So wird man Ligetis Oper „Le Grand Macabre“ nie wieder sehen

Ruhr-Residenz der Berliner

Weil der Tod betrunken ist, fällt der Weltuntergang aus. Es ist eine groteske Situation, in die der ungarische Komponist György Ligeti die Zuschauer seiner Oper "Le Grand Macabre" geschubst hat. Und ein spannendes und selten aufgeführtes Stück Musiktheater. Sir Simon Rattle und Star-Regisseur Peter Sellars haben die 1978 uraufgeführte Oper gerade im Januar in London halbszenisch herausgebracht. Ende der Woche ist sie in drei ausverkauften Vorstellungen in der Berliner Philharmonie zu sehen, dann kommt sie ins Konzerthaus Dortmund und in die Philharmonie Essen. Ein Probenbesuch in Berlin.

BERLIN

, 13.02.2017, 15:46 Uhr / Lesedauer: 3 min
Peter Sellars (l.) und Sir Simon Ratle mit Regiebuch und Partitur zu Ligetis Oper ?Le Grand Macabre?. Der Starregisseur und der Dirigent freuen sich auf die Ruhr-Residenz im Konzerthaus Dortmund und in der Philharmonie Essen.

Peter Sellars (l.) und Sir Simon Ratle mit Regiebuch und Partitur zu Ligetis Oper ?Le Grand Macabre?. Der Starregisseur und der Dirigent freuen sich auf die Ruhr-Residenz im Konzerthaus Dortmund und in der Philharmonie Essen.

Die Stimmung ist familiär, fröhlich und erwartungsvoll. Sellars und Rattle haben schon mehrfach zusammengearbeitet, und sie freuen sich sehr auf die "Ruhr-Residenz".

Sellars kommt mit dem Regiebuch unterm Arm zum Gespräch, Simon Rattle schleppt die riesige gelbe Partitur. "Es ist das erste Mal, dass die Partitur größer ist als der Regisseur", scherzt der Dirigent: "Und sie ist schwerer als meine zwei Jahre alte Tochter."

Götterdämmerung, Parsifal und Bruckner

Rattle blättert in der Partitur. "In dieser Oper ist jeder Ton ein Geheimnis", sagt er: "Für die Musiker ist es so schwer zu spielen, fast unmöglich, aber eine Freude, zu hören. Und die letzten 45 Minuten der Oper sind Götterdämmerung, Parsifal, Bruckner - alles. Es ist so wunderschön.

Es ist nicht nur eine der komischsten Opern aller Zeiten, sondern auch eines der originellsten und manchmal geradezu hinreißend schönsten Stücke des 20. Jahrhunderts. Wenn man das Unbeschreibliche beschreiben sollte, könnte man sagen: Monteverdi trifft Monty Python."

20 Jahre Freundschaft mit Ligeti

"Komm, Peter, erzähl' mal die Geschichte, wie diese Fassung zustande gekommen ist", ermuntert Rattle den Regisseur. Das tut der Amerikaner mit der Bürstenfrisur, der alle - wirklich alle - herzlich umarmt: "Ich war 20 Jahre gut mit Ligeti befreundet, und habe zu ihm gesagt, 'Werf' doch noch mal einen neuen Blick auf den Macabre. Du musst kürzen und ein neues Ende schreiben.' Das hat er dann tatsächlich gemacht."

Hupe und Türklingel

Die Uraufführung der neuen Fassung 1996 in Salzburg (zehn Jahre vor Ligetis Tod) war ein Riesenerfolg. Diese Fassung kommt nun ins Ruhrgebiet. Die konzertante Aufführung ist ein einmaliges Erlebnis, weil das Orchester auf der Bühne sitzt und man zum ersten Mal sehen wird, was die Musiker spielen - auch Autohupe, Mundharmonika, Sirene und Türklingel.

Im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie probt Sellars mit den Solisten. Ligetis Idee, war, zu zeigen, wie nah wir alle am Ende sind. Sellars zeigt das zwischen Fässern mit radioaktivem Inhalt und einem Bett, in dem die Sängerin am Tropf hängt.

Videos aus Tschernobyl

Sopranistin Heidi Melton und Bassist Frode Olsen sitzen an Schreibtischen, tippen in Laptops, Nahaufnahmen ihrer Gesichter werden auf die großen Leinwände projiziert; es ist die zweite Szene der Oper. Später laufen auf den Leinwänden auch Videos aus Tschernobyl. Spielerisch hat sich Ligeti dem Thema Weltuntergang gewidmet, und spielerisch geht auch Peter Sellars damit um. Was leicht und witzig aussieht, ist Präzisionsarbeit.

Sellars beobachtet, spielt innerlich mit, korrigiert Winzigkeiten. Ein Perfektionist. Das Ergebnis soll überwältigen - in Berlin, Dortmund und Essen. Die Berlinale-Juroren, die traditionell nach der Jurysitzung zum Konzert geladen sind, sehen den "Macabre" am Samstag als Erste, danach die Dortmunder.

Das beste Orchester für diese Musik

"Die Berliner Philharmoniker sind das allerbeste Orchester für diese Musik, sie haben einen so reichen Klang. Die ganzen Farben und das Licht, die in meiner Inszenierung eine Rolle spielen, hört man im Orchester. Es ist ein besonderes Privileg, diese Oper mit dem Orchester auf der Bühne zu sehen. Dadurch bekommt das Stück eine neue Qualität. Man sieht, wie die Musik entsteht und man hört neue Dinge", sagt Sellars.

Bild für Bild und Takt für Takt erleben wir eine Geschichte, und jedes Instrument hat darin eine Stimme, jedes Cello und jeder Kontrabass spielt etwas anderes. "Das ist spannend zu beobachten und für uns alle eine Herausforderung und aufregend. Als ich zum ersten Mal Ligeti gehört habe, habe ich gestaunt, was er für wunderschöne Musik geschrieben hat", erzählt der Regisseur.

 

Publikum sitzt mittendrin

Peter Sellars hat sich die beiden Häuser im Ruhrgebiet, in denen er inszenieren wird, angeschaut. "In Dortmund ist es spannend, und in Essen speziell. In Dortmund sitzt das Publikum mitten drin in der Musik, die Mitwirkenden sind auf den ganzen Saal verteilt", sagt er und betont: "Wir hören und sehen das Stück anders als die Menschen damals oder die Zuschauer in Salzburg 1996. Jede Generation wird etwas anderes fühlen. Die Oper bekommt eine neue Qualität, weil wir mit schockierenden Bildern jeden Tag umgehen müssen. Wir hören intensiver."

Termine: 23.2. , Karten: Tel. (0231) 22696200; 25.2. , Karten: Tel. (0201) 8122200.

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