Tatort-Regisseur Dominik Graf: Ruhrgebiets-Melancholie als Inspiration

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Grimme-Preis-Träger Dominik Graf inszenierte den ersten Film des Tatort-Jubiläumszweiteilers „In der Familie". Mit Dortmund verbindet den Regisseur mehr als nur die Arbeit vor Ort.

Dortmund

, 17.11.2020, 15:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

„In der Familie“ ist der Titel des Jubiläums-Tatorts zum 50. Geburtstag der Krimi-Reihe. Inszeniert wurde der Fall, bei dem die Dortmunder Ermittler mit den Münchner Kommissaren zusammenarbeiten müssen, als Zweiteiler. Für den ersten Teil, der Ende 2019 in Dortmund gedreht wurde, zeichnet Regisseur Dominik Graf verantwortlich. Im Interview erzählt der zehnfache Grimme-Preis-Träger über seine persönliche Beziehung zum Tatort, zum Ruhrgebiet und über den Dreh des Jubiläums-Filmes.

? Herr Graf, was fällt Ihnen spontan beim Gedanken an 50 Jahre Tatort ein?

Zunächst natürlich der Blick in die Vergangenheit. Unbestritten war das damals eine ziemlich gute Idee. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen strotzte zu der Zeit vor vielen und sehr guten Ideen. Tatort ist eine der wenigen davon, die übrig geblieben sind. Und die Frage auch beim Publikum ist permanent, ob der Tatort heutzutage noch mithalten kann. Ist er noch gut? Ist er qualitativ oben? Ist er zu platt oder zu schlicht? Oder zu kompliziert oder gar zu trashig?

Aber insgesamt kann man dieser Veranstaltung zum 50. Jahrestag ein sehr gutes Zeugnis ausstellen. Alleine die Tatsache, dass trotz vieler Konkurrenzsendungen immer noch nach 50 Jahren neue Zuschauer generiert werden - das ist schon eine eigene Form von Auszeichnung. Obwohl es auch mal Phasen gab, in denen der Tatort mau war. Insofern kann man nur sagen: Flasche aufmachen – und drauf trinken!

? Wann war der Tatort Ihrer Meinung nach denn langweiliger?

Ich glaube – und da kann ich mich sicherlich auch furchtbar irren – dass während der Schimanski-Zeit die anderen Ermittler ein wenig in Schockstarre hängen blieben. An der Seite von Schimanski sind in den 80ern alle ein bisschen geschrumpft. Ich will jetzt keine Titel nennen. Man muss in einer Feierstunde niemanden benörgeln.

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? Verfolgt man als Tatort-Macher auch regelmäßig den Tatort, oder macht man das eher sporadisch?

In den 90er- und den 2000er-Jahren haben meine Frau und ich oft den aktuellen Tatort geguckt. Da gab's Wiederholungen meist sehr spät angesetzt. Eine Mediathek gab es auch noch nicht. Als Regisseur verfolgt man das natürlich – genauso wie man versucht, den ganzen anderen kreativen Ausstoß der Kollegen in den Blick zu kriegen. Man will wissen, wer was macht, wer gute Ideen hat.

Und manchmal bekommt man mit, dass sich da große Türen öffnen, ganze Truppen von talentierten Regisseurinnen und Regisseuren plötzlich Aufmerksamkeit bekommen. So wie das damals bei der Berliner Schule der Fall war. Ich denke zum Beispiel an Christian Petzold. Der hat zwar leider bislang noch keinen Tatort gemacht, aber mehrere Filme für die Polizeiruf-Serie.

? Welche Eindrücke haben Sie beim Dreh für „In der Familie“ von Dortmund gewonnen?

Da mein Vater aus Dortmund stammte, war ich als Kind oft dort. Ich hatte eine Erinnerung an die Stadt. Man bemerkt dort heute fast nur Fliehkräfte. In weiten Teilen des Ruhrgebiets hat man den Eindruck einer großen Depression. Vielleicht war das auch 1984 schon so, als wir in Duisburg mit Götz George „Schwarzes Wochenende“ gedreht haben. Wir haben das damals noch nicht gemerkt, der große Rheinhausen-Stahl-Crash stand noch bevor.

