Teil-Lockdown - und dann? Sieben langfristige Corona-Strategien

Coronavirus

Ein internationales Team aus Wissenschaftlern hat sieben Punkte ausgemacht, auf die Regierungen in Europa nach dem Lockdown setzen sollten - damit das Infektionsgeschehen nicht erneut entgleitet.

Berlin

12.11.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Wie geht es nach dem Teil-Lockdown weiter?

Wie geht es nach dem Teil-Lockdown weiter? © picture alliance/dpa

Europas Regierungen haben die Notbremse gezogen und erneut Lockdowns verhängt- mal etwas milder wie in Deutschland, mal strikter wie in Österreich und Italien. Wie im Frühjahr wird es also irgendwann auch wieder Lockerungen geben. Die Gefahr bleibt, erneut in ein exponenzielles Wachstum zu rutschen, viele Kranke zu haben und das Gesundheitswesen zu überlasten.

Auf Strategien abseits einer Verbotskultur pocht Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie an der Universität Bonn. Er finde zwar, dass der erneut beschlossene Lockdown angesichts der intensivmedizinischen Bettenbelegung gut und richtig gewesen sei, sagte er am Dienstagabend in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz. „Was mir jetzt aber auch wieder fehlt, ist eigentlich etwas ganz anderes: Wir reden viel zu wenig über Langzeitstrategien, also wie man langfristig auch bis spät ins nächste Jahr und vielleicht auch übernächste Jahr damit umgehen kann.“ Es sei wichtig, darüber jetzt zu debattieren.

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Lockdowns seien notwendig, wenn andere Strategien zur Eindämmung der Epidemie versagt haben, betont auch Viola Priesemann vom Max-Planck Institut für Dynamik und Selbstorganisation. „Es ist wichtig, dass die Regierung aus dieser zweiten Welle lernt und die Zeit eines Lockdowns nun gut nutzt“, forderte die Forscherin zuletzt auf Twitter. Es gehe jetzt darum, zu überlegen, was wir tun können, „um zu verhindern, dass wir in ein paar Monaten in der gleichen Lage sind“.

Aber was heißt das konkret? Ansätze dafür liefert ein Artikel von Wissenschaftlern. Modellierer, Epidemiologen und Virologen aus Deutschland, England, Italien, Australien und den USA haben ihn vor wenigen Tagen in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht. Konkret geht es um sieben Strategien für Großbritannien. Es könne aus den Fehlern der letzten Monate gelernt werden. „Diese Veröffentlichung wendet sich vor allem an die Regierungen“, erklärt auch Priesemann, die die Empfehlungen ebenfalls miterarbeitet hat. Die Ansätze seien auch auf Deutschland übertragbar.

1. Testen und Kontakte nachverfolgen

„Entweder brauchen wir mehr Tests - oder besser noch weniger Neuerkrankungen“, erläutert Priesemann die Empfehlung für die Regierungen. Bislang sei die Eindämmung weniger schnell als das Virus. Infizierte Kontaktpersonen wüssten unter Umständen nicht, dass sie ansteckend sind - und infizieren dann weitere Menschen. In den letzten Monaten habe sich gezeigt, dass die Nachverfolgung am besten funktioniert, wenn die Fallzahlen niedrig sind. Bei lokal auftretenden Ausbrüchen - wie etwa im Sommer bei der Fleischerei-Fabrik Tönnies - lohne eine konsequente Eindämmung. Mobile Teams könnten dann auch helfen.

Die Menschen in Isolation oder Quarantäne müssten laut der Wissenschaftler unterstützt werden - durch finanzielle, soziale, psychologische und praktische Hilfe. Wenn eine Ansteckung eines Familienmitgliedes wahrscheinlich ist, sei es sinnvoll, wenn auch die anderen Haushaltsmitglieder vorsorglich in Quarantäne gehen, damit sie das Virus nicht weitertragen, erläutert Priesemann.

