Virologe: „Wir müssen uns auch nach den Massenimpfungen auf Corona-Infektionen einstellen“

Coronavirus

Die Impfung ist der zentrale Baustein in der Pandemiebekämpfung, aber nicht der einzige. Es brauche Medikamente, die schon im frühen Stadium einer Infektion verabreicht werden, sagt ein Virologe.

von Saskia Bücker

, 30.01.2021, 10:33 Uhr / Lesedauer: 7 min
Die Corona-Impfung ist der zentrale Baustein in der Pandemiebekämpfung, aber nicht der einzige. (Symbolbild)

Die Corona-Impfung ist der zentrale Baustein in der Pandemiebekämpfung, aber nicht der einzige. (Symbolbild) © picture alliance/dpa

Seit Pandemiebeginn Anfang 2020 hat der Virologe Marco Binder eines der Hochsicherheitslabore am Deutschen Krebsforschungszentrum der Helmholtz-Gemeinschaft in Heidelberg dem neuen Erreger umgewidmet. Sein Team untersucht, wie sich Körperzellen nach einer Infektion der Zelle gegen Sars-CoV-2 zur Wehr setzen.

Zuletzt hat das RedaktionsNetzwerk Deutschland im November 2020 mit dem Forscher gesprochen. Nun gibt Marco Binder erneut einen Überblick: zu Bekämpfungsstrategien, der Rolle von Ansteckungsorten und dazu, wieso der Eintritt von Sars-CoV-2 in den Körper im frühen Stadium einer Corona-Infektion entscheidend für die Entwicklung von Medikamenten ist. Der Virologe fordert zudem, bei Lockerungen nach dem Lockdown erschwingliche Schnelltests für möglichst jeden zur Verfügung zu stellen.

Herr Binder, die Diskussion um den Lockdown nimmt erneut Fahrt auf. Wissenschaftler fordern derzeit zwei Ansätze: Fallzahlen noch mehr senken und niedrig halten – oder Risikogruppen besser schützen.

Es gibt da kein Entweder-oder, das ist ein Missverständnis. Die Eindämmungsstrategie und die Folgenminderung sind unterschiedliche Bereiche, die nicht miteinander vermischt und erst recht nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten.

Die Eindämmung hat zum Ziel, die Verbreitung eines Erregers in der Bevölkerung zu begrenzen, zum Beispiel durch Quarantänemaßnahmen oder allgemeine Verhaltensregeln. Die Folgenminderung, oder Mitigation, zielt darauf ab, bei den Infektionen, die nicht verhindert werden können, zumindest die anfälligsten Personengruppen besonders zu schützen und eine gute Versorgung der Erkrankten zu gewährleisten.

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Hier können Virologen wie ich oder Epidemiologen weniger beitragen, und es sollten eher Experten aus der Hygiene, dem öffentlichen Gesundheitsdienst und der Patientenversorgung gehört werden. Allerdings sind beide Bereiche natürlich miteinander verbunden: Ein Schutz der Risikogruppen gelingt umso effektiver, je niedriger die Infektionszahlen in der Allgemeinbevölkerung sind.

Ist denn wissenschaftlich klar bewiesen, dass ein Lockdown zur Viruseindämmung wirksam ist?

Die meisten Diskussionen hängen zu sehr am Begriff „Lockdown“– aber egal, wie wir die Maßnahmen nennen: Je weniger zwischenmenschliche Kontakte wir im Alltag haben, desto schwerer hat es das Virus bei der Ausbreitung. Bei den Debatten über fehlende konkrete Beweise zu einzelnen Ansteckungsorten vergessen wir manchmal das Grundlegende: Es geht um ein respiratorisches Virus, das sich seinen Weg über die Atemwege bahnt.

Das Virus hat nun einmal keine Flügel und Beine, es fällt niemanden an, der alleine zu Hause sitzt. Sars-CoV-2 wird nur von Mensch zu Mensch über engen Kontakt übertragen – wenn sich Personen direkt gegenüberstehen oder auf engem Raum miteinander Zeit verbringen. Das ist absolut unzweifelhaft. Deshalb helfen alle Maßnahmen, die dazu führen, dass wir in unserem Alltag möglichst wenig Menschen treffen.

Gibt es zu den Ansteckungswegen mehr Erkenntnisse als noch Mitte 2020?