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Es bleibt dieser Landschaft gegenüber immer ein melancholisches Gefühl. Auch in Marl zum Beispiel. Für den Tatort hatten wir das Hauptmotiv nicht im Zentrum. Aber auch im Bereich ums U herum haben wir gefilmt, da wird im direkten Vergleich mit alten Fotos in Boenischs Büro deutlich, was sich verändert hat. Die Arbeit für die Menschen gibt es nicht mehr, und bei Winkelmanns Installation am U treibt's einem die Tränen in die Augen. Aber es schwingt im Ruhgebiet auch immer noch so eine aufmüpfige Freiheit mit, die mir gut gefällt, um darin Geschichten zu erzählen, die sogar explosive Formen annehmen können. Ich empfand Dortmund im vergangenen November/Dezember als extrem inspirierend. Der leichte Trauerflor, der über der Stadt hängt, hat etwas Schönes. Aber vielleicht habe ich eine etwas andere Auffassung von Schönheit.

? Wie kam es dazu, dass gerade die Münchner mit den Dortmundern für das Jubiläum zusammen ermitteln sollten?

Das müssen Sie die Verantwortlichen beim Sender fragen, aber mir hat die Idee sehr gefallen. München ist übrigens auch vom Verfall betroffen, aber von einem anderen Verfall, von der Pest der Hybris. München verliert jeglichen Charme, weil es sich mit neuen Protzbauten und auseinander driftenden Bevölkerungsstrukturen völlig übernimmt.

In den ersten Präsentationen zum Buch gab es auch Gedanken an lokale Gags, beispielsweise – recht simpel- übers Münchner und Dortmunder Bier. Aber der tiefe Ernst von Langes Stoff hat die Witzchen als überflüssig anfühlen lassen. Trotzdem - die Münchner Kommissare sind ja Freunde des offenen Wortes, die Dortmunder haben einen gewundeneren Weg zum Kern der Dinge. Es hat wahnsinnigen Spaß gemacht mit diesen so unterschiedlichen Schauspielern zusammenzuarbeiten.

? Hat die Corona-Pandemie Auswirkungen auf Ihre aktuellen Projekte gehabt?

Nein, mich hat es weniger hart getroffen als den Teil zwei von Pia Strietmann. Ich hatte nur noch einen Münchner Corona-Drehtag zu „In der Familie“, und ich war 2020 nur beschäftigt, Filme fertigzumachen, die 2019 gedreht wurden. Vor allem war das eben der Jubiläums-Tatort – und ist immer noch mein Spielfilm „Fabian“.

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? Sind Sie daran interessiert, was die Zuschauer so über ihre Filme im Internet schreiben?

Freunde schicken mir manchmal Kommentare aus dem Netz zu. Der Tatort ist für viele Deutsche so etwas, wie der röhrende Hirsch früher an der Kleinbürger-Wohnzimmerwand. Er muss immer glänzen, muss geputzt sein. Wenn er mal schief hängt, dann wird er sofort wieder geradegerückt. Die Panik ist groß, wenn ein Geweihstück abgebrochen ist.

So ist der Tatort – er muss stimmen für die Zuschauer, sonst fühlen sie sich um ihre „Gebühren“ betrogen. Ich kann die Sehnsucht nach der Konvention verstehen. Aber hey, die Leute vergessen manchmal, dass das Genre des harten Polizeifilms nicht das Ohnsorg-Theater ist. Die Welt entwickelt sich eher zögerlich weiter. Die Erzählformen des Kinos und des Fernsehens waren im letzten Jahrhundert weiter als heute. Die Gegenwart hinkt an diesem Punkt der Vergangenheit hinterher. Muss ich deshalb auch „zeitgemäß“ arbeiten? Auf keinen Fall. Und das verursacht Ärger.

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? Würde es Sie reizen, einen Tatort-Film fürs Kino zu inszenieren?

Immer, wenn Idee und Drehbuch gut sind, würde ich, wenn ich Zeit habe, einen Kinofilm machen. Mit Erschrecken hatte ich gesehen, dass der Kino-Tatort mit Til Schweiger untergegangen ist. Obwohl die Hamburger Tatorte im Fernsehen wirklich aufsehenerregend waren. Daraus kann man vielleicht schließen, dass die Leute das mit dem Tatort im Fernsehen und im Kino nicht mehr so wirklich zusammenkriegen, so wie damals bei den Schimanski-Kinofilmen. Auch nicht mit einem Star wie Til Schweiger. Es geht dabei sicher nicht um die Qualität des Films, sondern es geht um die Schublade eines Labels. Tatort wird halt nicht mehr im Kino verortet. Schade. Vielleicht wird es heute als „unordentlich“ empfunden, wenn man einen Tatort ins Kino bringt? Der Deutsche ist ein ordentlicher Mensch.

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