Warum Floridas Kubaner Trump verehren

Wahlen in den USA

Die US-Demokraten hatten gehofft, in Miami weit vor den Republikanern zu landen. Doch ausgerechnet Kubaner und Venezolaner verhelfen Donald Trump zum Wahlsieg im Schlüsselstaat Florida.

Miami

von Marina Kombaki

, 05.11.2020, 15:02 Uhr / Lesedauer: 3 min
Unterstützer von Präsident Trump schwenken am Wahltag Fahnen vor einem kubanischen Restaurant in Miami.

Unterstützer von Präsident Trump schwenken am Wahltag Fahnen vor einem kubanischen Restaurant in Miami. © picture alliance/dpa

Jeden Morgen kommt Raul Garcia ins Café Versailles, um bei einem kleinen, starken Café Cortadito Neuigkeiten auszutauschen. Das Traditionslokal in Little Havana ist eine Institution unter Miamis Exilkubanern, seit einem halben Jahrhundert schon. Die Alten erzählen hier vom Widerstand gegen das Regime auf Kuba, die Jungen suchen Anschluss in der neuen Heimat. An diesem Mittwochmorgen aber haben Raul Garcia und seine Freunde kaum Gelegenheit zum Plausch.

Der Parkplatz vor dem Versailles ist mit gelbem Flatterband abgesperrt. Reporter sprechen in Fernsehkameras. Die Szenerie ähnelt einem Tatort. Raul Garcia und seine Freunde müssen Auskunft geben, als Zeugen dessen, was sich wenige Stunden zuvor in Miami zugetragen hat. Sie müssen erklären, warum ausgerechnet sie, die Einwanderer, maßgeblich dazu beigetragen haben, dass Präsident Donald Trump im einflussreichen Swing State Florida gewinnt und weiter im Rennen um die Präsidentschaft bleibt.

Demokraten hätten einen haushohen Sieg in Miami gebraucht

Die Demokraten waren auf einen haushohen Sieg im Ballungsraum Miami angewiesen, um die Stärke der Republikaner in den zahlreichen konservativen Teilen Floridas wettzumachen. Doch der blieb aus. Stattdessen liegt Biden mit 53 zu 46 Prozent in der vermeintlichen Demokraten-Hochburg Miami nur gut 7 Prozentpunkte vor Trump. Zum Vergleich: Bei der Präsidentschaftswahl vor vier Jahren gewann Hillary Clinton den Bezirk mit 30 Prozentpunkten Vorsprung.

„War doch klar, dass es so kommt“, sagt Raul Garcia und nippt an seinem Cortadito. „Wir Kubaner haben alles Linke erlitten: Sozialismus, Kommunismus, progressive Politik – nennen Sie’s, wie Sie wollen. Nie wieder.“

Garcia, 63 Jahre alt und seit Mitte der Siebziger in den USA, hält den US-Demokraten Joe Biden für einen Sozialisten. Er wirft ihm Bereicherung auf Kosten der Allgemeinheit vor und fürchtet im Fall von Bidens Wahl um seine Freiheit. Es sei ja jetzt schon so, dass man sich als konservativer, freiheitsliebender Mann nicht offen äußern könne, ohne Nachteile fürchten zu müssen, sagt er. Beim Foto verdeckt er das Logo seines Arbeitgebers auf dem T-Shirt.

Es sei ihm aber nicht einfach darum gegangen, Biden zu verhindern. „Ich will Trump zum Präsidenten“, betont Raul Garcia. „Trump ist aufrichtig und prinzipienfest. Bei ihm weißt du, woran du bist“, sagt er. „Kein Politiker, sondern Geschäftsmann. Wir lieben diese offene, ehrliche Art.“

„We love You“

Es ist wohl tatsächlich Liebe. Zwei Tage vor der Präsidentschaftswahl kam Trump noch einmal nach Miami und hielt eine Wahlkampfveranstaltung ab – um Mitternacht auf einem Flugplatz, trotz coronabedingter Ausgangssperre. „We love you, we love you“ – immer wieder skandierten Tausende Zuschauer Liebesbekundungen. Trump erwiderte: „Ich liebe euch auch.“

Die Kubaner neigten stets republikanischen Präsidenten zu. Für Trump aber bringen sie Verehrung auf. In den vergangenen Tagen fuhren zahllose Lieferwagen durch Miami, auf deren Pritschen kubanische neben Trump-Flaggen wehten. Aus den Fahrerkabinen drang der Trump-Song der Wahlkampagne – auf Spanisch.