Es sind immer noch die gleichen Wege. Es gibt die Tröpfcheninfektion, etwa über feuchte Aussprache oder beim Niesen. Dabei können wahnsinnig viele Viren übertragen werden, die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung beim angeregten Gespräch unter Freunden ist also sehr hoch. Das lässt sich aber einfach und effektiv verhindern durch das Tragen von einfachen Masken oder dem Aufstellen von Plexiglas zwischen zwei Personen oder einfach Abstand halten – die Tröpfchen fallen schnell zu Boden.

Dann gibt es die deutlich weniger effiziente Übertragung über Aerosole: An kalten Wintertagen können wir gut sehen, wie unser Atem wie Nebel in der Luft wabert und sich langsam verteilt. Ähnlich können wir uns den Aerosolnebel vorstellen, den wir bei jedem Ausatmen produzieren, und zwar durchaus auch, wenn wir eine nicht optimal sitzende Maske tragen. Einzelne dieser winzigen Nebeltröpfchen können nun auch ein Viruspartikel in sich tragen. Auch wenn es vermutlich sehr, sehr wenige Viren pro Atemzug sind: Die Masse macht’s!

Wie meinen Sie das?

Je länger wir uns in einem geschlossenen Raum aufhalten und atmen, desto mehr reichern sie sich in der Luft an. Irgendwann ist die Konzentration der Viren in der Luft so hoch, dass jeder im Raum, der die Luft einatmet, sich infizieren könnte. Es kommt dann zu den bereits vielfach beobachteten Superspreading-Events. Solche Situationen können zum Beispiel im Bus gegeben sein, im Wartezimmer, bei der Arbeit, im Gottesdienst oder bei einer Party. Hier sollten wir immer auf gute Belüftung achten und idealerweise eine gut sitzende FFP2-Maske tragen, die solche Mikropartikel aus der Luft filtern kann.

Eine Virenübertragung ohne Tröpfchen und Aerosole ist, Stand heute, nicht wirklich relevant?

Es gibt noch die Kontaktinfektion, bei der die Viren auf Türklinken oder Computertastaturen „kleben“ und über die Hände in Mund oder Nase geraten können. Die Schmierinfektion gilt für Sars-CoV-2 zwar als äußerst unwahrscheinlich bis nahezu ausgeschlossen. Aber Coronaviren gelten im Vergleich zu ähnlich aufgebauten Viren als verblüffend stabil.

Auch wenn es bislang nur wenige gute Studien für Sars-CoV-2 hierzu gibt, rate ich dazu, unsere Hände weiterhin gut und vor allem regelmäßig mit Seife zu waschen. Und vielleicht sollten auch Türgriffe und Ähnliches in öffentlichen Gebäuden und Supermärkten wieder etwas häufiger desinfiziert werden.

Wieso?

Eine wichtige Komponente bei der Virusausbreitung quer durch die Gesellschaft sind unbewusste, beiläufige Kontakte. Der Hochrisikokontakt ist zwar das direkte Gespräch, mehrere Minuten lang, ohne Maske. Das kann aber nicht vollständig erklären, wie sich Sars-CoV-2 so gut in der gesamten Bevölkerung ausbreitet. Im Alltag finden diese direkten Risikokontakte außer in der Familie und mit engen Freunden ja kaum noch statt.

Corona-Ansteckungsorte: Auf die flüchtigen Kontakte schauen

Das heißt, das Virus verbreitet sich nicht ausschließlich über engen Kontakt?

Normalerweise sind Familien- und Freundeskreise relativ geschlossen. Die spannende Frage ist, wie sich das Virus in ganz Deutschland von einem eng verflochtenen Kontaktkreis zum nächsten ausbreitet. Wie genau diese Zwischenverbindungen aussehen, ist weitgehend unbekannt. Es ist aber wichtig, auch darauf zu schauen.

Etwa, wenn ich im Fahrstuhl auf eine Kollegin aus einem anderen Stockwerk treffe oder vor mir jemand an der Supermarktkasse steht. Die Wahrscheinlichkeit, sich in solchen kurzen, beiläufigen Situationen zu infizieren, ist zwar in jedem Einzelfall extrem gering. Aber durch die schiere Summe solcher Kontakte in der Gesellschaft kommt es eben doch vor. Dummerweise ist es naturgemäß schwierig bis unmöglich, diese schwachen Übertragungswege über die Kontaktnachverfolgung zu rekonstruieren.

Und diese Infektionen über schwache Verbindungen abseits der Kontaktkreise können überall stattfinden?

