Geschäfte geschlossen, Feiern abgesagt: Volkmarsen im Schockzustand

Unglück an Karneval

Der Faschingsdienstag ist für viele eigentlich der krönende Karnevalsabschluss. Doch nach dem Vorfall am Rosenmontagszug mit mehr als 50 Verletzten ist Volkmarsen in stillem Schockzustand.

Volkmarsen

25.02.2020, 16:20 Uhr / Lesedauer: 2 min
Nach dem Unglück an Rosenmontag stehen die Menschen in Volkmarsen noch unter Schock.

Nach dem Unglück an Rosenmontag stehen die Menschen in Volkmarsen noch unter Schock. © dpa

Glück und Unglück lagen an diesem Rosenmontag nur wenige Meter von einander entfernt. Reinhold Bruckert weiß, er hatte verdammtes Glück. Mit seinen vier Enkelkindern stand er am Faschingsumzug in der Volkmarsener Innenstadt, als gegen 14.45 Uhr das Auto in die Zuschauermenge raste, nicht einmal hundert Meter von ihnen entfernt. „Zuerst dachten wir, es wäre jemand vom Wagen gefallen“, sagt Bruckert. „Dann sahen wir das Blaulicht, die Feuerwehrleute, die panischen Gesichter.“

Reinhold Bruckert ist einer der wenigen Menschen, die am morgen danach überhaupt in den Straßen von Volkmarsen unterwegs sind. Der kleine nordhessische Ort ist gespenstisch ruhig. Matschiges Konfetti klebt am Asphalt, bunte Luftballons wehen an Gartenzäunen, Kamerateams suchen fast vergeblich nach Interviewpartnern.

Geschäfte blieben „wegen der traurigen Ereignisse“ geschlossen

An manchen Schulen entfiel der Unterricht nicht nur wegen Karneval, kaum ein Geschäft öffnet in dem Städtchen am Dienstagmorgen, in der Metzgerei und im Blumenladen hängen am Mittag Zettel im Schaufenster. „Wegen der traurigen Ereignisse in unserer Stadt bleibt unser Geschäft heute Nachmittag geschlossen“, steht dort geschrieben. Der Supermarkt am Tatort bleibt geschlossen, genau wie die Apotheke. Alle Karnevalsfeiern sind abgesagt. Ein Dorf in Schockstarre.

„Dass so etwas in Volkmarsen passiert, das hat hier niemand geglaubt“, sagt Rentner Bruckert. 45 Jahre habe er in der Bank im Ort gearbeitet, sie am Ende geleitet. Er kenne in Volkmarsen eigentlich jeden. Nur den Tatverdächtigen nicht. „Der Name sagt mir überhaupt nichts“, Ur-Volkmarsener sei er jedenfalls nicht. Tatsächlich ist die Familie von Maurice P. nach Angaben seines Vermieters vor Jahren aus dem 400 Kilometer entfernten Baden-Baden hergezogen. Die Schwester des Tatverdächtigen sei inzwischen zurückgezogen.

Die Behörden haben keinen Hinweis auf ein politisches Motiv

Aber wer ist Maurice P. und warum raste er mit seinem Mercedes in die Menschenmenge? Die Polizei macht bei einer Pressekonferenz am Vormittag keine Angaben zum Tatverdächtigen, auch die Staatsanwaltschaft hält sich bedeckt. Der 29-Jährige müsse noch vernommen werden, heißt es. Unter Alkoholeinfluss habe er aber nicht gestanden. Wegen Nötigung, Hausfriedensbruchs und Beleidigung sei er der Polizei allerdings bereits bekannt gewesen. Hinweise auf ein politisches Motiv haben die Behörden nicht.

Bisher sind Tatmotiv und auch der mutmaßliche Täter an sich ein Rätsel. Niemand in Volkmarsen scheint den jungen Mann persönlich zu kennen oder etwas über ihn zu wissen. Er soll Kfz-Mechaniker sein und in Kassel arbeiten, heißt es.

Die syrische Nachbarsfamilie, die über der Wohnung seiner Oma lebt, sagt, dass sie Maurice P. zwar oft im Haus gesehen habe, dass er nett sei, sonst wüssten sie nichts. Am Haus der Schwester, einem ehemaligen, recht heruntergekommenen Hotel, steht sein Name an Klingel und Briefkasten. Nachbarn wollen keine Fragen beantworten. Maurice P. soll zwischen der Wohnung seiner Oma und der in diesem Haus pendeln. Streifenwagen bewachen beide Häuser am Dienstagvormittag.

RND