2. Gesundheitssystem nicht überlasten

Das Gesundheitssystem müsse unterstützt und geschützt werden, damit es mit der Krankheit Covid-19 fertig wird, routinemäßige Pflege leisten und die signifikante Morbidität durch langes Covid-19 bewältigt werden könne. Am effektivsten funktioniere das, indem die Anzahl der Neuerkrankungen in der Gesamtbevölkerung gesenkt werde. Nach einem Jahrzehnt der Unterfinanzierung benötigten die Gesundheitsdienste zudem dringend finanzielle Unterstützung, angemessene persönliche Schutzausrüstung und Maßnahmen zur Verbesserung der Bedingungen für das Personal, so die Wissenschaftler.

3. Schulen offen lassen

„Drittens müssen wir eine kontinuierliche und ununterbrochene Bildung für Kinder jeden Alters sicherstellen“, heißt es im Artikel. Auch dazu müsste die Ausbreitung in der Gesamtbevölkerung und in den Schulen vermieden werden. Konkret bedeute das: bessere Belüftung, kleine Klassengrößen. „Wir empfehlen die Verwendung von Gesichtsbedeckungen für Mitarbeiter und Schüler der Sekundarstufe (mit Ausnahmen) und halten zur Verwendung von Masken bei Grundschulkindern an“, heißt es.

Wenn Online-Learning erforderlich sei, müsse die Regierung dafür sorgen, dass Geräte und Breitband für alle Kinder verfügbar sei, und die Familien dabei unterstützen. Bei hoher Inzidenz sollten die Universitäten zum Online-Unterricht übergehen und die Studierenden dabei unterstützen, sicher zu Hause zu lernen.

4. Unterstützung für diejenigen, die am stärksten betroffen sind

Es brauche wirtschaftliche Unterstützungspakete. Vor allem für ethnische Minderheiten sei eine gezielte Unterstützung nötig, da sie oft aufgrund von Rassismus, Stigmatisierung und schlechtem Wohnraum einem höheren Ansteckungsrisiko ausgesetzt seien. Zum Schutz von Kindern und Frauen, die in Armut leben und von häuslicher Gewalt bedroht sind, sei ebenfalls staatliche Unterstützung notwendig.

5. Leitlinien am Arbeitsplatz

Arbeitsplätze müssten die erforderlichen Sicherheitsstandards erfüllen, um genutzt werden zu können. Arbeitgeber und Unternehmen soll dabei laut den Wissenschaftlern unter Umständen finanziell geholfen werden. Homeoffice und mobiles Arbeiten solle überall ermöglicht werden, wo es umsetzbar ist, erläutert auch Priesemann: „Ein flexibler Übergang zwischen Präsenz- und mobilem Arbeiten sollte jederzeit möglich sein, damit man schnell regieren kann, wenn die Fallzahlen es notwendig machen.“

6. Koordination in Europa

Es brauche eine gemeinsame Strategie und ein gemeinsames Ziel in Europa. Das beinhalte beispielsweise koordinierte Reisebeschränkungen, Datenaustausch, das Zusammenschalten von Rückverfolgungs-Apps, Verwenden von EU-Formularen zur Passagiersuche sowie die Beschaffung und Verteilung von Impfstoffen. „Eine Eindämmung gelingt am besten, wenn sie von allen europäischen Ländern gemeinsam konsequent verfolgt wird“, erläutert Priesemann.

7. Klare Kommunikation mit der Bevölkerung

Es brauche klare und ehrliche Botschaften der Regierung über Ziele der Eindämmung und die Herausforderungen durch die Pandemie. „Das Fehlen davon hat Misstrauen gedeihen lassen“, urteilen die Wissenschaftler. Die Regierungen müssten dringend das Vertrauen der Öffentlichkeit wiederherstellen. Es sollten beispielsweise tägliche Briefings wieder aufgenommen werden. Dazu zähle auch, Fehler einzugestehen, die eigenen Fähigkeiten und Erfolge nicht überzubewerten und die Öffentlichkeit als gleichberechtigte Partner zu behandeln. Es müsse klar kommuniziert werden, dass Schulbildung, die Gesundheitsversorgung und die Wirtschaft untrennbar mit der Kontrolle von Covid-19 verbunden sind. Das seien keine konkurrierenden Ziele.

RND

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