Nehmen wir das Beispiel Schule. Dort gibt es wie auch bei der Arbeit sehr viele dieser beiläufigen Kontakte, weil viele Menschen zusammenkommen. Ich gehe nicht davon aus, dass es bei Masketragen, Lüften und Abstand eine große Ansteckungsgefahr während des Unterrichts im Klassenraum gibt. Aber was ist mit dem Weg zur Schule im Bus, dem gemeinsamen Spaziergang zum Supermarkt in der Mittagspause? Dadurch kommt es unweigerlich zu einer Vielzahl ebensolcher Kontakte.

Bei Lockerungen braucht es mehr Schnelltests im Privaten

Bundesgesundheitsminister Spahn will mehr Schnelltests im Privaten ermöglichen. Ist das ein geeignetes Instrument, um mehr Alltag zulassen zu können?

Die Frage ist ja, wie es nach dem Senken der Fallzahlen weitergehen soll. Wie kann man Beschränkungen lockern, mehr Bereiche des Alltags wieder öffnen und die Infektionszahlen trotzdem unter Kontrolle behalten? Die Gesundheitsämter können dann zwar wieder besser die Kontakte nachverfolgen. Aber eben nur von Fällen, die positiv getestet wurden, weil sie klare Symptome zeigten oder aus anderen Gründen ein Anlass zum Test bestand.

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Trotzdem wird es weiterhin Infektionen geben, die gar nicht bemerkt werden und so zu einer Verbreitung führen, die im Detail einfach nicht nachvollzogen und erst recht nicht verhindert werden können. Schnelltests, die jeder ganz einfach zu Hause durchführen kann, können meiner Ansicht nach ein ganz zentrales Werkzeug sein, um dieses Problem in den Griff zu bekommen.

Also könnte eine veränderte Teststrategie mehr Klarheit zur Dunkelziffer in der Bevölkerung bringen?

Genau. Um das sogenannte diffuse Infektionsgeschehen irgendwie in den Griff zu bekommen, sehe ich keine andere Möglichkeit als einfach verfügbare und günstige Tests für jeden. Idealerweise sollten wir alle ein paar Schnelltests zu Hause parat haben. Dann ist auch die Hemmschwelle viel niedriger, sich beim ersten Halskratzen oder wenn man sich einfach mal abgeschlagen fühlt direkt zu testen.

So angewandt ist es auch unerheblich, dass es ein gewisses Risiko gibt, falsch negativ zu sein. Mit negativem Ergebnis verhalte ich mich, wie ich das aktuell ohne Test auch tun würde; andererseits ist jeder einzelne erkannte positive Fall ja schon ein Zugewinn, eine Infektion, die nicht weitergetragen wird. Personen, die sonst gar nicht ahnen würden, dass sie gerade Virusträger sind, begeben sich dann in Isolation.

Damit es hier kein Missverständnis gibt: Bei einem negativen Testergebnis muss man sich schlicht verhalten wie sonst auch. Also auch beim Treffen der Oma oder der Freunde Abstand halten, lüften, Maske tragen. Einfach deshalb, weil ein negativer Test keine absolute Sicherheit geben kann, nicht gerade oder in wenigen Stunden doch ansteckend zu sein.

Und wie oft sollten solche Tests dann angewandt werden?

Es gibt Studien, die berechnet haben, dass wenn sich jeder ein- bis zweimal pro Woche selbst testen würde, es allein dadurch gelingen könnte, die Virusausbreitung quasi auf null zu drücken. Das ist natürlich die Theorie. Es mag in der Umsetzung gerade utopisch erscheinen, dass sich 83 Millionen Menschen in Deutschland so oft testen. Aber es wäre sicherlich schon ein immenser Gewinn, wenn solche einfach verfügbaren Selbsttests zumindest einen gewissen Teil der ansonsten unerkannt bleibenden Infektionen finden und herausfiltern könnten.

Coronavirus verwirrt das Abwehrsystem des Menschen

In Ihrem Labor forschen Sie zur Ausbreitung der Sars-CoV-2-Infektion im Körper. Welche neueren Erkenntnisse liefern die neueren Studien?

Wir befassen uns mit dem frühesten Schritt, der ersten Infektion von Schleimhautzellen mit dem Virus. Inzwischen mehren sich die Hinweise, dass diese sehr frühe Phase der Infektion, in der sich die infizierten Zellen selbst gegen das Virus zur Wehr setzen müssen, möglicherweise eine entscheidende Rolle spielt.

