Ungelöste Probleme: Wo die deutsche Corona-Bekämpfung stockt

Analyse

Das deutsche Krisenmanagement bei der Corona-Pandemie gilt im Ausland als vorbildlich, daheim aber wächst die Skepsis. Ein Überblick über Schwächen und Baustellen.

Berlin

20.05.2020, 07:51 Uhr / Lesedauer: 5 min
Etliche Probleme in der Corona-Krise sind noch nicht gelöst.

Etliche Probleme in der Corona-Krise sind noch nicht gelöst. © picture alliance/dpa

Im internationalen Vergleich wird Deutschland für sein Management der Corona-Krise oft als Vorbild angeführt. Hierzulande steigt jedoch die Nervosität: Hatte die Bundesregierung nicht etliche Schritte versprochen, die eine gezieltere Virus-Bekämpfung und weitere Lockerungen der Anti-Corona-Maßnahmen ermöglichen würden? Warten Klinik- und Pflegepersonal nicht schon zu lange auf versprochene Hilfe? Was wird aus Familien mit kleinen Kindern?

Denn auch das zeigt der Blick ins Ausland: Viele Probleme, die Deutschland plagen, sind anderswo schon gelöst. Ein Überblick über die Felder, in denen das deutsche Krisenmanagement nach wie vor stockt.

Überlastete Gesundheitsämter

Es klang beruhigend, was Bundeskanzlerin Angela Merkel Anfang Mai zu sagen hatte. „Wir haben es im Großen und Ganzen geschafft, die Infektionsketten nachverfolgen zu können, das ist vor allem das Ergebnis der Stärkung der Arbeit unserer Gesundheitsämter.“ Die Ämter, so die Botschaft, hätten die Lage im Griff – auch, weil die Politik die Personaletats massiv erhöht hatte.

Inzwischen gibt es etliche Hinweise darauf, dass das mindestens zu optimistisch war. Als erstes meldete sich die Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes und kritisierte den Schwellenwert, der den „Notfallmechanimus“ auf Kreisebene auslöst: Ab 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen müssen Kreise schärfere Maßnahmen erlassen. Die Zahl hatte Merkel ausdrücklich damit begründet, dass die Ämter sie noch bewältigen könnten.

Mitarbeiter des Gesundheitsamt in Berlin-Mitte in der ambulanten Corona-Test-Einrichtung.

Mitarbeiter des Gesundheitsamt in Berlin-Mitte in der ambulanten Corona-Test-Einrichtung. © picture alliance/dpa

„Wie die Gesundheitsämter damit klar kommen sollen, ist mir ein Rätsel. Das ist nicht zu schaffen“, sagte dagegen Verbandschefin Ute Teichert dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Die Gesundheitsämter werden ohne dauerhafte Personalunterstützung in die Knie gehen.“ Wenig später meldeten NDR und WDR, dass zwei Drittel der Ämter angegeben hätten, zu wenig Mitarbeiter für die Verfolgung enger Kontaktpersonen zu haben. Auch der Präsident des Robert-Koch-Institutes (RKI), Lothar Wieler, weist darauf hin, dass viele Gesundheitsämter nicht über die Kapazitäten verfügten, um Ausbrüche adäquat zu dokumentieren.

Die Gesundheitsämter brauchen mehr Personal – für Corona, aber auch, um den Regelbetrieb sicherstellen zu können. Einige gehen inzwischen unkonventionelle Wege: Das Gesundheitsamt für Ludwigshafen und den Rhein-Pfalz-Kreis etwa sucht 50 weitere Mitarbeiter. Ausdrücklich erwünscht: die Bewerbung von Ehrenamtlichen.

Zu wenige Corona-Tests

Testen, testen, testen - das sei der Weg aus der Pandemie. So verkünden es Epidemiologen, aber auch die Weltgesundheitsorganisation – und so haben es andere Länder der Welt geschafft, die Corona-Epidemie unter Kontrolle zu bringen. Deshalb hat jüngst auch die Bundesregierung – mit einiger Verzögerung – eine Ausweitung der Testzahlen ins Gesetz geschrieben.

