Seelendrama der Kaputten

Schauspielhaus Dortmund

Ein Trauerspiel, Zerfleischung einer Sippe. Alle gegen alle. Mutter betäubt sich mit Tabletten. Der Vater greift zur Flasche und ist eines Tages verschwunden. Als die Töchter anreisen, brechen alte Wunden auf, in die man Salz streut, bis es wehtut.

DORTMUND

, 25.10.2015, 14:11 Uhr / Lesedauer: 1 min
Familientreffen: Mutter Violet (Friederike Tiefenbacher, 2.v.r.) im Kreis ihrer Lieben (v.l.:  Bettina Lieder, Janine Kreß und Merle Wasmuth)

Familientreffen: Mutter Violet (Friederike Tiefenbacher, 2.v.r.) im Kreis ihrer Lieben (v.l.: Bettina Lieder, Janine Kreß und Merle Wasmuth)

Keiner kann dich mehr verletzen als die, die dir nahestehen. Tracy Letts’ Tragikomödie "Eine Familie" (verfilmt als "Im August in Osage County"), am Samstag feierte das Stück Premiere am Dortmunder Schauspielhaus, beschreibt eine Beziehungs-Hölle von Strindbergscher Tiefe. Ein Sujet wie bei Thomas Vinterbergs "Das Fest", Reibungshitze, die an "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" erinnert.

Am Ende sind die Lebenslügen aufgedeckt, Sicherheiten zertrümmert, die Fluchtwege ins Glück versperrt. Was bleibt, ist Verzweiflung, überall Erniedrigte und Beleidigte. Ein intensiver, anstrengender, grandioser Theaterabend.

Homogene Truppe

Getragen von Schauspielern, die wundersam feinnervig agieren. Alle sind auf Augenhöhe. Es gibt keine Ausfälle, niemand schwächelt, jeder ist glaubwürdig in seiner Rolle. Solch eine kompakte, homogene Truppe sieht man nicht alle Tage, Chapeau!

Sascha Hawemann (Regie) führt das Ensemble sehr geschmeidig auf nach hinten ausladender Bühne samt Drehbühne (Wolf Gutjahr) und kitzelt das Beste aus den Darstellern.

Die Inszenierung (drei Stunden) kennt keinen Leerlauf, hält jederzeit die Spannung und bringt grimmigen Witz in die allgemeine Traurigkeit, ohne dass der Wechsel der Tonart zum Stilbruch würde.

Regie-Ideen

Schöne Regie-Ideen gibt es auch: Die Nebelmaschine dient als Joint, mit dem sich das Teenie-Gör Jean (Marlene Keil) "krass" bedampft. Sie möchte wohl entspannen vom Hickhack zwischen ihren Eltern (Carlos Lobo, Merle Wasmuth) und dem Stunk zwischen ihrer Oma Violet und deren drei Töchtern.

Friederike Tiefenbachers Violet ist der Fixstern in dieser Familienaufstellung. Eine schwarze Sonne, die Bosheit abstrahlt, wenn ihr danach ist. Dann schurigelt sie ihre Töchter, auch wenn sie Pillen-groggy nur noch lallt.

Traumata und Clinch

Der Schmerz ihrer Kindheit wird zum Schmerz ihrer Kinder. Erziehung, Ehe, Partnerwahl. Traumata und Defekte, ewiger Clinch zwischen Mann und Frau. Es steckt viel Wahres in diesem Seelendrama der Kaputten.

 

Termine: 30.10., 11./ 22. 11., Karten: Tel. (0231) 5027222.

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