Das Sportcentrum Kaiserau ist als Herberge für DFB und BVB bundesweit bekannt. Für manchen Anwohner hat die Sportschule ihre Faszination verloren. Gefährliche Wurfgeschosse landen in ihren Gärten.

Kamen

, 13.10.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Schock und Ärger schwingen in der Stimme mit, als Jürgen Thomas (59) über die Nacht von Samstag auf Sonntag spricht. Dutzende Bier- und Schnapsflaschen liegen nicht nur in seinem Garten, sondern auch in dem seines Nachbarn Udo Theimann (74). Nicht nur leere, auch volle.

Ihre Blicke gehen über den blickdichten Gartenzaun hinauf zum Nachbargebäude, dem fünfstöckigen Hotelkomplex des Sportcentrums Kaiserau, woher die gefährlichen Wurfgeschosse offenbar kommen. Beide Familien leben dort seit über 50 Jahren und haben schon immer Einschränkungen durch die direkte Nähe hinnehmen müssen – eingeschmissene Fensterscheiben, Abfall im Garten. „Das geht schon seit zig Jahren so. Aber seitdem die neuen Fluchttreppen für die Notausgänge dort sind, ist das nicht mehr zu ertragen“, sagt Thomas über die Auswüchse vor allem durch Mannschaften und Gruppen, die dort nächtigen.

Bierflaschen, Nutella-Gläser, Besteck und sogar Bettlaken

Jetzt Bierflaschen der Marke Astra. Zuvor auch Nutella-Gläser, Besteck und sogar Bettlaken, die sich in den Gartentannen verfangen haben. Das sind die Funde, die morgens in den gepflegten Gärten liegen. „Einmal flog ein Nutella-Glas so nah am Kopf vorbei, dass es lebensgefährlich war“, berichtet Theimann, der in Kamen als langjähriger Ratsherr für die SPD bekannt ist. „Zudem wird man beschimpft, wenn man um Ruhe bittet“, sagt er und berichtet von Beleidigungen tief unter der Gürtellinie.

Die neuen Fluchttreppen grenzen direkt an die Grundstücke an der Königstraße an. „Nacht feiern die Gäste dort Abriss“, schildert Anwohner Jürgen Thomas.

Die neuen Fluchttreppen grenzen direkt an die Grundstücke an der Königstraße an. „Nachts feiern die Gäste dort Abriss“, schildert Anwohner Jürgen Thomas. © Stefan Milk

Faszination der Sportschule für Anwohner verloren

Jürgen Thomas und Udo Theimann wohnen mit ihren Ehefrauen in der Doppelhaushälfte, an deren nördliche Grundstücksgrenze das Sportcentrum Kaiserau grenzt, bundesweit immer noch als Sportschule bekannt, oftmals Herberge für die Deutsche Fußballnationalmannschaft oder Spitzenteams wie Borussia Dortmund oder Bayern München.

Diese Faszination hat die Einrichtung für die beiden Nachbarn längst verloren. „Abends wird hier Abriss gefeiert“, berichtet Thomas über die jüngsten Wochenenden. Seitdem der Corona-Lockdown beendet sei und die neuen Fluchttreppen gebaut wurden, sei es noch schlimmer geworden. Es werde jetzt auf den Zimmern, Balkonen und Gängen der Fluchttreppen gefeiert, weil es woanders nicht mehr möglich sei.

Das Sportcentrum Kaiserau ist immer wieder bundesweit in den Schlagzeilen, wenn die Nationalmannschaft oder bekannte Spitzenverein kommen. Hier unterzeichnet Michael Ballack, damals Nationalspieler, auf dem Bus des DFB.

Das Sportcentrum Kaiserau ist immer wieder bundesweit in den Schlagzeilen, wenn die Nationalmannschaft oder bekannte Spitzenvereine kommen. Hier unterzeichnet Michael Ballack, damals Nationalspieler, auf dem Bus des DFB. © Stefan Milk

„Wir leben auf einem Pulverfass“

Hilfesuchend haben sich die Anwohner schon mehrfach an Sportcentrum und auch Polizei gewandt, so berichten sie. Das Sportcentrum habe versprochen, mit Rundschreiben an die Gäste zu reagieren. „Geschehen ist nichts“, so Theimann. Und der Polizei seien die Hände gebunden, solange nichts beschädigt sei.

Weil man sich bewusst sei, dass das Sportcentrum eine wichtige Einrichtung für Kamen und Methler ist, habe man oft den Ball flach gehalten, um es in der Sprache der Sportler auszudrücken. „Doch jetzt reicht es. Das ist hier nicht mehr lebenswert. Wir leben auf einem Pulverfass“, so Jürgen Thomas. Am Wochenende nachts den Garten betreten? „Lebensgefährlich!“

Wenn bekannte Teams zum Sportcentrum kommen, dann stehen die Fans Spalier. Weil Das Sportcentrum direkt im Wohngebiet liegt, gibt es Konflikte mit den Anwohnern.

Wenn bekannte Teams zum Sportcentrum kommen, dann stehen die Fans Spalier. Weil Das Sportcentrum direkt im Wohngebiet liegt, gibt es Konflikte mit den Anwohnern. © Stefan Milk

Hoffnung auf Veränderungen an Türen und Fenstern

Die Situation, so die Einschätzung der beiden Nachbarn, könnte sich nur ändern, wenn die Türen zu den Fluchttreppen mit Panikschlössern ausgestattet würden, sodass bei unrechtmäßiger Nutzung Alarm ausgelöst werde. Auch die Fenster sollten mit Schlössern ausgestattet werden, sodass sie nicht komplett zu öffnen sind. Jürgen Thomas verweist auf seinen idyllischen Freisitz im Garten, bedeckt mit schützenden Doppelstegplatten. „Auch dort sind schon Gegenstände eingeschlagen – von sieben Platten sind sechs kaputt.“

Jetzt lesen

Sportcentrum will jetzt den Wachdienst verstärken

Das Sportcentrum bedauerte die Vorfälle, als unsere Redaktion die Kritik der Anwohner weiter gab. „Das ist uns bekannt, und wir ärgern uns auch darüber, dass so etwas passiert“, sagte Sprecher Christian Schubert nach Rücksprache mit Geschäftsführer Benjamin Schwarz. „Wir können den Unmut verstehen.“ Deswegen solle jetzt der Wachdienst verstärkt werden, der auch die entsprechenden Zimmerreihen im Blick behalte. Man werden auch bei der Belegung künftig darauf achten, dass dort andere Gäste unterkommen oder auch mal Zimmer frei bleiben. „Wir würden uns freuen, wenn wir von den Anwohnern eine Rückmeldung erhalten könnten, ob sich die Situation verbessert hat.“

Jetzt lesen

Keine Lust mehr auf Wochenend-Spektakel bis in die Nacht

Dass sich etwas verbessern muss, ist den Anwohnern klar. Die Belastung hat für sie eine Grenze überschritten, dass sie sich jetzt zur Wehr setzen wollen – so sehr sie die Sportschule auch als wichtige Einrichtung für Kamen schätzen. Auf die Wochenend-Spektakel bis tief in die Nacht haben sie keine Lust mehr. Jürgen Thomas sagt: „Mit Sport hat das nichts mehr zu tun.“

Lesen Sie jetzt