Studie: Kinder ansteckender als gedacht?

Coronavirus

Forscher haben beobachtet, dass Kinder durchaus Überträger des Coronavirus sein können. Allerdings stecken sie eher Gleichaltrige an. Die Forscher sprechen sich nun für weitere Konsequenzen aus.

Hannover

von Alice Mecke

, 03.10.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min
Laut einer umfangreichen Analyse von Infektionsketten könnten Kinder bei der Ausbreitung des Coronavirus eine größere Rolle spielen, als frühere Untersuchungen nahelegten. (Symbolbild)

Laut einer umfangreichen Analyse von Infektionsketten könnten Kinder bei der Ausbreitung des Coronavirus eine größere Rolle spielen, als frühere Untersuchungen nahelegten. (Symbolbild) © picture alliance/dpa

Seit Beginn der Corona-Pandemie wird untersucht, welche Rolle Kinder bei der Übertragung des Virus spielen. Bekannt ist mittlerweile, dass Kinder deutlich seltener schwer an Covid-19 erkranken als Erwachsene. Unklar ist aber, in welchem Maß sie das Virus weitergeben.

Von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte es in einem Vergleich von Covid-19 und Influenza geheißen, dass Kinder in der Corona-Pandemie – anders als im Fall der Grippe – wohl keine bedeutsamen Treiber für Übertragungen seien. Eine neue Studie widerspricht dieser Annahme.

Laut einer umfangreichen Analyse von Infektionsketten in den indischen Bundesstaaten Tamil Nadu und Andhra Pradesh könnten Kinder bei der Ausbreitung des Coronavirus eine größere Rolle spielen, als frühere Untersuchungen nahelegten. Zudem gibt offenbar nur ein Bruchteil der infizierten Menschen das Virus weiter, berichtet ein internationales Forscherteam im Fachblatt „Science“.

Für die Analyse hatten die Wissenschaftler Daten von mehr als 570.000 Menschen aus allen Altersstufen ausgewertet, die dem Coronavirus ausgesetzt waren. Die Ergebnisse könnten wichtige Erkenntnisse nicht nur für Indien, sondern auch für andere Länder liefern, schreiben die Autoren.

Kinder stecken vor allem andere Kinder an

Die erste Erkenntnis ist, dass infizierte Kinder das Virus laut den Daten vor allem an Gleichaltrige weitergaben. Bei Kleinkindern bis vier Jahren waren bis zu 25 Prozent der gleichaltrigen Kontaktpersonen positiv. Bei den Fünf- bis Neunjährigen und bei Zehn- bis 14-Jährigen waren es bis zu 20 Prozent.

„Kinder sind sehr effiziente Überträger, was sich in früheren Studien nicht so gezeigt hat“, sagte Studienautor Ramanan Laxminarayan von der Princeton University. Erwachsene wurden von Kindern dagegen offenbar deutlich seltener angesteckt, hier lag der Wert zwischen 5 und 8 Prozent. Soziale Interaktionen zwischen Kindern – beispielsweise in Kitas oder Schulen – könnten demnach durchaus eine Infektion fördern. Tatsächlich sank die Zahl der infizierten Kinder unter den Studienteilnehmern, nachdem in weiten Teilen der beiden untersuchten indischen Bundesstaaten die Schulen geschlossen worden waren.

Allerdings ist die Übertragung innerhalb einer Altersgruppe auch bei Erwachsenen und älteren Menschen beobachtet worden. „Das könnte Unterschiede in der Natur der sozialen und physischen Interaktionen zwischen und innerhalb der Generationen in Indien widerspiegeln“, so die Forscher.

Die Schwierigkeiten der Kontaktverfolgung

Auch ein Forscherteam um den Virologen Christian Drosten fand Hinweise darauf, dass Kinder ähnlich ansteckend sind wie Erwachsene, da sie bei einer Infektion ähnlich viele Viren im Rachen tragen wie Erwachsene. Untersuchungen von Infektionsketten in Haushalten zeigten allerdings nur in Einzelfällen, dass Kinder und Jugendliche andere ähnlich häufig oder sogar häufiger anstecken als Erwachsene.

Die aktuelle Analyse konnte diese Widersprüche nicht aufklären. Kontaktverfolgungen wissenschaftlich zu untersuchen sei extrem aufwendig. Es lasse sich nicht immer verfolgen, wer zuerst infiziert war. Auch, weil Menschen ohne Symptome wahrscheinlich ansteckend sein können. Kinder dürften deshalb nur selten als Indexpatienten erkannt werden, vermuten die Forscher. So waren nur 64 der mehr als 1300 Indexpatienten, für die Testergebnisse ihrer Kontaktpersonen vorlagen, Kinder. Ihre Rolle in der Pandemie könnte dadurch unterschätzt werden, schreibt das Forschungsteam.

Superspreader: Aus 8 werden 60 Prozent

Die Bedeutung von Superspreading-Events wurde in der Studie ebenfalls verdeutlicht. Entscheidend dabei sind aber wahrscheinlich nicht die Infizierten, sondern die Umstände, unter denen sie mit anderen in Kontakt kommen. „Superspreading-Events sind eher die Regel als die Ausnahme, wenn man sich die Ausbreitung von Covid-19 in Indien anschaut und wahrscheinlich auch in allen anderen betroffenen Gebieten“, sagt Laxminarayan.

So waren 8 Prozent der mit Corona infizierten Ausgangsfälle für 60 Prozent der sekundären Infektionen verantwortlich. Demgegenüber steckten 71 Prozent dieser Indexfälle keine einzige weitere Person an. „Unsere Studie repräsentiert damit die größte jemals bei einer Infektionskrankheit erhobene empirische Demonstration des Superspreading“, sagte Laxminarayan.

Bei der Studie fand man außerdem heraus, dass die Sterblichkeitsrate im Alter von fünf bis 17 Jahren bei 0,05 Prozent lag, im Alter ab 85 Jahren bei 16 Prozent. Insgesamt betrug die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken, zwischen 2,6 und 9 Prozent. Am höchsten war das Risiko, wenn die Betroffenen in einem Haushalt zusammenlebten.

Die Autoren der Studie sprechen sich für mehr Überwachung und Kontaktverfolgungen aus, da sie als wichtige Komponenten für die öffentliche Gesundheit zählen. Auch die Schließungen von Kitas und Grundschulen hätten das Infektionsgeschehen bei Kindern minimiert.

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