Virologe erklärt: So könnte sich der Wintereinbruch auf die Corona-Pandemie auswirken

Coronavirus

Wenn mehr Menschen nun wegen der Kälte auf Treffen verzichten und zu Hause bleiben, könnte das Wetter von Vorteil im Kampf gegen Corona sein. Es birgt jedoch auch Nachteile.

Berlin

09.02.2021, 05:30 Uhr / Lesedauer: 3 min
Nur wenige Personen gehen durch die verschneite Innenstadt von Bad Oeynhausen in Nordrhein-Westfalen. Mit Blick auf die Corona-Lage könnte es von Vorteil sein, wenn mehr Menschen zu Hause bleiben und auf Treffen verzichten, sagt Virologe Lars Dölken.

Nur wenige Personen gehen durch die verschneite Innenstadt von Bad Oeynhausen in Nordrhein-Westfalen. Mit Blick auf die Corona-Lage könnte es von Vorteil sein, wenn mehr Menschen zu Hause bleiben und auf Treffen verzichten, sagt Virologe Lars Dölken. © picture alliance/dpa

Der heftige Wintereinbruch in Deutschland ist keine Eintagsfliege. Seit dem Wochenende herrscht in vielen Regionen eine klirrende Kälte – und die Schneedecke wird immer dicker. Die Kälte wird nach Einschätzung von Meteorologen auch die kommenden Tage und möglicherweise noch die kommenden Wochen bleiben. Hinsichtlich der Corona-Pandemie stellt sich hierbei die Frage: Verbreitet sich das Virus jetzt noch schneller – oder könnte sich der Wintereinbruch sogar positiv auf die Infektionszahlen auswirken?

Wintereinbruch: Positiver Effekt bei Verzicht auf Treffen wegen Kälte denkbar

Die derzeitige eisige Kälte könnte nach Ansicht des Virologen Lars Dölken einen wichtigen Vorteil haben: „Ein positiver Effekt der krassen Kälte könnte jetzt sein, dass doch viele Menschen auf Treffen ganz verzichten und lieber zu Hause bleiben“, sagt der Leiter des Lehrstuhls für Virologie und Immunbiologie an der Universität Würzburg dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Denn die starken Minustemperaturen dürften den meisten Menschen in den betroffenen Regionen nur wenige Gründe geben, das warme Zuhause ohne triftigen Grund zu verlassen.

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Allerdings könnte vor allem ein Faktor die Ausbreitung des Virus bei dem kalten Wetter begünstigen: „Natürlich wäre es wirklich schlecht, wenn sich mehr Leute aufgrund der Kälte drinnen treffen. Denn Viren lieben das Zusammenleben von Menschen und können sich so besser verbreiten“, sagt Dölken. Der Aufenthalt mit Menschen in Innenräumen ist auch einer der Gründe, warum sich das Virus in den kalten Jahreszeiten ohnehin leichter verbreiten kann. Das zeigte sich schon im Oktober 2020, als die Infektionszahlen wieder sprunghaft gestiegen sind.

Immunsystem leidet unter schlechten Wetterbedingungen

Dölken gibt außerdem zu bedenken, dass der vermeintliche Vorteil (nicht rausgehen) gleichzeitig auch zum Nachteil werden könnte: „Das sehr nasskalte Wetter ist für das Immunsystem natürlich nicht hilfreich, weil Menschen kaum noch vor die Tür gehen.“ Das Immunsystem schwächelt grundsätzlich im Winter, weil der Vitamin-D-Spiegel – und somit die Abwehrkräfte – durch weniger Sonneneinstrahlung sinkt, sagt etwa Bernhard Junge-Hülsing, Landesvorsitzender des Berufsverbandes der HNO-Ärzte in Bayern.

Daher ist es ratsam, auch bei kaltem Wetter tagsüber an die frische Luft zu gehen – und das ist nach Ansicht von Dölken auch bei sehr kalten Temperaturen möglich: „Es gibt auch bei der eisigen Kälte keinen Grund, sich Sorgen zu machen, draußen mit Abstand spazieren zu gehen“, sagt er. „Auch bei minus fünf und minus zehn Grad werden die Viren draußen weggeweht.“

Trockene Luft: Auch bei kaltem Wetter weiterhin lüften

Als weiterer Grund für die hohen Infektionszahlen im Winter wird auch die trockenere Luft diskutiert. Thomas Deitmer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie, sagte, dass typische Winterviren – zu denen auch Sars-Cov-2 gehört – bei trockener Luft vermutlich eine höhere Überlebensfähigkeit hätten. „Die kalte Luft kann weniger Feuchte aufnehmen“, erklärt der HNO-Arzt. Wird diese Luft bei gleichbleibender Luftfeuchte in Räumen erwärmt, sinkt die relative Luftfeuchte und es verbessert sich die Überlebensmöglichkeit und Infektiosität für das Virus.

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Das regelmäßige Lüften ist auch bei der eisigen Kälte weiterhin wichtig. „Wir lüften zu wenig. Dabei ist Stoßlüften essenziell“, sagt Eberhard Bodenschatz, Direktor des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation. Das gründliche Lüften sei insbesondere im Winter besonders effizient. „Bei deutlichen Unterschieden der Lufttemperatur im Innen- und Außenbereich ist der Luftaustausch wesentlich höher.“ In kürzerer Zeit käme so mehr virusfreie Frischluft in den Raum, so der Wissenschaftler.

Auswirkungen auf Corona-Impfungen durch Schnee und Eis?

Dölken geht nicht davon aus, dass es aufgrund des Wetters zu allzu großen Einschränkungen bei den Impfungen kommen wird. Am Montag mussten jedoch schon einige Impfzentren aufgrund des Wetters dichtmachen. In Thüringen wurden die Impfzentren am Montagvormittag wegen des Extremwetters geschlossen, wie „Welt“ berichtet. Auch im Impfzentrum Sangerhausen in Sachsen-Anhalt wurde die Arbeit am Montag gestoppt. In anderen Orten hieß es hingegen, dass trotz Schnee und Eis weiter geimpft wird.

In Berlin sind durch Minustemperaturen und Schneefälle keine Auswirkungen auf die Arbeit in den bestehenden drei Impfzentren bekannt. Auch das Gesundheitsministerium in NRW hat versichert, dass wegen des Wintereinbruchs kein Impftermin verloren geht. Die Stadt Hannover teilte mit, dass Impftermine im Notfall verschoben werden – aber ansonsten planmäßig stattfinden sollen. Allerdings mussten wegen des Wetters in Niedersachsen Impfstofflieferungen gestoppt werden.

Virologe warnt vor Lockerungen der Maßnahmen

Auch wenn die Infektionszahlen etwas gesunken sind, warnt Dölken vor einer baldigen Lockerung der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie: „Würden wir unter aktuellen Bedingungen nun ab Mitte Februar lockern, würden wir das nur bereuen“, betont er. Denn die Kälte könnte viele Teile Deutschlands nach ersten Einschätzungen von Meteorologen noch mindestens bis Ende Februar begleiten – und in der kalten Jahreszeit verbreite sich das Coronavirus eben besser. „Wir dürfen die über Monate mühsam erzielten Erfolge bei der Senkung der Infektionszahlen nicht einfach auf den Kopf hauen“, appelliert Dölken.

RND

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