaus, und auch in Sachen Tourismus nächste Schritte vorausgehen – und den Besitzern von Zweitwohnungen einen Aufenthalt an der Ostsee wieder ermöglichen.

RND