Johan Simons „King Lear“ ist ein Opfer des Coronavirus

hzSchauspielhaus Bochum

Das Coronavirus macht vor nichts Halt. Auch nicht vor dem Theater. Shakespeares „King Lear“ ist eines der Opfer. Am Schauspielhaus Bochum inszeniert Johan Simons unter Corona-Bedingungen.

Bochum

, 11.09.2020, 18:06 Uhr / Lesedauer: 2 min

Das Coronavirus bestimmt auch den Spielzeitauftakt im Schauspielhaus Bochum. Johan Simons hat sich der Herausforderung gestellt und sich auf die neuen Bedingungen eingelassen. Das ist Fluch und Segen zugleich.

Stuhlreihen wurden entfernt, weitere Plätze müssen frei bleiben. Abstand gilt für die Zuschauer, Abstand gilt auch für die Schauspieler auf der Bühne. Die Vereinzelung des Menschen wird hier wie da augenscheinlich. Johan Simon holt das 400 Jahre alte Stück in unsere Gegenwart.

Pierre Bokma ist König Lear. Im Hintergrund sind siebe Öffnungen in eine hölzerne Wand gelassen. Dahinter halten sich die Schauspieler auf, beobachtet von einer Kamera, die Bilder werden schwarz-weiß auf die Bühnenwand projiziert.

Pierre Bokma ist König Lear. Im Hintergrund sind siebe Öffnungen in eine hölzerne Wand gelassen. Dahinter halten sich die Schauspieler auf, beobachtet von einer Kamera, die Bilder werden schwarz-weiß auf die Bühnenwand projiziert. © JU Bochum

Kaum eine Berührung erlaubt der Regisseur seinen Schauspielern, die, das sei vorweg gesagt, alle großartig spielen. Doch was für eine Aufgabe. „King Lear gilt als Gipfel des Theaters, schwer einzunehmen, von dort aus blickt man in den Abgrund“, schreibt das Schauspielhaus selbst.

Erdhügel markiert das Königsreich

Und so wird es ein Abend, der fordernd für die Zuschauer ist. Sie blicken auf die Bühne von Johannes Schütz, vorne ein Erd- oder Grabhügel, Lears Reich symbolisierend, im Hintergrund geben sieben Öffnungen den Blick frei auf eine Art Aufenthaltsraum. Die Schauspieler dort werden per Kamera in Schwarz-Weiß auf die Bühnenwand projiziert. Vieles bleibt abstrakt.

Pierre Bokma und Anna Drexler brillieren als König Lear und dessen Tochter Cordelia.

Pierre Bokma und Anna Drexler brillieren als König Lear und dessen Tochter Cordelia. © JU Bochum

Wo Berührungen, Nähe unmöglich sind, braucht es die Sprache. Mit Mikrofonen verstärkt sind die Schauspieler – zumindest oben im Rang – nicht immer gut zu verstehen. Auch das macht es anstrengend. Da hilft manchmal nur der Blick auf die englische Übersetzung, zu lesen über der Bühne.

Pierre Bokma glänzt als König Lear

Und was steckt nicht alles in Shakespeares Text, neu übersetzt von Miroslava Svolikova. Johan Simons geht es um den Konflikt der Generationen, um Macht und deren Verlust, auch um Einsicht in die Verantwortlichkeit des eigenen Handelns, um Liebe und Schuld.

Termine: 18.+19. September, 19.30 Uhr, weitere Vorstellungen sind bereits ausverkauft. Karten Tel. (0234) 33335555 www.schauspielhausbochum.de

Das alles bündelt sich in Pierre Bokmas König Lear, der über drei Stunden hinweg beeindruckend eine Entwicklung zeigt. Selbstsicher, auch aufbrausend stellt er seinen drei Töchtern die Frage nach ihrer Liebe, verstößt die eine, wird von den anderen verraten. Vereinsamt, ein König ohne Land und Macht, sucht Bokmas Lear den Wahnsinn und findet Einsicht. Ihm zur Seite steht Anna Drexler. Sie spielt die Rollen der Tochter Cordelia und des Narrs, als ob es Facetten einer Figur wären.

Am Ende sterben sie wie (fast) alle anderen allein, jeder für sich. Ohne Berührung. Johan Simons hat Theater angesichts von Corona neu gedacht. Doch Theater auf Abstand darf keine dauerhafte Zukunft haben.

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