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Prügel auf der Theaterbühne

SELM Mit „Frühlingserwachen“ präsentiert die Theater AG des Selmer Gymnasiums ihre achte Bühnenproduktion. Seit 2001 wird jährlich zwischen Februar und April ein Stück gezeigt, an dem seit Schuljahresbeginn geprobt wurde. Matthias Münch durfte bei einer der Proben dabei sein.

von Von Matthias Münch

, 08.02.2008
Prügel auf der Theaterbühne

Hier geht es noch zu friedlich zu.

"Ihr könnt euch ruhig prügeln. Und ihr seid viel zu nett zu Daniel. Also noch mal raus und dann wieder rein." Die Anweisungen kommen von Regisseurin Andrea Heming."We don't need no education" hämmert während dessen von der Bühne. Na ja: Im Moment perlt das Remake des Pink Floyd-Stücks nur aus dem Lautsprecher. Richtig dröhnen wird es erst bei der Aufführung. Jetzt ist Probe angesagt im Forum des städtischen Gymnasiums. Da geht es nicht so laut, nebenan wird gelernt.

Verhaltener Probenbeginn

Die zu leisen Klänge passen zum verhaltenen Beginn der Probe: Die fünf Schauspieler Alexander, Nils, Kevin, Charlotte und Daniel kommen erneut auf die Bühne. Sie purzeln große Buchstabenwürfel vor sich her und schubsen sich ein bisschen. Deutschlehrerin Andrea Heming greift wieder ein: "Das reicht nicht. Ärgert euch. Verprügelt Daniel. Der Junge ist total ätzend. Der liest sogar ein Buch. Denkt dran: Daniel ist eine richtige Zecke." Das wirkt. Nun geht es endlich zur Sache. Die Fetzen fliegen.

Schüler wie Marionetten

 

In dem Moment klatscht die Regisseurin in die Hände und die Bewegungen der Schüler frieren ein. Brav wie Marionetten formen sie mit ihren Buchstaben das Wort "Korrektionsanstalt" Heute würde man Erziehungscamp sagen. Die vier Zöglinge, die dort leben, funktionieren nur durch Drill. Werden sie frei gelassen, herrscht Chaos.

In diese Anstalt wird Melchior von seinen Eltern gesteckt, weil er ein Mädchen geschwängert hat. Die Eltern halten das Heim für einen Ort des Anstands und der guten Sitten. Doch diese Szene aus Frank Wedekinds altem Theaterstück zeigt, was da wirklich los ist.

Auf der Suche nach Liebe

Es geht um das Schicksal der Jugendlichen Melchior (Daniel Brudniewicz)' Moritz (Nils Bauer), Mona (Sarah Weßling) und Wendla (Linda Content). Dass sie dabei auf der Suche nach der Liebe und sich selbst sind, macht das Leben nicht einfacher. Am Schluss des Stückes geht es um die Wahl: Leben oder Tod?

Wedekinds harsche Kritik richtet sich auch gegen die damalige aufklärungsfeindliche Gesellschaft und die verständnislosen und überforderten Eltern. Die jüngste Diskussion um sogenannte Erziehungscamps lässt Wedekinds Welt gar nicht so überholt erscheinen.

Dickes Lob für Fiesheit

In seiner Korrektionsanstalt hockt Melchior nun, von den anderen Jugendlichen frisch malträtiert, und beobachtet, wie die vier etwas sehr Unanständiges machen. "Mach mit" ruft einer und Melchior überlegt: "Muss ich mitmachen? Nein. Ich muss hier weg." "Gehe ich dann von der Bühne?", fragt Daniel seine Regisseurin. "Am besten, du rennst in die andere Ecke", antwortet sie. Und Daniel alias Melchior rennt. Schnitt. Ende der Szene.

Jetzt ist Andrea Heming entspannt: "Das war am Anfang viel zu zahm. Aber nun bin ich zufrieden." Am Ende sind die Schüler richtig fies und gemein - und bekommen dafür ein dickes Lob von ihrer Lehrerein.

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