Sandra Maischberger: „Das hat mich emotional ganz schön durchgeschüttelt“

Spielfilm

Sandra Maischberger hat schon mehrmals Spielfilme produziert. Doch keiner davon ging ihr näher als das Ehrenmorddrama „Nur eine Frau“, erzählt sie im Interview.

von Jan Freitag

, 29.01.2020, 19:07 Uhr / Lesedauer: 3 min
Sandra Maischberger: „Das hat mich emotional ganz schön durchgeschüttelt“

Nicht nur Talkerin: Sandra Maischberger ist Produzentin mehrerer Filme. © dpa

Frau Maischberger, korrigieren Sie mich – aber „Nur eine Frau“ ist bislang Ihr erster Spielfilm ohne Doku-Elemente oder?

Es ist zwar der erste reine Spielfilm, er hat aber einen – wenngleich kleinen – dokumentarischen Anteil. Dazu hat sich unsere Produktionsfirma wie auch schon bei „Otto Weidt“ oder „Der gute Göring“ in Zusammenarbeit mit dem RBB entschieden, weil der Hintergrund, also der reale Fall von Hatun Sürücüs Ermordung vor genau 15 Jahren, fast schon zu gut dokumentiert ist, um ihn nicht auch bildlich in die Fiktion einfließen zu lassen. Entscheidend dafür war aber auch meine fixe Idee, dass Sherry Hormann diesen Film macht.

Weil Sie eine Regisseurin ist?

Auch. Mehr aber noch, weil ich bei ihren Filmen über Natascha Kampusch und Waris Dirie gesehen habe, wie tief sie ins Emotionale vordringt, ohne die harte, faktische Erzählebene zu verlassen. Das fand ich für diesen Stoff ebenso passend wie Florian Oeller, den sie mit ins Projekt gebracht hat. Ein fantastischer Drehbuchautor. Mit beiden wurde aus der anfänglichen Vorstellung, ein Dokudrama zu machen, dieser Spielfilm, der nur wenige dokumentarische Anker in die Wirklichkeit wirft.

In welcher Form?

In kleiner, aber wichtiger. Am Anfang das echte Tatortfoto oder Aufnahmen von Hatun Sürücü, dazu reale Nachrichtenbilder aus dem Prozess und ein kurzes Privatvideo. Sherrys Lieblingsdokudrama, sei Gus van Sants „Milk“ über San Franciscos schwulen Bürgermeister, der wie unser Film unmerklich winzige Realitätsschnipsel einarbeitet. Sherry kam also vom Fiktionalen und fragte, wo darf ich spielen, ich kam vom Dokumentarischen und fragte, wo muss man spielen. Das war für uns beide ein äußerst spannendes Experiment.

Das heißt, Sie greifen als Produzentin schon mal in den kreativen Prozess ein?

So wenig wie möglich, aber in diesem Fall habe ich den politisch heiklen Stoff ja zu ihr gebracht. Das Stilmittel der eingearbeiteten Fotos war ganz ihre Idee.

Und die, dass sich die Hauptfigur manchmal direkt ans Publikum wendet?

Die stammt von Florian Oeller. Wobei das eher Erzählen aus dem Off als richtige Publikumsansprache ist. Denn bei all den Kilometern von O-Tönen und Informationen blieb eigentlich nur eine Figur im Original sprachlos. Und das war?

Die Tote.

Genau. Der wollten wir die Subjektivität einer gelebten Existenz geben. Erst das entwickelt nämlich die Kraft, ihr aus der Opferrolle zu helfen. Andernfalls liegt da wie im „Tatort“ nur jemand am Boden und bietet Anlass zur Ermittlung der Todesursache. Wir allerdings erzählen ja nicht die Geschichte einer objekthaften, sondern extrem starken Frau. Diese künstlerische Freiheit war gerade für mich als Journalistin eine ungewohnte, interpretatorische Ebene. Wir wollten ihr die Stimme zurückgeben.

Sind Sie das denn der Figur oder der Gesellschaft schuldig?

Beiden. Immer. Wir machen nie Filme, die nicht auch gesellschaftlich etwas bewirken sollen. Und bei dem hier gab es zusätzlich die Motivation, meine eigenen Leerstellen dieser jungen Frau jenseits meiner journalistischen Recherche zu füllen und sie als das darzustellen, was sie für alle Frauen sein kann, ja sollte.

Nämlich?

Ein Vorbild für das, wofür sich die Emanzipationsbewegung immer eingesetzt hat: ein selbstbestimmtes Leben. Dafür – und für die Tatsache, dass das bis heute in zu vielen Bereichen der Gesellschaft noch immer nicht möglich ist – bezieht der Film unzweideutig Position.

Aber wie viel Emotionalität gewährt denn Ihr berufliches Ethos, die Berichtsgegenstände möglichst wertfrei und objektiv zu beurteilen?

Ach, da durfte ich mich als Produzentin zum Glück entspannt zurücklehnen und die Emotionalität an die künstlerische Leitung delegieren. Aber weil ich aus der Ratio komme und Sherry aus dem Bedürfnis, Geschichten zu erzählen, die die Menschen berühren, hat mich diese Arbeit emotional trotzdem ganz schön durchgeschüttelt.

Haben Sie dabei etwas über sich selbst und Ihre Arbeit gelernt?

Ich glaube, ich hoffe ja. Die tiefere Erkenntnis, wie wichtig es ist, Zuschauer emotional zu berühren, wie schwer aber auch, dabei nicht platt zu werden, also auf Tränendrüsen zu drücken, statt mitzufühlen. Dank Sherry war das eine sehr bewegende Reise für mich.

Gibt es denn, um die Gefühle sachlich zu unterfüttern, eine Talkrunde bei „Maischberger – die Woche“?

Das wäre in der Tat mein Wunsch gewesen, aber unter der einen Bedingung, es nicht selbst zu moderieren. Dafür bin ich angesichts des eigenen Films einerseits zu befangen, das hätte definitiv ein Geschmäckle gehabt.

Und andererseits?

Positioniere ich mich – zumindest in der Öffentlichkeit meiner Talkshow – nicht gern zu bestimmten Themen. Das ist meine Hygiene-Regel als Moderatorin.

Die am Ende ja immer auch eine Mediatorin oft gegensätzlicher Standpunkte ist.

Genau. In diesem Fall hatte ich mich auch vorher schon oft im Sinne der Frauenrechte positioniert. Wie soll ich mich dann da hinsetzen und die Runde neutral ins Gespräch bringen? Deshalb habe ich vorgeschlagen, mit Frank Plasberg einmalig den Platz zu tauschen oder eine andere Kollegin als Moderatorin zu bitten. Beides ließ sich aber doch nicht seriös umsetzen.

Wie populismusanfällig ist dieses Thema sowohl im Film als auch in der Berichterstattung angesichts der Tatsache, dass Menschen mit Migrationshintergrund auch hier vor allem als Opfer oder Täter vorkommen?

Nicht sonderlich. Wir schildern diese Menschen nicht nur aus diesen zwei Perspektiven, sondern eben auch aus der, muslimischer Familien, die ihr Leben teils sehr erfolgreich frei von Konventionen leben. Weil der Film diese Differenzierung zeigt, funktioniert er jenseits vieler Stereotype. Auch deshalb ist uns der übliche Shitstorm bislang wohl nicht um die Ohren geflogen. Und die Tatsache, dass selbst bei mir zu Hause, im kosmopolitischen Berlin, viele Menschen gegen ihren Willen verheiratet werden, hat mich zu sehr schockiert, um es aus Angst vor Scheuklappendenken nicht zu erzählen.