Studie: Corona-Warn-Apps scheitern in öffentlichen Verkehrsmitteln

Coronavirus

Die Corona-Warn-Apps geraten im öffentlichen Nahverkehr an ihre Grenzen. Das haben irische Forscher bei einer Untersuchung herausgefunden. Die Schwachstelle der Warn-Apps ist auch bekannt.

von Mila Krull

, 17.08.2020, 16:23 Uhr / Lesedauer: 3 min
Die Corona-Warn-Apps geraten im öffentlichen Nahverkehr an ihre Grenzen. (Symbolbild)

Die Corona-Warn-Apps geraten im öffentlichen Nahverkehr an ihre Grenzen. (Symbolbild) © picture alliance/dpa

Wenig Abstand und zahlreiche anonyme Begegnungen: Einer der wichtigsten Anwendungsbereiche der Corona-Warn-App ist der öffentliche Personenverkehr. Forscher um Douglas J. Leith und Stephen Farrell von der Schule für Computerwissenschaften und Statistik des Trinity Colleges in Dublin haben in einer Studie untersucht, inwieweit die Tracing-Apps aus Deutschland, Italien und der Schweiz in Straßenbahnen funktionieren. Dabei kamen sie zu einem ernüchternden Ergebnis: In der Mehrheit der Fälle gelang es nicht, die Abstände zwischen den einzelnen Nutzern richtig zu ermitteln.

Für die Untersuchung wurden sieben Teilnehmer mit einem Google-Pixel-2-Smartphone ausgestattet. In einer Straßenbahn mit einer französischen Standardausführung, die in Europa weit verbreitet ist, nahmen die Testpersonen verschiedene Positionen ein, um die Abstandsmessung zu überprüfen. Verwendet wurde ein WLAN-Hotspot, und die Teilnehmer wurden gebeten, ihr Smartphone wie im alltäglichen Gebrauch zu nutzen.

Straßenbahndesign sorgt für Probleme bei der Abstandsmessung

Im Rahmen der Studie untersuchten die Forscher die Modelle der Tracing-Apps, die in Deutschland, Italien und der Schweiz Verwendung finden. Bei den Erkennungsregeln der deutschen Corona-Warn-App und der Schweizer App SwissCovid konnten die Forscher in keinem Fall einen Abstandsalarm ermitteln. Und das, obwohl die Tester für den kritischen Zeitraum von 15 Minuten nah beieinander saßen. Bei der italienischen Regel habe die Abstandserkennung in 50 Prozent der Fälle richtig gelegen, in 50 Prozent der Fälle allerdings falsch. Das Fazit der Forscher: Die Erkennungsregeln der Apps funktionieren so zuverlässig wie eine völlig zufällige Auswahl an Passagieren.

Der Abstandsalarm ist bei der herkömmlichen Nutzung der Apps nicht einsehbar. User können nicht überprüfen, ob sich ein App-Nutzer in der Nähe befindet. Für das Experiment haben die Forscher eine sogenannte Exposure-Notification-App von Google modifiziert und auf ihre Bedürfnisse angepasst.

Als Ursache für die fehlerhafte Messung führen die Autoren der Studie die metallenen Strukturen der Verkehrsmittel an, die zu Schwankungen im Bluetooth-Signal führen. Die Konstruktion der Straßenbahn führe dazu, dass sich das Signal teilweise um knapp 30 Dezibel veränderte, obwohl die Testpersonen an gleicher Position saßen. Die Forscher nehmen an, dass die Metallelemente der Bahn reflektierend wirken und so das Signal verstärken. Die Varianz des Signals führe zu erheblichen Probleme bei der tatsächlichen Abstandserkennung, da die Apps annehmen, dass sich der ermittelte Kontakt bewegt. Eine konstante Messung sei so nicht möglich. Eine Lösung für das Problem legen die Forscher in ihrem Papier nicht vor.

Keine konkreten Zahlen über Warnhinweise

Nach wie vor berichten Nutzer auch über technische Probleme mit der deutschen Corona-Warn-App. Das Update 1.2.0 etwa brachte die App reihenweise zum Absturz. Ein schneller Fix in der Version 1.2.1 sollte das Problem lösen, allerdings werden nach wie vor unterschiedliche Fehlermeldungen eingeblendet. Einen detaillierten Überblick über die häufigsten Probleme haben die Entwickler auf ihrer Webseite in den Fragen und Antworten bereitgestellt.

Trotz der Probleme gilt die deutsche Warn-App in Europa als Erfolgsmodell. Mittlerweile wurde das Tool, das dabei helfen soll, Infektionsketten nachzuverfolgen und zu verlangsamen, mehr als 17 Millionen Mal heruntergeladen. Wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, wurden seit Start der App mehr als 1300 Telefon-TANs herausgegeben. Diese Codes erhalten positiv getestete Nutzer der App, wenn sie ihre Infektion über die Telefonhotline der App melden. Wer den Code anschließend in die App eingibt, löst automatisch eine Warnung an alle bisherigen Kontakte aus. Wie viele Infizierte sich tatsächlich über die Anwendung gemeldet haben, ist nicht bekannt. Denn neben der Telefonidentifikation haben Erkrankte die Möglichkeit, einen QR-Code aus dem Testlabor einzuscannen. Das Gesundheitsministerium kennt hier jedoch keine Zahlen. Auch darüber, wie viele Menschen bereits gewarnt wurden, liegen keine Informationen vor.

Auch international hat die Corona-Warn-App Zuspruch erhalten. Die EU-Kommission hat Ende vergangenen Monats die Deutsche Telekom und SAP damit beauftragt, eine europäische Schnittstelle für alle bisher verfügbaren Apps zu entwickeln. Die Plattform soll ermöglichen, dass die Tracing-Tools verschiedener Länder miteinander kommunizieren können. Das betrifft zunächst vor allem dezentrale Apps wie die Modelle aus der Schweiz, Italien oder den Niederlanden. Bei Anwendungen, die wie die französische App einen zentralen Ansatz verfolgen, dürfte die Integration schwieriger sein.

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