“Tatort”-Star Mark Waschke: “Ich werde Merets Wahnsinn vermissen”

Interview

Die Krimireihe zeige, wie Deutsche sich gern selbst sehen wollen. Mark Waschke über den “Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht” und über seine Kollegin Meret Becker, die 2022 aufhört.

Berlin

04.10.2020, 19:20 Uhr / Lesedauer: 3 min
Der Schauspieler Mark Waschke hat im Interview über den Berliner Tatort "Ein paar Worte nach Mitternacht” und andere Themen gesprochen.

Der Schauspieler Mark Waschke hat im Interview über den Berliner Tatort "Ein paar Worte nach Mitternacht” und andere Themen gesprochen. © picture alliance/dpa

Mark Waschke (48) spielte schon mit neun Jahren (Kinder-) Theater. Er hatte eine Punkband, studierte in Berlin Schauspiel in einer Klasse mit Lars Eidinger, Devid Striesow, Nina Hoss.

Seit 2015 ist er an der Seite von Meret Becker der Berliner “Tatort”-Kommissar Robert Karow. Mysteryfans kennen ihn auch aus der Netflix-Serie “Dark”. Der “Tatort”-Krimi “Ein paar Worte nach Mitternacht” ist am Sonntag um 20.15 Uhr in der ARD zu sehen.

Der “Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht” ist einer der letzten, den Sie mit Meret Becker gedreht haben – sie steigt 2022 aus. Was werden Sie am meisten an ihr vermissen?

Ihre Herzlichkeit, ihren Humor, ihre Leichtigkeit und ihren Wahnsinn. Wir können das beide nur machen, weil wir ein bisschen wahnsinnig sind. In jedem “Tatort” gibt es ein, zwei Momente, bei denen ich weiß, dieser Blick oder Spruch ist zwischen uns entstanden. Das geht nur mit einer großen Offenheit und Lust aufeinander, man muss auch den Mut haben, seinen Riss in der Schüssel mit Würde zu zeigen.

Ist der “Tatort” für Sie auch ein zeitlich begrenztes Projekt?

Ich begreife jeden “Tatort” als eigenen Film. Solange das Buch für den nächsten Film gut ist, drehe ich noch einen. Natürlich kenne ich die Rolle und irgendwann bin ich bestimmt fertig damit. Ob das aber morgen ist oder in zehn Jahren, das kann ich nicht sagen.

Im aktuellen “Tatort” geht es auch um 30 Jahre deutsche Einheit. Was haben Sie am Tag des Mauerfalls gemacht?

Ich war 17 und habe in einer WG in Westdeutschland gewohnt. Wir hatten einen Schwarz-Weiß-Fernseher, der aussah, als wäre er aus einem Gebrauchtwarenladen in der DDR geklaut worden, und haben den Mauerfall da gesehen.

Ich fand es okay, dass die Mauer gefallen ist, aber ich war kein Freund von dieser Art von Wiedervereinigung. Es gab eigentlich im Grundgesetz von 1949 einen Paragrafen für den Fall einer Wiedervereinigung, der gesagt hat, dass eine neue Verfassung gebildet wird, wenn es zu einer Wiedervereinigung kommen sollte.

Aber das war dann allen viel zu kompliziert, weil man dann auch darüber hätte nachdenken müssen, was vielleicht an Kinderbetreuung im Osten oder Frauenrechten oder Lohngleichheit gar nicht schlecht war. Das ist nicht passiert.

Was würden Sie sich da aktuell von der Politik wünschen?

Man könnte jetzt das machen, was man vor 30 Jahren versäumt hat: eine Verfassungsdiskussion führen. Auch angesichts dessen, was aktuell in der ganzen Welt, aber auch direkt vor unserer Nase in Europa passiert, könnte man noch mal grundsätzlich darüber nachdenken, wie man zusammen leben will. Dann geht es vielleicht darum, nationalstaatliche Grenzen zumindest im Kopf mal infrage zu stellen.

Im aktuellen “Tatort” geht es um die Nazi-Zeit, den Holocaust, die Zeit danach. Wie wichtig ist es, dass der “Tatort” nicht nur Krimi ist?

Ein Freund von mir aus Portugal sagt immer: “Schaut euch den ‘Tatort’ an, da begreift man, wie die Deutschen sich selbst sehen.” Das heißt nicht, dass Deutschland so ist, wie es im “Tatort” dargestellt wird, aber dass man doch viel darüber erfährt, wie die Deutschen gern wären.

Der “Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht” ist einer der letzten, den Mark Waschke mit Meret Becker gedreht hat.

Der “Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht” ist einer der letzten, den Mark Waschke mit Meret Becker gedreht hat. © pa/obs rbb/Claudius Pflug

Ich finde, dass es im “Tatort” nicht nur darum geht, einen Mord aufzuklären. In Deutschland werden ungefähr 400 Menschen im Jahr umgebracht. Im deutschen Fernsehen sind es etwa zehnmal so viele. Da kann es nicht nur darum gehen, zu gucken, wie die gestorben sind.

Dass es in den Geschichten auch darum geht, wie das persönliche Schicksal in ein gesellschaftliches Geschehen eingebunden ist, finde ich selbstverständlich. Weil der Mord aufgeklärt ist, ist das Übel noch nicht aus der Welt geschaffen. Das ist für mich ein wichtiger Antrieb, diese Geschichten mit zu erzählen.

Es geht in den Krimis auch um die Persönlichkeit der Ermittler. Im neuen Fall nimmt Karow eine Studentin spontan zu seinen Eltern mit und tut so, als sei es seine Freundin. Wie würden Sie reagieren, wenn Ihre Tochter so was macht?

Wenn meine Tochter einen Bullen mit nach Hause bringen würde, würde ich sagen: Raus! (lacht) Ich mag an der Szene vor allem das Spielerische. Es ist auch das erste Mal, dass meine Eltern eingeführt werden.

Es ist interessant, dass es mit denen auch so ist, wie es eben mit Eltern ist – man liebt sich und hasst sich. Ich mag diese schräge Verbindung wie in allen guten partnerschaftlichen Beziehungen und Freundschaften, in denen man sich ein bisschen provozieren muss, um sich zu spüren.

Müssen Sie auch provozieren, um sich zu spüren?

Wer sich wie ich entscheidet, Schauspieler zu werden, braucht eine gewisse Mischung aus Exhibitionismus, Narzissmus und dieser “Ich habe was ganz Wichtiges zu sagen”-Einstellung.

Letzten Endes machen wir alle das nur, um Anerkennung zu bekommen. Das kann als Schauspieler wesentlich körperlicher, extremer und unappetitlicher sein als bei einer Journalistin beispielsweise. Ich spüre mich dabei selbst immer ein bisschen.

RND