„Wachsam, aber nicht panisch“: Anstieg der Corona-Infektionen bei Älteren besorgt Experten

Coronavirus

Angesichts der gewachsenen Zahlen an Corona-Neuinfektionen haben Experten vor einem Anstieg der Intensivpatienten gewarnt. Denn aktuell infizieren sich wieder zunehmend ältere Menschen.

Berlin

20.10.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Der Fachkräftemangel in der Intensivmedizin ist nach Ansicht von Prof. Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), eines der Kernprobleme hierzulande.

Der Fachkräftemangel in der Intensivmedizin ist nach Ansicht von Prof. Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), eines der Kernprobleme hierzulande. © picture alliance/dpa

Angesichts der sprunghaft gewachsenen Zahlen an täglichen Corona-Neuinfektionen in Deutschland haben Experten vor einem Anstieg der Intensivpatienten gewarnt. Zwar liegt der Anteil an Intensivpatienten trotz der aktuellen Höchstwerte an Neuinfektion niedriger als noch im April, jedoch könnte sich dies ändern: „Unsere Sorge ist es, dass es nun zu einem zunehmenden Überspringen auf die älteren Patienten kommt“, sagte Prof. Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) am Montag im Rahmen einer vom „Science Media Center“ organisierten Pressekonferenz. Dies sei bereits im September nachweislich der Fall gewesen.

Mehr ältere Menschen infizieren sich – und müssen auf Intensivstationen behandelt werden

Dass das Alter bei der Anzahl an Intensivpatienten eine Rolle spielt, zeigt der DIVI-Präsident anhand eines Vergleichs von Zahlen aus April und Oktober: Während am 3. April bei 6000 Neuinfizierten insgesamt 2424 in Intensivstationen in deutschen Kliniken behandelt wurden und 84 Prozent davon beatmet werden mussten, waren es am 16. Oktober 690 Patienten in intensivmedizinischer Behandlung und 49 Prozent beamtungspflichtigen Patienten – und das trotz der mehr als 7000 Neuinfektionen. Das führte Janssens auch auf den Rückgang an älteren Covid-19-Erkrankten zurück. Im April lag das mittlere Alter der Patienten in Intensivbehandlung demnach bei 52 Jahren, im August bei 32 Jahren. „Wir sehen seit September eindeutig wieder einen Anstieg“, warnt Janssens jedoch.

Auch Prof. Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin in der München Klinik Schwabing und Leiter der dortigen Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen, verzeichnet deutlich mehr Intensivpatienten als noch vor vier Wochen. In seiner Klinik sei das „Alterskollektiv deutlich über 70“, zumal es in München auch Ausbrüche in Altersheimen gebe. „Diese Patienten haben leider einen schlechten Verlauf und benötigen intensivmedizinische Maßnahmen“, betont Wendtner. Was laut Janssens aktuell und in den vergangenen Monaten geholfen habe, sei die hohe Disziplin bei den älteren Menschen: Er beobachte, dass sich die meisten schützen.

Fachkräftemangel in der Intensivmedizin: Im Härtefall wird mehr Personal benötigt

Eines der Kernprobleme sei der Fachkräftemangel in der Intensivmedizin. „Wir beobachten mit großer Sorge derzeit, dass sich in der Personalstärke gerade in der Intensivemedizin wenig getan hat“, sagt Janssens. Das sei verständlich, da in der Kürze der Zeit die Defizite nicht aufgeholt werden können. „Sollte es aber zu einem Anstieg der intensivpflichtigen Patienten im Herbst und Winter kommen, müssen die gleichen Maßnahmen ergriffen werden wie im Frühjahr“, warnte Janssens. Dass heißt, dass es notwendig sein könnte, die Pflegepersonal-Untergrenze für die Intensivmedizin zeitweise wieder auszusetzen. Zudem sei es möglich, dass Operationen verschoben werden müssten – bei der Berliner Charité habe es bereits vergangene Woche eine Reduzierung der OP-Kapazitäten gegeben.

„Die Intensivbetten-Kapazitäten wurden ausgebaut, wir haben Reservekapazitäten von nahezu 12.000 Kapazitäten. Doch wer soll denn diese Patienten in den Betten fachpflegerisch oder auch fachmedizinisch betreuen, wenn es zum Äußersten kommt?“, fragte Janssens und sprach sich dafür aus, diese Diskussion wieder aufzugreifen. Derzeit würde bereits Personal aus anderen Bereichen für Intensivstationen geschult.

Wendtner ergänzte, dass die Krankenhaus-Fälle zwischen dem Beginn der Pandemie und Ende Mai um 30 Prozent zurückgegangen seien – einerseits wegen abgesagter Operationen und andererseits, weil Patienten das Risiko eines Krankenhausbesuches anders einschätzten. Auch so könne man – sofern die Zahl der Patienten in anderen Bereichen nicht stark ansteige – weiteres Personal in den Intensivstationen einsetzen.

„Wachsam, aber nicht panisch“: Experten rechnen nicht mit Katastrophe

Aus Sicht der Experten gibt es jedoch noch keine konkreten Befürchtungen, dass die Krankenhaus-Kapazitäten überlastet werden. Doch bei der regionalen Verteilung der Patienten sieht Prof. Reinhard Busse, Leiter des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen der Technischen Universität Berlin Verbesserungsbedarf: „Wir sehen, dass das in vielen Bundesländern noch nicht so gut in Pläne umgesetzt ist, wie man sich das vorzustellen hat“, sagt er. Zur Steuerung der Patienten werde der Rückhalt der Politik gebraucht. Janssens sieht hingegen keine Probleme bei dieser Steuerung: Vor allem in Berlin und Hessen laufe dies gut.

Im Hinblick auf den Herbst und Winter betonte Wendtner: „Wir sollten wachsam, aber nicht panisch sein.“ Man habe in den vergangenen neun Monaten viel über Umgang mit der Corona-Pandemie gelernt und könne die Patienten gut versorgen. Janssens sagte, dass das Coronavirus im Frühjahr „Deutschland wie alle anderen Länder unvorbereitet überrollt“ habe. Doch er und seine Kollegen seien dennoch optimistisch: „Ich kenne niemanden, der sagt, dass es eine Katastrophe wird.“ Grundsätzlich sei die Lage in den deutschen Krankenhäusern ruhig und zudem seien genügend Intensivbetten vorhanden.

Deutschland im Infektionsgeschehen fünf Wochen hinter Nachbarländern

Aktuell liege Deutschland im Vergleich mit Nachbarländern – bezogen auf das Infektionsgeschehen – gut fünf Wochen hinter Belgien oder den Niederlanden, berichtet Busse. Am 8. September verzeichnete Belgien 32 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, so viele wie Deutschland gut einen Monat später in der Woche vom 7. bis 10. Oktober. Auch die Zahl der auf Intensivstationen behandelten Covid-19-Patienten lag in Deutschland in diesem Zeitraum auf einem ähnlichen Niveau (im Schnitt 0,7 pro 100.000 Einwohner) wie in Belgien Anfang September (0,5).

„Wenn wir vorhersehen wollen, was auf uns zukommt, können wir uns mit Belgien vergleichen“, sagte Busse. Bis zum 13.10. Ist die Zahl der registrierten Neuinfektionen in Belgien um das 12,6-fache gestiegen (340 pro 100.000 Einwohner), die Zahl der Intensivpatienten um fast das vierfache (2,3 pro 100.000 Einwohner).

RND

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