Dabei gibt es zwei wichtige Tests: Zum einen müssen alle Infizierten schnell entdeckt werden, ehe oder solange sie ansteckend sind. So können sie und jeder, den sie infiziert haben könnten, isoliert und so die Infektionsketten unterbrochen werden. Zum anderen braucht es Antikörpertests, um zu erkennen, wer bereits genesen und gegen eine Ansteckung immun ist. Diese Menschen können wieder weitgehend normal leben und arbeiten, weil sie auch niemanden mehr anstecken können – so die These.

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Das Problem ist: Noch immer wird in Deutschland nicht fläckendeckend getestet – vor allem zu wenig Menschen ohne aktuelle Symptome. Das erschwert sowohl schnellere und gezieltere Quarantäne-Maßnahmen als auch weitere Lockerungen.

An den Laboren liegt es nicht mehr: Hatten die Laborärzte Ende März noch verkündet, Material und Geräte würden allmählich knapp, so meldete der Verband der niedergelassenen Labore erst an diesem Dienstag die neue Rekordzahl von mehr als 360.000 durchgeführten Covid-19-Tests und knapp 75.000 Antikörper-Tests pro Woche, durchgeführt von der erneut gewachsenen Zahl von 128 Laboren bundesweit – und betont ausdrücklich: Die Labore könnten derzeit mehr als doppelt so viele Tests durchführen.

Probleme in der Logistik

Das Problem liegt also offensichtlich in der Logistik: Wie kommt der Patient zum Test? Es bräuchte gezielte Programme zur Ausrüstung von Seniorenheimen oder das Gesundheitswesen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft und die Stiftung Patientenschutz forderten deshalb an diesem Dienstag wöchentliche Tests für Heime und Kliniken. Immerhin haben einzelne Bundesländer wie Thüringen ein entsprechendes Programm jetzt angekündigt.

Auch um die Kosten der Tests für Menschen ohne Symptome - etwa vor einer Krankenhaus-Aufnahme - wird noch gestritten. Die Kassen wollen, dass der Bund diese Tests bezahlt.

Im Ausland gibt es derweil sogar Modelle wie Drive-In-Tests oder die Ausrüstung aller Schulen mit Testmöglichkeiten. Deutschland hängt seinen Testkapazitäten inzwischen hinterher und vergibt damit wichtige Chancen.

Fehlende Aufklärung

Lange haben die deutschen Behörden wie das RKI, aber auch die Bundesregierung die Corona-Ausbreitung kleingeredet. Erst, als angesichts schrecklicher Bilder aus Italien Panik in der Bevölkerung drohte, besannen sich die Verantwortlichen auf ihre Informationspflicht. RKI-Präsident Lothar Wieler und sein Vize Lars Schaade wandten sich in der intensivsten Phase an jedem Arbeitstag an die Öffentlichkeit. Das Institut entwickelte ein Dashboard auf seiner Webseite, um die Entwicklungen aktuell und übersichtlich abzubilden. Merkel trat nach anfänglicher Zurückhaltung mindestens einmal wöchentlich vor die Presse, um zu informieren und zu appellieren.

Mit den Lockerungen in der Verantwortung der Bundesländer fiel dies wieder weg. Zuletzt informierte das RKI zweimal pro Woche, seit 7. Mai wurde auch das zugunsten „anlassbezogener“ Briefings eingestellt. SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach kritisiert den Schritt: „Weil gerade jetzt die Schlacht um überzeugende Argumente für weiter bestehende Schutzregeln in der Corona-Pandemie geführt wird, wäre ein tägliches Briefing des RKI notwendiger denn je.“

Auch Psychologen fordern mehr aktive Informationsvermittlung: „Gerade in der jetzigen Phase der Lockerungen ist es wichtig, durch turnusmäßige Informationen zum Stand der Dinge die Motivation der Menschen aufrecht zu erhalten“, sagt Meltem Avci-Werning, Präsidentin des Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP). „Sachlichkeit kann Wut, Angst oder Aggressionen entgegenwirken.“

Fragwürdiger Immunitätspass

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) liebäugelt seit Längerem mit einem Immunitätsausweis, hat aber zuletzt von dessen Einführung vorerst abgelassen. Spahn sagt, ein solcher Ausweis könnte Menschen, die gegen Covid-19 nachweislich immun geworden seien, mehr Freiräume verschaffen; auch verweist er auf andere Länder, die einen solchen Ausweis bei der Einreise mittlerweile verlangten.