Wir dürfen nicht vergessen: Die Mehrzahl der Infektionen verläuft ja sehr mild und die Immunabwehr funktioniert wunderbar. Das Tückische ist aber, dass Sars-CoV-2 ein ganzes Arsenal an Mechanismen besitzt, um das in jede Zelle eingebaute Virus­abwehr­system zu verwirren oder auch komplett auszuschalten.

Was passiert dann?

Wenn diese antivirale Abwehr nicht unmittelbar nach Eindringen des Virus in die Zelle reagiert, übernimmt das Virus die Kontrolle und vermehrt sich in ungeheurem Tempo. Wenn das geschieht, kann es letztlich dazu führen, dass sich das Virus in den Atemwegen, bis hinunter in die Lunge, ausbreitet.

Durch die erwähnten Mechanismen, mit denen Sars-CoV-2 das Immunsystem „verwirrt“, kommt es einerseits zu einer unzureichenden antiviralen Abwehrreaktion, andererseits aber zu einer überschießenden Aktivierung von Fresszellen und anderen entzündlichen Prozessen. Das Resultat ist Covid-19, eine schwere Lungenentzündung. Man weiß inzwischen, dass die Schädigung der Lunge eigentlich gar nicht direkt durch das Virus selbst geschieht, sondern vielmehr durch die fehlgeleitete Immunantwort des eigenen Körpers.

Wann ist klar, ob es zum schweren Verlauf kommt?

Das entscheidet sich möglicherweise schon im frühen Stadium der Infektion. Die zentrale Frage ist dabei: Reicht die zelleigene Immunabwehr aus, um das Virus so weit auszubremsen, dass es nur zu einem milden Verlauf kommt? Mehrere neue Studien zeigen, dass Umstände, die zu einer unzureichenden zelleigenen Immunantwort führen, mit einem drastisch erhöhten Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf einhergehen. Gründe hierfür können erblicher Natur sein oder auf spezielle Autoimmunreaktionen zurückgehen. Zweiteres passiert übrigens vor allem bei Männern, was ein Teil der Erklärung sein dürfte, weshalb sie deutlich häufiger an den Folgen einer Sars-CoV-2-Infektion versterben.

Wie können diese Erkenntnisse bei der Behandlung von Covid-19-Patienten helfen?

Ich bin kein Arzt, aber die Erkenntnisse der letzten Monate machen verständlich, weshalb der einstige Hoffnungsträger unter den antiviralen Medikamenten, Remdesivir, in klinischen Studien keinen nennenswerten Effekt auf schwere Covid-19-Verläufe hatte. Der Wirkstoff greift direkt die Vermehrung des Virus an. Aber wenn Patienten mit schwerer Lungenentzündung im Krankenhaus liegen, so wissen wir mittlerweile, ist das Virus selbst nicht mehr das größte Problem, sondern zumeist ein hyperaktives Immunsystem. Man müsste Remdesivir wahrscheinlich deutlich früher verabreichen, um einen positiven Effekt auf die Krankheit zu erzielen.

Wirklich behandeln lässt sich Covid-19 auch nach einem Pandemiejahr noch nicht. Ist noch mit hilfreichen Medikamenten zu rechnen?

Auch wenn die ersten Hoffnungen auf Mittel wie Hydroxychloroquin oder Remdesivir enttäuscht wurden, gibt es durchaus große Fortschritte in der Behandlung von Covid-19. Das Cortison-ähnliche Medikament Dexamethason zum Beispiel senkt das Sterberisiko von schweren Covid-19-Fällen sehr deutlich. Übrigens weil es nicht das Virus direkt angreift, sondern das Immunsystem bremst. Ich bin sicher, dass es in den nächsten Monaten weitere Fortschritte in der Behandlung geben wird und neue antivirale Wirkstoffe ihren Weg in die Klinik finden werden.

Viele Forscher rund um den Globus beschäftigen sich schon seit vielen Monaten genau mit dieser Thematik. Solche Medikamente können sicherlich nicht die Impfung ersetzen. Aber es wird stets eine Reihe von Menschen geben, die sich nicht impfen lassen können oder wollen, zudem hat keine Impfung eine 100-prozentige Effizienz. Wir müssen uns also darauf einstellen, dass es auch nach den Massenimpfungen noch Corona-Infektionen geben wird, unter denen es weiterhin etliche schwere Verläufe geben wird. Um diese besser behandeln oder im Idealfall sogar verhindern zu können, braucht es bessere Medikamente.

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