Schule, Klinik, Reise - das sind die Lehren aus dem Corona-Lockdown im Frühjahr

Coronavirus

Keiner bestreitet es mehr: Die zweite Welle in der Corona-Pandemie ist da. Aber sind die Antworten darauf durchdacht? Was ist im Frühjahr gut, was ist falsch gelaufen? Ein Überblick

Berlin

22.10.2020, 11:08 Uhr / Lesedauer: 5 min
Wie gut sind wir auf die zweite Pandemie-Welle vorbereitet?

Wie gut sind wir auf die zweite Pandemie-Welle vorbereitet? © picture alliance/dpa

Im Spätsommer gab es eine Debatte darüber, ob der damalige leichte Anstieg der täglichen Infektionszahlen bereits der Beginn der befürchteten zweiten Corona-Welle sei. Diese Frage ist erst jetzt klar beantwortet: Die zweite Welle ist da – und sie ist sogar höher als die erste.

Seit Tagen meldet das Robert-Koch-Institut (RKI) Infektionszahlen, die über den Höchstwerten des Frühjahrs liegen. Am Donnerstag waren es 11.287 Neuinfektionen innerhalb eines Tages, in über 100 Landkreisen wird die kritische Rate von 50 Infektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen überschritten.

Im Frühjahr war das gesamte Land heruntergefahren worden, um das Infektionsgeschehen wieder in den Griff zu bekommen. Und jetzt? Zweite Welle, zweiter Lockdown?

Besser aufgestellt als vor einem halben Jahr

Unbestritten ist, dass das Land heute deutlich besser aufgestellt ist als noch zu Jahresanfang. Die Wissenschaft ist viel weiter, es gibt überall ausreichend Schutzkleidung, Hygienekonzepte werden umgesetzt und die Menschen sind an das Maskentragen gewöhnt. Manche Probleme aber bleiben.

Was also haben wir gelernt für den weiteren Umgang mit der Pandemie? Wir haben uns die wichtigen Felder genauer angeschaut.

Kindertagesstätten

Beim ersten Lockdown war die Unsicherheit riesengroß, welche Rolle Kinder bei der Verbreitung des Virus spielen. Auch die ganz Kleinen mussten also lange Zeit zu Hause bleiben, was berufstätige Eltern in Schwierigkeiten brachte. Mittlerweile sind die Kitas wieder geöffnet – und es gibt dank wissenschaftlicher Begleitung neue Erkenntnisse. Kinder im Kita-Alter seien keine Infektionstreiber, so hat es Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) formuliert.

Der Corona-Kita-Studie zufolge, die noch bis Ende 2021 fortgeführt werden soll, musste nach der Wiedereröffnung nur ein Prozent der Kitas wegen Infektionen schließen. Die insgesamt stark steigenden Infektionszahlen haben sich demnach in den Kitas bisher nicht ausgewirkt.

Jetzt lesen

Bundesregierung und Landesregierungen folgern daraus, dass bei erneuten Einschränkungen Kitas im Zweifel die Letzten sein sollten, die schließen müssen. Sollte es dennoch zu generellen Schließungen kommen, kann man aus dem letzten Lockdown eines lernen:

Wichtig sind nachvollziehbare, nicht zu eng gefasste Gruppen, die ihre Kinder in die Notbetreuung schicken dürfen. Dabei geht es nicht nur um Eltern in systemrelevanten Berufen, sondern auch um berufstätige Alleinerziehende, die nicht im Homeoffice arbeiten können.

Schulen

Wie bei den Kitas haben die Politiker sich das Ziel gesetzt, großflächige, längere Schließungen diesmal zu vermeiden. Denn auch Schulen sind bislang nicht zu Superspreadern geworden. Und: Unter Schulschließungen leiden zuallererst diejenigen, die zu Hause nicht so gut gefördert werden können.

Das verschärft die in Deutschland ohnehin große Bildungsungerechtigkeit weiter – und das gilt es zu vermeiden. Helfen sollen auch Masken im Unterricht und auf jeden Fall häufiges Lüften. Die Schulzeit im Corona-Winter wird eine kalte sein.

Wären die Schulen aber diesmal besser vorbereitet, wenn es noch einmal zum Lockdown käme? Nach ersten Erfahrungen im Frühjahr sind die Sommerferien nicht genutzt worden, um eine große Fortbildungsoffensive „Digitales Unterrichten“ in die Spur zu setzen.

