Unendliche Unruhe im Marvin-Prozess: Anwältin blockiert Zeugenbefragung

Landgericht Bochum

Juristische Scharmützel im Prozess um den Fall Marvin: Ein Telefax von Nebenklage-Anwältin verhinderte am Montag eine Zeugenvernehmung - eine Ärztin hatte plötzlich Redeverbot.

Bochum

, 06.10.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 1 min
Nebenklage-Anwältin Marie Lingnau im Interview.

Nebenklage-Anwältin Marie Lingnau im Interview. © wvb

Aussetzungsanträge, Befangenheitsvorwürfe und wieder einkassierte Zusagen: Der Prozess um den Fall Marvin wird seit Wochen überschattet von Unruhe und kritischen Detailfragen. Beinahe durchweg gab und gibt es Beschwerden von Marvins Anwältin, aber auch vonseiten der Verteidiger. Erstaunlich: Bei den jüngsten Anträgen waren sich Angeklagten- und Opferseite sogar völlig einig.

Selbstleseverfahren

Die aktuelle Kritik der Prozessbeteiligten stößt sich an einem zuletzt angeordneten, sogenannten „Selbstleseverfahren“. Anders als üblich werden Beweismittel dabei nicht in öffentlicher Hauptverhandlung verlesen oder angeschaut, sondern durch Richter und Schöffen ähnlich wie bei einer Art „Hausaufgabe“ am Schreibtisch abgearbeitet. Vor wenigen Tagen hatten die Richter ein solches Selbstleseverfahren für das Anschauen von rund 16.500 kinderpornografischen Bildern und Videos auf beim Angeklagten sichergestellten Datenträgern angeordnet. Am Montag legte Verteidiger Markus Kluck offiziell dagegen Widerspruch ein und verlangte, den Prozess entweder auszusetzen oder jedes einzelne Bild und jedes einzelne Video in der Hauptverhandlung „in Augenschein zu nehmen“. Auch die Nebenklage schloss sich Widerspruch und Aussetzungsantrag ausdrücklich an.

Taktischer Rückzieher

Für zusätzliche Verwirrung sorgte Marvins Anwältin auch mit einem kurzfristigen (taktischen) Rückzieher. Nachdem die Richter zuletzt die Vernehmung einer Kinderpsychiaterin nicht wie gebeten auf einen anderen Prozesstag verschoben hatte, überbrachte Anwältin Marie Lingnau am Sonntag kurzerhand per Telefax die Rücknahme der Schweigepflichtentbindung. Folge: Die sichtlich irritierte Ärztin (extra aus Krefeld angereist) musste am Montag ohne Zeugenaussage wieder nach Hause fahren.

Der wegen Kindeporno-Besitzes vorbestrafte Lars H. soll den anfangs 13-jährigen Marvin jahrelang in seiner Wohnung im Süden von Recklinghausen versteckt, mit Geld und Zigaretten belohnt und hundertfach missbraucht haben. Entdeckt wurde Marvin Ende 2019 bei einer Kinderporno-Razzia in der Wohnung des Angeklagten in einem Kleiderschrank. Die (nicht-öffentliche) Zeugenbefragung Marvins ist für den 14. November vorgesehen.

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