Schule und Kita: So würde sich eine Verlängerung des Lockdowns auswirken

Coronavirus

Drei Experten habe ihre Einschätzung geben, welche Auswirkung ein verlängertet Lockdown auf den Schulbetrieb, Arbeit und Familie hat. Am kommenden Dienstag beraten sich Bund und Länder erneut.

Berlin

02.01.2021, 13:15 Uhr / Lesedauer: 3 min
In der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz wird entschieden, ob die Schulen weiter geschlossen bleiben.

In der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz wird entschieden, ob die Schulen weiter geschlossen bleiben. © picture alliance/dpa

Am 13. Dezember kamen die Regierungschefs der Länder zuletzt mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammen, um über die deutlich steigenden Infektionszahlen zu beraten. Die Folge: Deutschland befindet sich im Lockdown – vorerst bis 10. Januar. Ob es danach jedoch zu Lockerungen in einzelnen Bereichen kommt, ist derzeit mehr als fraglich.

Schulschließungen verschärfen soziale Benachteiligung

So nachvollziehbar und – aus epidemiologischer Sicht – sinnvoll diese Maßnahme ist, bringt eine Verlängerung des Lockdowns auch Schwierigkeiten für einige Lebensbereiche mit sich. Besonders die Schließung der Schulen und Kindertagesstätten stellt Eltern wie Kinder vor Probleme. „Wir haben bei den Schulschließungen im Frühjahr eine Zunahme häuslicher Gewalt und sehr schlechte Lernbedingungen für einige Kinder und Jugendliche gesehen“, sagte Ilka Hoffmann, die Leiterin des Organisationsbereichs Schule bei der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Ein totaler Lockdown an den Schulen und Kitas sei daher für viele Kinder und Jugendliche eine Katastrophe, befürchtet Hoffmann. „Wir fordern schon seit Langem, den Schulbetrieb an das Infektionsgeschehen anzupassen und das Lernen im Wechselunterricht, in kleineren Gruppen und mit Abstand auszubauen“, sagte die Gewerkschafterin dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Dazu müsse jedoch das Personal deutlich aufgestockt werden. Hoffmann schlägt deshalb vor, für diese Zeit Lehramtsstudierende auf Honorarbasis für die Betreuung kleinerer Gruppen anzustellen.

Der Lehrerverband geht unterdessen davon aus, dass auch im Januar kein Regelunterricht stattfinden kann. Deswegen müsse man sich auf Distanzunterricht oder bestenfalls auf einen Wechselbetrieb vorbereiten, sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, am Mittwoch bei ntv.

Veronika Grimm, Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung, hält Wechselunterricht ebenfalls für eine Option – wenn auch keine ideale. „Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Schichten werden mit dem Homeschooling nicht gut erreicht“, ist die Ökonomin überzeugt. Deshalb sollte ihrer Meinung nach alles daran gesetzt werden, Präsenzunterricht – möglicherweise in geteilten Gruppen – zu realisieren.

Wenn das nicht möglich sei, müsse alles dafür getan werden, damit die Schere bei der Bildungsgerechtigkeit nicht weiter auseinandergehe. „Das kann nicht alleine den vielen engagierten Schulen und Lehrern aufgebürdet werden. Hier muss es seitens der zuständigen Ministerien Unterstützung geben, gerade auch finanziell und organisatorisch“, so Grimm.

Zugleich zeigte sich die Wissenschaftlerin von der Universität Nürnberg-Erlangen besorgt, was die wirtschaftlichen Folgen von Schulschließungen anbelangt: Angesichts der Weihnachtsferien sei der Lockdown naheliegend gewesen. Andauernde Schulschließungen würden aber die Verfügbarkeit von Eltern als Arbeitskräfte einschränken. „Das kann sich zusätzlich zu den schon bestehenden Einschränkungen negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung auswirken“, so Grimm.

Längere Schul- und Kitaschließungen könnten dazu führen, dass Frauen ihre Erwerbsarbeitszeit weiter reduzieren, warnt auch Bettina Kohlrausch. „Frauen erhalten seltener eine Aufstockung des Kurzarbeitergeldes und haben ohnehin häufiger geringere Löhne“, sagte die wissenschaftliche Direktorin der Hans-Böckler-Stiftung dem RND. „Eine Verlängerung des Lockdowns könnte Frauen daher auch materiell besonders hart treffen.“

Diese Befürchtung teilt auch Ilka Hoffmann. „Die Corona-Krise hat gezeigt, auf welche Berufe es besonders ankommt“, so die Schulexpertin. „Es sind im wesentlichen ‚Frauenberufe‘.“ Doch die Forderungen der Erzieherinnen und Lehrerinnen nach mehr Gehalt und besseren Arbeitsbedingungen stießen bislang auf taube Ohren. Es müsse endlich zu einem politischen Gesinnungswandel kommen, fordert Hoffmann: „Von Sonntagsreden und Applaus kann sich niemand etwas kaufen.“

Gewerkschaft fordert wirtschaftliche Entlastung von Familien

Geht es nach Kohlrausch, bräuchte es dringend unbürokratische Instrumente, Eltern für Verdienstausfälle zu entschädigen, wenn sie wegen der Kinderbetreuung nicht arbeiten können. „Es ist wichtig, auch die sozialen Folgen im Blick zu haben und Maßnahmen zu deren Eindämmung mit zu beschließen“, so Kohlrausch. Ihrer Ansicht nach liegt das Problem in der Geringschätzung häuslicher Arbeit: „Grundsätzlich muss anerkannt werden, dass Kinderbetreuung Arbeit ist, die nicht nebenbei im Homeoffice erledigt werden kann.“

Die wissenschaftliche Direktorin der Hans-Böckler-Stiftung fordert von der Politik auch die zusätzliche Einführung eines Mindestkurzarbeitsgeldes, das „die Existenz auch während der Krise sichert“. Dieses solle sich am Mindestlohn orientieren und wenigstens 1.200 Euro betragen. Ende November hatte der Bundestag beschlossen, die Sonderregeln zur Kurzarbeit bis Ende 2021 zu verlängern. Doch Geringverdiener bleiben bei 70 bis 77 Prozent vom Nettolohn auch mit Kurzarbeitergeld unter den von Kohlrausch genannten 1200 Euro.

RND

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