Die Milliarden, die der Bund für die Digitalisierung der Schulen gegeben hat, sind dort noch nicht angekommen. Zumindest gibt es die Hoffnung, dass bis Ende des Jahres viele Lehrer den versprochenen Dienstlaptop haben könnten.

Krankenhäuser

Die Sorge, dass die Intensivkapazitäten der Kliniken nicht mehr für die Versorgung von Covid-19-Patienten ausreichen, war der ausschlaggebende Grund für den Lockdown im Frühjahr. Damals gab es keinerlei Daten darüber, wie viele geeignete Behandlungsplätze in Deutschland überhaupt vorhanden sind. Doch innerhalb weniger Wochen wurde eine umfassende Datenbank aufgebaut, an die Krankenhäuser ihre Kapazitäten melden müssen.

Sie wird täglich aktualisiert: Derzeit sind in 1286 Klinikstandorten 30.276 Intensivbetten registriert. Davon sind 21.301 (71 Prozent) belegt, 880 mit Covid-19-Patienten. 8872 (28 Prozent) sind frei. Unterm Strich gibt es 10.000 Beatmungsplätze mehr als noch im Frühjahr. Innerhalb von sieben Tagen können weitere 12.000 Betten aktiviert werden. Diese im europäischen Vergleich sehr hohen Kapazitäten wurden unter anderem deshalb erreicht, weil Kliniken für jedes neu geschaffene Intensivbett eine Prämie von 50.000 Euro bekamen.

Jetzt lesen

Spitzt sich die Corona-Lage weiter zu, könnte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Kliniken wieder anweisen, planbare Operationen zu verschieben. Engpässe gibt es allerdings beim Personal im Intensivbereich. Fazit: Die Lage ist deutlich besser als im Frühjahr. Steigt aber der Anteil der Schwerkranken sehr an, geraten die Kliniken an ihre Grenzen.

Pflegeheime

Der Umgang mit Pflegebedürftigen in stationären Einrichtungen gehört zu den dunkelsten Kapiteln der Pandemiegeschichte. Weil sich im Frühjahr die Todesfälle in Heimen mehrten, wurden die Einrichtungen praktisch flächendeckend abgeriegelt. Viele Pflegebedürftige starben allein. Experten sprachen von unmenschlichen Härten.

Trotz besonders strenger Hygienekonzepte bleiben diese Einrichtungen Hotspots. Nach einer Studie der Universität Bremen aus dem Sommer ist die Sterblichkeit unter Pflegebedürftigen mehr als fünfzigmal so hoch wie im Rest der Bevölkerung. Deutlich höher ist auch das Infektionsrisiko für das Personal.

Eine Entlastung verspricht Spahn, weil in Heimen vermehrt Antigen-Schnelltests sowohl für Personal als auch für Bewohner und Besucher eingesetzt werden sollen. Damit könnte das Infektionsrisiko gesenkt werden. Derzeit stehen aber noch nicht genug Tests zur Verfügung. Die Lage in Pflegeheimen ist also nur leicht entspannt. Weiter muss mit vielen Todesfällen gerechnet werden.

Einzelhandel

Wer beim ersten Lockdown das Nötigste einkaufen musste, hatte sich an strikte Regeln zu halten. Vor vielen Supermärkten wachten Leute von Sicherheitsdiensten, um nur Kundschaft mit Mund-Nasen-Schutz reinzulassen. Da hat sich offenbar etwas festgesetzt. „Die Kunden machen noch immer sehr diszipliniert mit“, sagt ein Sprecher des Handelsverbandes HDE. Von Ansteckungen in Geschäften sei nichts bekannt. Wobei es als offenes Geheimnis gilt, dass die Abstandsregeln oft nicht eingehalten werden können.

Eine abermalige zwangsweise Schließung im Einzelhandel sei nicht nötig, meint der HDE-Sprecher. Vor allem Modegeschäfte würde das sehr hart treffen. Und die Versorgung mit dem Nötigsten? Bei einigen Warengruppen wie Toilettenpapier, Nudeln oder Teigwaren sei regional wieder eine erhöhte Nachfrage erkennbar. Die Dimensionen des Hamsterns vom Frühjahr würden aber bei Weitem nicht erreicht.

