US-Präsident Trump verlässt Krankenhaus für eine bizarre Spritztour

USA

Trotz seiner Covid-Erkrankung floh der US-Präsident am Sonntag für eine Spritztour aus dem Krankenhaus. Mediziner sind empört und fordern, Trump auf seinen Geisteszustand zu untersuchen.

Washington

05.10.2020, 07:33 Uhr / Lesedauer: 2 min
Der mit dem Coronavirus infizierte US-Präsident hat seinen Anhängern außerhalb des Krankenhauses einen Überraschungsbesuch abgestattet.

Der mit dem Coronavirus infizierte US-Präsident hat seinen Anhängern außerhalb des Krankenhauses einen Überraschungsbesuch abgestattet. © picture alliance/dpa

Er werde sich ändern, hatten einige schlaue Beobachter vorhergesagt: Die Erfahrung der eigenen Covid-Erkrankung könnte Donald Trump zum Nachdenken und einem sensibleren Umgang mit der Pandemie motivieren. Eine hübsche These. Am Sonntagnachmittag wurde sie unter einer gepanzerten Suburban-Limousine begraben, die durch die Straßen des Washingtoner Vororts Bethesda rollte. Darin saß der mit dem Coronavirus infizierte und mit einem Cocktail schwerster Medikamente vollgepumpte Präsident und winkte freudig.

Kurz zuvor hatte Trump aus der Präsidentensuite im Walter-Reed-Militärkrankenhaus ein kurzes Video gepostet, das wie der Trailer zu einer neuen Reality-TV-Serie wirkte. Wie ein Entertainer im Raum stehend berichtete der 74-Jährige, er habe in den vergangenen Tagen seines Klinikaufenthalts viel über Covid-19 gelernt: „Darüber werde ich Sie noch informieren“. Wie leicht das Virus zu übertragen ist, scheint ihn offenbar immer noch wenig zu kümmern.

„Ich habe noch eine kleine Überraschung für die vielen Patrioten, die draußen auf der Straße stehen“, kündigte er nämlich an. Kurz darauf rollte sein schwarzer Suburban über die Straße vor der Klinik, auf deren Bürgersteigen seit Freitag ein paar Dutzend Hardcore-Fans mit Fahnen und Plakaten stehen. Die Menge jubelte und schwenkte ihre Trump-Flaggen. Trump saß mit einer Maske hinter der geschlossenen Scheibe und genoss die Parade.

Trump würde niemals Schwäche eingestehen

Nach einer halben Stunde war der prominente Bettflüchter wieder zurück auf der Station. Dort erhält er unter anderem das Ebola-Medikament Remdesivir, ein experimentelles Antikörper-Cocktail und das Kortisonpräparat Dexamethason, das nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation nur bei ernstem Covid-Verlauf verabreicht werden soll. Immerhin war Trumps Sauerstoffversorgung Freitag und Samstag zweimal abgesackt, und ein Röntgenbild der Lunge zeigte nach Angaben der Ärzte Spuren der Erkrankung.

Das hindert Trump, der niemals Schwäche eingestehen würde, nicht daran, sich in der Öffentlichkeit weiter als vermeintlicher Supermann zu präsentiereen. Dazu – und zur Befriedigung seines Narzissmus – diente offenbar die bizarre Spritztour. Außerhalb seiner Fangemeinde kam der Joy-Ride weniger gut an. „Das hätte Mussolini auch getan“, ätzte Trumps ehemaliger Kommunikationsdirektor Anthony Scaramucci.

„Für politisches Theater. Das ist krank!“

Viele Kritiker wiesen auf das Risiko hin, dem Trump den Fahrer und den Beifahrer vom Secret Service ausgesetzt hat, die beide Schutzanzüge und Masken zu tragen schienen. Wegen der luftdichten Abdichtung des gepanzerten Fahrzeugs gegen mögliche chemische Attacken sei das Risiko einer Infektion drinnen so hoch wie nirgendwo außerhalb des OP-Saals, empörte sich James Phillipps, der als Notarzt am Walter-Reed-Krankenhaus arbeitet. Die anderen Insassen „können krank werden. Sie können sterben“, twitterte der Mediziner: „Für politisches Theater. Das ist krank!“

Harte Worte fand auch Medizinprofessorin Leana Wen von der renommieren George-Washington-Universität in der Hauptstadt: „Wenn Donald Trump mein Patient wäre und in instabiler Verfassung mit einer ansteckenden Krankheit plötzlich das Krankenhaus für eine Spritztour verließe, die ihn und andere gefährdet, würde ich den Sicherheitsdienst rufen und dann eine psychiatrische Untersuchung seiner Urteilsfähigkeit vornehmen“, erklärte die ehemalige Gesundheitskommissarin der Stadt Baltimore.

RND

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