Donald Trump, Präsident der USA, bei einer Wahlkampfkundgebung im Raymond James Stadium in Tampa, Florida.

Donald Trump, Präsident der USA, bei einer Wahlkampfkundgebung im Raymond James Stadium in Tampa, Florida. © picture alliance/dpa

Trump brachte den Kubanern Floridas in den zurückliegenden vier Jahren beispiellose Zuwendung entgegen. Der Präsident verlegte seinen Wohnsitz von New York nach Palm Beach und war viel in Florida unterwegs.

Die Republikaner lernten ihre Lektion aus dem Triumph der sonst glücklosen Clinton in Miami. Sie griffen den tief sitzenden Antisozialismus der Kubaner auf und lenkten ihn auf Biden und die Demokraten. Ihre Bemühungen, den moderaten Biden und mehr noch die Vizepräsidentschaftskandidatin Kamala Harris als linksradikale Umstürzler zu etikettieren, gingen auf. Die Mär verfing. Die Demokraten haben dieses Zerrbild nicht korrigieren können.

Außenpolitik im Dienste des Wahlkampfs

Im Bemühen um die Exilanten verkündete Trump in Florida immer wieder vor Tausenden Fans neue Sanktionen für Kuba und Venezuela. Er drehte die Öffnungspolitik seines Vorgängers Barack Obama gegenüber Havanna zurück. Und er versuchte, den Oppositionspolitiker Juan Gaido als Präsidenten in Caracas zu installieren, ohne Erfolg. Trumps Südamerika-Politik ist innenpolitisch getrieben. Daraus macht der sonst auf Nichteinmischung bedachte Trump keinen Hehl.

Die Strategie geht auf: Bei jenen Latinos und Latinas, die aus politischen Gründen ihre sozialistisch regierten Herkunftsländer verlassen haben, punktet Trump. Seiner Ausfälle gegen Mexikaner, Puerto Ricaner und Haitianer zum Trotz. Ohnehin hat der ungenaue Sammelbegriff „Lateinamerikaner“ für die Einwanderer aus Mittel- und Südamerika selbst kaum Bedeutung. Sie grenzen sich mitunter stark voneinander ab. So fordern viele alteingesessene Kubaner weniger Einwanderung aus Mittelamerika – und sehen sich auch in diesem Punkt Trump näher als den Demokraten.

Auch Venezolaner halten zu Trump

José Martinez blickt aus dem Fenster des El Arepaz in die einsetzende Abenddämmerung. Er schüttelt den Kopf. „All meine Freunde – kluge, gebildete Leute – wählen Trump. Sehen die denn nicht, wie sehr Trump Hugo Chávez ähnelt?“ Martinez sitzt allein an einem Tisch im Stammlokal der Venezolaner Miamis. Mit seiner Ablehnung gegen Trump, den er mit Venezuelas verstorbenem, populistischem Diktator vergleicht, ist er unter seinen Landsleuten in der Minderheit.

Auch die Venezolaner halten zu Trump. „Sie erhoffen sich von ihm den Regimewechsel in Caracas“, sagt Martinez. Der Ingenieur lebt seit drei Jahrzehnten in den USA. Trumps Aufstieg, seine Stärke enttäuschen ihn. „Er repräsentiert nicht mein Amerika“, sagt Martinez. Und wundert sich: „Joe Biden macht seit fünf Jahrzehnten Politik und soll sich binnen Monaten zum Sozialisten gewandelt haben – wer glaubt denn so was?“

Im Versailles ist Raul Garcia davon überzeugt, dass Miamis Kubaner dem drohenden Sozialismus in Amerika Einhalt gebieten müssen. Er ist zuversichtlich. „Trump hat eine wahre Bewegung geschaffen“, sagt Garcia. „Der Trumpismus ist größer als Trump und die republikanische Partei.“


Der Artikel "Warum Floridas Kubaner Trump verehren" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

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