Dass es wieder leere Regale geben könnte, halten Experten für ausgeschlossen. Denn seinerzeit kamen zur erhöhten Nachfrage Engpässe, weil Lieferketten – etwa bei Obst und Gemüse – durch die Schließung von Landesgrenzen innerhalb der EU unterbrochen wurden. Diesmal baut die EU vor.

Grenzen und Warenverkehr

Eines der ersten Opfer der Pandemie war die Reisefreiheit. Ein EU-Mitglied nach dem anderen versuchte, die Ausbreitung des Coronavirus durch Grenzkontrollen und -schließungen zu verlangsamen. Angesichts steigender Infektionszahlen in ganz Europa könnte sich das wiederholen. Dänemark überlegt offenbar, seine Grenze zu Deutschland wieder zu schließen. Und in Ungarn gilt schon seit Wochen ein Einreiseverbot für die meisten Nicht-Ungarn.

Die Mitgliedsstaaten einigten sich jetzt auf ein Ampelsystem, das erneute Reisebeschränkungen verhindern soll. Das gilt aber nur für Menschen, die aus Regionen mit geringen Infektionszahlen in ähnliche Regionen reisen. Das Problem: Die EU kann nur appellieren, die Grenzen offenzuhalten. Die Entscheidung fällt in den Hauptstädten.

Zumindest der freie Warenverkehr scheint jedoch gesichert zu sein. Die EU-Staaten führten nach den frühen Erfahrungen mit der Pandemie sogenannte „Green-Lane“-Übergangsstellen für Lastwagen ein. Das System ließe sich schnell wieder aktivieren.

Kulturelles Leben

Festivals – abgesagt oder verschoben. Clubs – seit Monaten geschlossen. Kino und Theater – (noch) geöffnet, aber für viel weniger Besucher. Kultur- und Eventbetriebe trifft die Corona-Krise so hart wie kaum eine andere Branche. Nach einem Sommer mit Events wie dem Bonner Kulturgarten, zu dem nach Veranstalterangaben mehr als 45.000 Besucher coronagerecht Konzerte besuchen konnten, macht der Winter den Kulturschaffenden das Leben wieder schwerer.

Doch die Branche, die von ihrer Kreativität lebt, gibt nicht auf: Chöre proben unter einer Bahnunterführung, Musiker geben Gitarrenunterricht online oder komponieren Filmmusik. Manche Clubs bleiben geschlossen, um ohne hohe Kosten zu „überwintern“. Fans spenden das bezahlte Geld für Eintrittskarten oder kaufen Gutscheine für ihre Lieblingsclubs. Der eine oder andere Künstler orientiert sich jedoch auch um, muss Bürojobs annehmen oder studiert noch einmal.

Jetzt lesen

Um der Branche weiter unter die Arme zu greifen, hat die Bundesregierung neben dem verlängerten Überbrückungshilfeprogramm und KfW-Krediten jüngst ein weiteres Förderprogramm mit dem Namen „Neustart Kultur“ aufgelegt. Sie stellt damit 30 Millionen Euro speziell für Privattheater zur Verfügung. Gefördert werden bis zu 80 Prozent der Ausgaben für künstlerisches Personal, maximal 140.000 Euro pro Einrichtung, um die Einschnitte etwas abzumildern.

Gastronomie

Gastronomen haben nach dem ersten Lockdown schnell und gut die Schutzmaßnahmen umgesetzt – da besteht für Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), kein Zweifel. Eine Studie des Infektionsgeschehens durch das Robert-Koch-Instituts habe ergeben, dass nur 1,6 Prozent der 55.000 untersuchten Covid-19-Fälle auf Besuche in Hotels und Gaststätten zurückzuführen waren.

Jetzt lesen

„Nicht wenige Betriebe verfügen über gute Belüftungssysteme, die die Luft in den Räumen mindestens dreimal pro Stunde komplett auszutauschen“, betont Hartges. Wichtig sei aber, dass sich auch die Gäste an die Regeln halten. Das Servicepersonal habe nur begrenzte Möglichkeiten einzuschreiten, wenn sich etwa größere Gruppen treffen, „und alle sich gegenseitig um den Hals fallen“.

Hartges zeigt Verständnis dafür, dass in Hochrisikogebieten Gaststätten geschlossen werden. Entscheidend sei aber, lokale Beschränkungen so eng wie möglich zu definieren – und dass die Gäste, ob im oder vor dem Lokal, die eigene Verantwortung nie vergessen.

Lesen Sie jetzt