Studie: Coronavirus verlangsamt Hirnströme - Langzeitschäden denkbar

Coronavirus

Studien deuten darauf hin, dass das Coronavirus das Gehirn schädigen kann. Neurologen haben nun bei Corona-Patienten verlangsamte Hirnströme nachweisen können. Langzeitschäden könnten folgen.

von Laura Beigel

, 06.11.2020, 12:36 Uhr / Lesedauer: 2 min
Forscher in den USA haben bei Corona-Patienten verlangsamte Hirnströme festgestellt - das könnte auf Folgeschäden hindeuten.

Forscher in den USA haben bei Corona-Patienten verlangsamte Hirnströme festgestellt - das könnte auf Folgeschäden hindeuten. © picture alliance/dpa

Kopfschmerzen, Krampfanfälle, Delirium, Schwindel – über diese und andere neurologischen Symptome berichten Ärzte im Zusammenhang mit Covid-19. Schon seit längerer Zeit mehren sich Studien, die nahelegen, dass das als Lungenvirus bekannt gewordene Coronavirus Sars-CoV-2 mitunter Schäden im Gehirn verursachen kann.

Arun Raj Antony und Zulfi Haneef vom Baylor College of Medicine und von der University of Pittsburgh haben nun neue Erkenntnisse sammeln können, wie Covid-19 die Funktion des Gehirns beeinflusst. Dafür analysierten sie mehr als 80 Studien, die sich dem Thema widmen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie im Fachmagazin Seizure: European Journal of Epilepsy.

Corona-Patienten weisen Veränderungen im Frontallappen auf

Die beiden US-amerikanischen Neurologen konzentrierten sich bei ihren Untersuchungen auf Anomalien des Gehirns, die in Elektro-Enzephalogrammen (EEG) sichtbar wurden. Mithilfe von EEGs lässt sich die elektrische Aktivität in verschiedenen Teilen des Gehirns messen.

Rund ein Drittel der Corona-Patienten, bei denen ein EEG durchgeführt wurde, wies Veränderungen im Frontallappen des Gehirns auf. Häufig war es eine allgemeine Verlangsamung der Hirnströme, was auf eine gestörte Hirnaktivität hindeutet. Der Frontallappen im Gehirn ist unter anderem für logisches Denken und Entscheidungsfindung zuständig. Außerdem dient er dazu, Emotionen zu regulieren und Verhalten zu kontrollieren.

Die meisten Patienten sind männlich

„Wir fanden mehr als 600 Patienten, die auf diese Weise betroffen waren“, wird Haneef in einer Mitteilung seiner Universität zitiert. „Früher, als wir dies in kleinen Gruppen sahen, waren wir nicht sicher, ob dies nur ein Zufall war, aber jetzt können wir getrost sagen, dass es einen Zusammenhang gibt.“

Bei den meisten Corona-Patienten wurde ein EEG aufgrund eines veränderten Geisteszustandes durchgeführt. Sie reagierten beispielsweise langsamer auf Reize, waren verwirrt oder hatten Sprachprobleme. Auffällig war zudem, dass die Mehrheit der Patienten männlich und durchschnittlich 61 Jahre alt ist.

Gehirnschäden sind womöglich irreparabel

Die bei Corona-Patienten nachgewiesenen EEG-Veränderungen können auch langfristige, irreparable Schäden auslösen. „Wie wir wissen, ist das Gehirn ein Organ, das sich nicht regenerieren kann. Wenn Sie also einen Schaden haben, wird dieser höchstwahrscheinlich dauerhaft sein oder Sie werden sich nicht vollständig erholen“, sagt Haneef.

Und er fügt hinzu: „Viele Menschen glauben, dass sie die Krankheit bekommen, gesund werden und alles wieder normal wird, aber diese Befunde sagen uns, dass es langfristige Probleme geben könnte, was wir vermutet haben, und jetzt finden wir weitere Beweise, die das untermauern.“ Der Neurologe plädiert dafür, EEGs sowie andere Formen der Bildgebung wie MRT- oder CT-Scans an einem breiteren Spektrum von Corona-Patienten durchzuführen. So sei es möglich, den Frontallappen genauer zu erforschen.

Im Gehirn hat Sars-CoV-2 ein hohes Replikationspotenzial

Immunbiologen der Yale School of Medicine hatten bereits Anfang September Beweise dafür gefunden, dass Sars-CoV-2 das Gehirn schädigen kann. In ihrer Preprint-Studie infizierten sie Mäuse und menschliche Organoide – also eine organähnliche Mikrostruktur mit Stammzellen – mit dem Coronavirus. „Insbesondere zeigen unsere Experimente, dass das Gehirn ein Ort für ein hohes Replikationspotenzial für Sars-CoV-2 ist“, schrieben die Forscher. Auch benachbarte Zellen könne das Virus angreifen.

Diese Untersuchung ist nur eine von vielen, die sich der Frage widmet, inwiefern das Coronavirus das Gehirn angreift. Auch das Robert Koch-Institut hat neurologische Symptome in seinen Sars-CoV-2-Steckbrief aufgenommen.

Covid-19 kann auch in anderen Organen auftreten

„Covid-19 kann sich in vielfältiger Weise und nicht nur in der Lunge, sondern auch in anderen Organsystemen manifestieren“, schreibt Deutschlands oberste Gesundheitsbehörde. „Als neurologische Symptome werden Kopfschmerzen, Schwindel und andere Beeinträchtigungen beschrieben, die neuroinvasive Eigenschaften des Virus vermuten lassen.“ Über Langzeitfolgen könne noch keine eindeutige Aussage getroffen werden.

Lesen Sie jetzt