Kritiker beklagen jedoch, dass ein Immunitätsausweis alle Nicht-Inhaber diskriminiere und so eine Zwei-Klassen-Gesellschaft schaffe. Wichtiger noch: Es gibt zwar Tests, die belegen, dass jemand mit Covid-19 infiziert war und Anti-Körper gebildet hat. Doch der Nachweis über eine dauerhafte Immunität fehlt auch für diese Personen-Gruppe weiterhin. Eine zweite Ansteckung scheint nicht ausgeschlossen. Und wo es keine gesicherte Immunität gibt, kann es zwingendermaßen auch keinen verlässlichen Immunitätsausweis geben.

Verschleppte Warn-App

Die Corona-Warn-App sollte eigentlich schon im April fertig sein. Doch es gab Gerangel sowohl unter den an der Konzeption beteiligten IT-Experten, als auch innerhalb der Bundesregierung. Dabei ging es vor allem um die Freiwilligkeit der Nutzung sowie die Frage, ob die Daten auf einem zentralen Server oder nur dezentral, also nur auf den Smartphones, gespeichert werden sollen. Mittlerweile sind die Entscheidungen gefallen: Die App wird freiwillig sein – und die Daten werden dezentral gespeichert, was Hackern das Geschäft erschwert.

Problematisch ist die lange Dauer der Konzeption und Umsetzung. Die App soll jetzt Mitte Juni kommen – zwei Monate später als geplant –, obwohl es sie in anderen Ländern längst gibt.

Eine weitere Herausforderung ist, eine ausreichende Zahl an Nutzern zu gewinnen. In Island zum Beispiel lag der Anteil derer, die sich die App herunterluden, zuletzt bei 40 Prozent, in Singapur bei unter 20 Prozent. Experten sagen, damit eine solche App effektiv arbeiten kann, muss die Quote bei mindestens 60 Prozent liegen.

Schließlich müssen für die im Zuge der App auftauchenden Verdachtsfälle ausreichend Tests bereitstehen. Die App ist also nur ein erster Schritt – mehr nicht. Ob sie die einst großen Hoffnungen der Bundesregierung erfüllen wird, ein zentraler Faktor der Pandemie-Bekämpfung zu werden, ist zunächst fraglich. (mdc)

Kein Plan für Kinder

Was, wenn Eltern nicht zur Arbeit gehen können, weil sie in Corona-Zeiten zu Hause die Kinder betreuen müssen? Laut Infektionsschutzgesetz können sie sechs Wochen lang eine Lohnersatzleistung von 67 Prozent des Nettolohns vom Staat bekommen. Das gilt für jedes Elternteil – gemeinsam können Eltern also auf einen Zeitraum von zwölf Wochen kommen. Obwohl die Spitzen von SPD und Union eine Verlängerung des maximalen Zeitraums für notwendig halten, gibt es eine solche Regelung bislang noch nicht.

Verbände kritisieren außerdem, dass Eltern momentan überhaupt keinen Anspruch auf Lohnersatz haben, wenn sie im Homeoffice arbeiten können. Die ständige Doppelbelastung bringt viele Eltern an die eigene Leistungsgrenze. Die Bundesregierung äußert ihr Mitgefühl - eine Lösung, etwa in Form eines allen offenstehenden Corona-Elterngeldes - packt sie aber bislang nicht an.

Für Eltern gibt es wenig Planungssicherheit.

Für Eltern gibt es wenig Planungssicherheit. © picture alliance/dpa

Dazu kommt, dass Kitas und Schulen zwar schrittweise öffnen, aber in der Regel immer noch nicht klar ist, wann es wieder zu einem Regelbetrieb kommt. Die Kitas weiten in den meisten Ländern erst mal die Notbetreuung aus. In Schulen kommen zwar immer mehr Klassen zurück, aber oft nur tage- oder wochenweise. Das Problem: Allein um Mindestabstände einzuhalten zu können, dürfen deutlich weniger Schüler als sonst gleichzeitig in der Schule sein. Es gibt zwar Stufenpläne, wie es weitergehen kann – aber die Umsetzung hängt vom Infektionsgeschehen ab. Für Eltern fehlt es an Planungssicherheit, auch nach den Sommerferien.

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