Rund 20.000 Neuinfektionen, sinkender R-Wert: Was bedeuten die Corona-Kennzahlen?

Coronavirus

Die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland hat einen neuen Höchstwert erreicht. Trotzdem sinkt die Reproduktionszahl. Was bedeutet das?

von Laura Beigel

, 05.11.2020, 15:15 Uhr / Lesedauer: 3 min
Die Auswirkungen des Teil-Lockdowns spiegeln sich noch nicht im aktuellen R-Wert wieder.

Die Auswirkungen des Teil-Lockdowns spiegeln sich noch nicht im aktuellen R-Wert wieder. © picture alliance/dpa

Die zweite Corona-Welle hat Deutschland fest im Griff. Bis Donnerstagmorgen verzeichnete das Robert Koch-Institut (RKI) rund 19.990 Neuinfektionen. Damit erreichen die Fallzahlen in Deutschland einen neuen Höchststand. Gleichzeitig sinkt jedoch die Reproduktionszahl, kurz R-Wert. Wie ist das zu erklären?

Zuerst ist wichtig, zu verstehen: Der R-Wert speigelt nicht das aktuelle Infektionsgeschehen wider. Stattdessen bildet die Kennzahl die Infektionslage etwa eineinhalb Wochen zuvor ab. Am Mittwoch lag der R-Wert nach Angaben des RKI bei 0,81. Das heißt, dass ein Infizierter im Durchschnitt etwas weniger als einen weiteren Menschen ansteckt. Am Vortag hatte der Wert noch bei 0,94 gelegen. Es ist also ein leichter Rückgang zu beobachten.

RKI-Vizechef: Noch keine Trendwende

„Das ist ein Hinweis darauf, dass die Kurve im Moment vermutlich etwas flacher wird“, sagte der RKI-Vizechef, Lars Schaade, am Dienstag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Berlin mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Vertretern aus dem Gesundheitswesen. Die Auswirkungen des von Bund und Ländern verabschiedeten Teil-Lockdowns zeigen sich beim aktuellen R-Wert noch nicht.

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Schaade warnte davor, bereits von einer Trendwende zu sprechen. Das würden erst die kommenden Tage zeigen. Denn damit die Infektionszahlen sinken, müsste der R-Wert für längere Zeit unter 1,0 liegen. „Solange der R-Wert über eins liegt, haben wir exponentielles Wachstum“, so der RKI-Vizechef.

Wieder mehr ältere Menschen infizieren sich

Dieses exponentielle Wachstum zeigt sich aktuell bei den täglichen Fallzahlen. Innerhalb von einer Woche wurden in Deutschland mehr als 133.000 Corona-Neuinfektionen registriert. Allerdings muss auch bei den Fallzahlen berücksichtigt werden, dass diese auf das Infektionsgeschehen von vor mindestens zwei Wochen zurückgehen. Denn bis die Erkrankung nach der Infektion ausbricht und letztlich von einem Arzt nachgewiesen wird, können bis zu 14 Tage vergehen.

Der Anstieg der Corona-Neuinfektionen ist demnach auch ein Blick in die Vergangenheit. Gleichzeitig kann er aber zu einer schnellen Überlastung des Gesundheitssystems führen. Zwar infizieren sich derzeit noch mehr junge Menschen, aber die vermehrte Ausbreitung des Coronavirus könnte dazu führen, dass bald wieder auch mehr ältere Menschen erkranken könnten. „Seit Anfang September nimmt der Anteil älterer Personen unter den Covid-19-Fällen wieder zu“, heißt es im aktuellen Situationsbericht des RKI.

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Steigende Fallzahlen führen zu mehr Patienten auf Intensivstationen

Weil Senioren ein erhöhtes Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken, könnte der Anstieg der Corona-Fälle in älteren Bevölkerungsschichten gleichermaßen zu einer Zunahme bei den Intensivpatienten führen. Schon seit Ende September zeigt sich eine Mehrbelastung in den Krankenhäusern: Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin zählte zuletzt rund 2.546 Patienten in intensivmedizinscher Behandlung, 53 Prozent davon mit künstlicher Beatmung.

DIVI-Präsident: Alle müssen an einem Strang ziehen

„Nur wenn wir alle an einem Strang ziehen, wird es uns gelingen, die Kurve der derzeit steigenden Infektionszahlen wieder flach zu halten – und damit den Druck aus den Krankenhäusern, und hier insbesondere den Intensivstationen, herauszunehmen!“, appellierte der DIVI-Präsident, Prof. Uwe Janssens, in einem eigenen Youtube-Video.

Selbst bei einer Trendumkehr würde die Belastung der Kliniken zunächst wohl weiter zunehmen: Etwa zehn Tage dauert es nach Expertenangaben im Schnitt, bis Patienten mit Symptomen auf die Intensivstation verlegt werden müssen. Beatmete Patienten bleiben dort meist mehrere Wochen, Todesfälle treten erst im Verlauf auf. Die Zahl der Neuinfektionen wirkt sich darum erst verzögert auf die Zahl der Todesfälle aus.

PCR-Probenrückstau hat sich verfünffacht

Alleine in der 44. Kalenderwoche (26. Oktober bis 1. November) haben Mediziner mehr als 1,5 Millionen Corona-Tests durchgeführt. Dabei hat sich die Positivenquote seit der 35. Kalenderwoche (24. bis 30. August) beinahe verzehnfacht – von 0,74 auf 7,26. Das spiegelt sich in den Corona-Fallzahlen wieder.

Hinzu kommt, dass sich der PCR-Probenrückstau nach Angaben des RKI seit der 42. Kalenderwoche (12. bis 18. Oktober) nahezu verfünffacht hat. „Mit steigenden Probenzahlen, wie sie zurzeit aufgrund der weiten Indikationsstellung zu beobachten sind, verlängern sich auch die durchschnittlichen Bearbeitungszeiten, mit möglichen Konsequenzen für die zeitnahe Mitteilung des Ergebnisses an die betroffenen Personen, sowie einem größeren Verzug bei der Meldung an das Gesundheitsamt“, teilt die Behörde mit.

mit dpa

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