Studie: Berufspendler haben Verbreitung des Coronavirus in Deutschland verstärkt

Coronavirus

Berufspendler könnten die Verbreitung des Coronavirus in Deutschland beschleunigt haben. Das zeigt eine neue Studie. Die Autoren plädieren dafür, weiterhin massiv auf die Nutzung von Homeoffice zu setzen.

Berlin

26.05.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Viele Arbeitnehmer fahren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit.

Viele Arbeitnehmer fahren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit. © picture alliance/dpa

Etwa 13 Millionen Deutsche pendeln laut Bundesagentur für Arbeit mehr oder weniger regelmäßig - und könnten so die Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland beschleunigt haben. Zu dem Ergebnis kommen Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und der Universität Nürnberg in einer neuen Untersuchung, die der „Wirtschaftsdienst“ veröffentlicht hat.

„Es zeigt sich sehr, sehr deutlich, dass das Virus mit den Pendelnden von A nach B kam“, sagte Claus Michelsen, leitender Konjunkturforscher am DIW, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Er hat gemeinsam mit Andreas Mense (Universität Nürnberg-Erlangen) untersucht, inwiefern sich die Ausbreitung des Virus in einem Landkreis auf Regionen auswirkt, die mit dem ursprünglichen Landkreis wirtschaftlich eng verflochten sind. Dafür nutzten sie Daten zur Mobilität von Pendlern, die die Bundesagentur für Arbeit schon länger erhebt, sowie Landkreis-bezogenen Daten des Robert-Koch-Instituts zur Zahl der gemeldeten Coronafälle.

Das Ergebnis: Kommt es in einem Landkreis zu einem Ausbruch, erwischt es mit hoher Wahrscheinlichkeit in der folgenden Woche auch die Landkreise, in die viele Pendler unterwegs sind - oder aus denen viele Pendler in Richtung des ursprünglichen Landkreises fahren. Entlang der Daten von Michelsen und Andres ist der Zusammenhang statistisch signifikant.

Zeitweise waren Pendler der größte Faktor

Tatsächlich könnte das berufliche Pendeln sogar der wichtigste Faktor bei der Ausbreitung des Virus gewesen sein. Das Wissenschaftler-Duo hat auch in seine Untersuchung einbezogen, dass die Witterung, die Bevölkerungsdichte und die Zahl der bereits Infizierten in einem Landkreis Auswirkungen auf die Zahl der Fälle in der folgenden Woche haben.

„Insbesondere in Kalenderwoche 12 sind die mittelbar durch Pendlerverflechtungen entstehenden Infektionen für den mit Abstand größten Teil der neuen Fälle verantwortlich“, lesen die Wissenschaftler aber aus ihren Daten ab. Ende der 12. Kalenderwoche hatten sich Bund und Länder auf weitgehende Kontaktverbote und Einschränkungen des öffentlichen Lebens geeinigt.

Infolge dessen sank der Einfluss der Berufspendler deutlich, wie aus den Daten der Studie hervorgeht. Die Wissenschaftler sprechen von einer Angleichung der Infektionsrisiken in Regionen mit hohem und niedrigen Pendleraufkommen. Trotzdem sei der Zusammenhang zwischen Pendeln und Coronaausbreitung signifikant geblieben. Das könnte daran liegen, dass auch nach Inkrafttreten der Einschränkungen weiterhin Pendler unterwegs waren - etwa, weil sie in systemrelevanten Berufen tätig sind.

Ergebnis deckt sich mit anderen Studien

„Ein wichtiger Verbreitungsweg des Coronavirus scheint über die interregionalen Pendlerverflechtungen zu führen“, schlussfolgern die Wissenschaftler aus ihrer Untersuchung. Das decke sich mit Erkenntnissen zur Verbreitung anderer Infektionskrankheiten aus der Vergangenheit. Zugleich betont Michelsen, als Ökonom und nicht als Virologe oder Epidemiologe auf das Thema zu blicken. „Wie die Übertragungswege aus epidemiologischer Sicht funktionieren, können wir deshalb nicht sagen“, so Michelsen.

Aus Frankreich lägen allerdings detaillierte medizinische Erkenntnisse zur Ausbreitung der Grippe vor. „Die stehen komplett im Einklang mit unseren Ergebnissen“, sagt Michelsen über seine Forschung zum Coronavirus. „Auch andere Studien deuten darauf hin, dass die Arbeitswelt entscheidend für die Ausbreitung ist - und weniger die Aktivität im Handel oder im öffentlichen Personennahverkehr“, bekräftigt Michelsen außerdem.

Homeoffice bleibt weiterhin sinnvoll

Er und Mense empfehlen deshalb Unternehmen und Politik, weiterhin auf das Homeoffice zu setzen. Zwar bestehe auch etwa bei Fahrten zum Einkauf in andere Regionen ein Risiko, das Coronavirus einzuschleppen oder sich dort anzustecken. Doch das lasse sich mit Hygieneschutzkonzepten deutlich reduzieren. Und zugleich sei es für Einzelhandel und Dienstleister wichtig, die Geschäfte wieder aufnehmen zu können.

Homeoffice könne hingegen genutzt werden, ohne das große ökonomische Kosten verursacht würden. Und weil dabei die Frequenz reduziert werde, mit der sich Menschen aus unterschiedlichen Wohnorten begegnen, sei die Arbeit von Zuhause aus „ein sehr wirksamer Weg, um das Infektionsgeschehen zu reduzieren“, meint Michelsen.

Homeoffice-Nutzung geht zurück

Derzeit zeichnet sich allerdings das Gegenteil ab: Während zu Hochzeiten der Corona-Ausbreitung bis zu 40 Prozent der Beschäftigten zumindest teilweise im Home-Office waren, gehen die Zahlen nun offenbar zurück. „Bewegungsprofile legen nahe, dass sich gerade vieles wieder an den Arbeitsort verlagert“, sagt Michelsen.

Unterdessen bekräftigte das Bundesarbeitsministerium (BMAS), dass die Arbeit von Zuhause aus weiterhin geboten ist. Mitte April hatte das BMAS Arbeitsschutzstandards definiert, die unter anderem vorsehen, dass so viel wie möglich im Homeoffice erledigt wird. Der damals von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) vorgestellte Arbeitsschutzstandard gelte unverändert, teilte eine BMAS-Sprecherin dem RND auf Anfrage mit.

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