Wasserknappheit in Deutschland: „Unsere Infrastruktur ist veraltet“

Wasserknappheit

Am heißesten Tag des Jahres bricht im niedersächsischen Lauenau die Wasserversorgung zusammen, auch in NRW gibt es Probleme. Diese Fälle häufen sich. Für Wasserknappheit gibt es mehrere Ursachen.

Lauenau/Löhne

von Matthias Schwarzer

, 12.08.2020, 18:52 Uhr / Lesedauer: 4 min
Durch die Hitze ist es in Deutschland mancherorts bereits zu Wasserknappheit gekommen. Ein Forscher warnt: Die Infrastruktur für die Wasserversorgung muss dringend an den Klimawandel angepasst werden. (Symbolbild)

Durch die Hitze ist es in Deutschland mancherorts bereits zu Wasserknappheit gekommen. Ein Forscher warnt: Die Infrastruktur für die Wasserversorgung muss dringend an den Klimawandel angepasst werden. (Symbolbild) © picture alliance/dpa

Am bis dato heißesten Tag des Jahres geht in Lauenau nichts mehr. „Wasserversorgung in Lauenau zusammengebrochen“, heißt es am Samstag im Liveticker auf RND.de. Behörden rufen ihre Bürger auf, den Wasserverbrauch „auf ein absolut notwendiges Mindestmaß“ zu reduzieren, die Feuerwehr muss mit Löschwasser für die Toilettenspülung aushelfen.

Schon in der Woche vor dem Zusammenbruch ist es ziemlich warm. Bis zu 90 Kubikmeter Trinkwasser pro Stunde fließen laut einem NDR-Bericht in dieser Zeit durch die Leitungen. Aus den Quellen der Gemeinde Lauenau kommen aber nur 30 Kubikmeter. Die Folge: Am Samstag kommt vorübergehend gar kein Wasser mehr aus den Hähnen.

Mehrere Städte warnen

Ein Einzelfall? Mitnichten: Immer mehr Kommunen bitten dieser Tage um einen sparsamen Wasserverbrauch. In Borgholzhausen in NRW wurde vorsorglich ein Freibad geschlossen, weil die Reserven leerzulaufen drohten. In der anhaltenden Sommerhitze sei der Wasserverbrauch deutlich gestiegen. Gleichzeitig seien zwei von drei Grundwasserbrunnen leergelaufen, für das Altenheim wurde eine Notversorgung eingerichtet.

Auch Kommunen in Hessen sprachen am Dienstag von Notständen bei der Wasserversorgung. Die kleinen Gemeinden Grävenwiesbach, Schmitten und Weilrod im Taunus zogen die Reißleine und stellten den „Trinkwassernotstand“ fest. In anderen Gemeinden könnte dies noch drohen, hieß es. In Kronberg oder Oberursel steht die Wasserampel auf Rot, ein Schritt vor dem Notstand.

„Die Infrastruktur ist veraltet“

Wie kann es überhaupt sein, dass in Deutschland das Trinkwasser knapp wird? Laut dem Forscher Fred F. Hattermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat dies vor allem mit der Infrastruktur der Kommunen und ihrer Wasserversorger zu tun. Die bezeichnet Hattermann in vielen Fällen als „veraltet“. „Die Infrastruktur stammt aus dem 20. Jahrhundert und wurde nicht an die aktuellen Klimaveränderungen angepasst“, so der Forscher gegenüber dem RND.

Bei der Trinkwasserförderung stehe Deutschland laut Hattermann vor allerhand Problemen. Eines davon sei die Grundwasserneubildung. „Die ist in den vergangenen Jahren in vielen Regionen relativ stark zurückgegangen.“ Davon seien vor allem Kommunen betroffen, die weit entfernt von Oberflächengewässern, also zum Beispiel Seen, lägen.

Ein weiteres Problem seien die immer kürzer werdenden Winter. „In dieser Jahreszeit werden normalerweise die Wasservorräte aufgefüllt. Doch wegen der früher beginnenden Vegetationsperiode leeren sich die Bodenwasservorräte eher im Jahr, falls dies nicht durch steigende Niederschlagsmengen kompensiert wird. Dadurch ist im langjährigen Durchschnitt die Bodenfeuchte in weiten Teilen Deutschlands besonders im Sommer zurückgegangen.“

Mehr Hitze, mehr Swimmingpools

Zudem würden in Ballungszentren die Bevölkerungzahlen steigen, es gebe mehr Swimmingpools und der Garten werde häufiger bewässert als früher. „Das führt dazu, dass irgendwann der Druck in den Leitungen nachlässt und mancherorts nichts mehr aus dem Hahn kommt“, sagt Hattermann.

Ein Problem, das auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) erkennt. Dessen Hauptgeschäftsführer für Wasser/Abwasser Martin Weyand sieht den Fall in Lauenau zwar nicht als flächendeckendes Phänomen - doch die Wassernutzung im Sommer stelle durchaus ein Problem dar.

„Die Menschen bewässern ihren Garten, duschen häufiger und immer mehr Haushalte besitzen Pools, die mit mehreren Tausend Litern Wasser befüllt werden. So umfasst ein durchschnittlicher Aufstellpool von 3,66 Metern Durchmesser ein Volumen von 6500 Litern. Dies entspricht dem 52-fachen des Tagesbedarfs einer Person“, sagt Weyand gegenüber dem RND. “Das kann die Systeme überfordern, deren Pumpleistung, Aufbereitungs- oder Leitungs- und Hochbehälterkapazitäten auf einen niedrigeren Bedarf zugeschnitten sind.“

Mehr Speicher für schlechte Zeiten

Um all das zu bewältigen, müsse laut Hattermann gegengesteuert werden. Als Beispiel nennt der Klimafolgenforscher etwa die Speicherhaltung der Wasserversorger. Hier seien größere Puffer wichtig, um Wetterextreme wie etwa lang anhaltende Hitzewellen zu überbrücken.

Wie das aussehen kann, zeigt derzeit die Stadt Löhne in Ostwestfalen-Lippe (NRW). Hier soll beim Wasserbeschaffungsverband (WBV) in diesem Jahr ein neuer Hochbehälter entstehen, der die Speicherkapazität mehr als verdoppeln soll. Kosten: 3,6 Millionen Euro. Der sogenannte Brillenbehälter soll zwei Speicher mit jeweils 5000 Kubikmetern (fünf Millionen Liter) Fassungsvermögen haben. Die beiden jetzigen Hochbehälter fassen 1200 und 6000 Kubikmeter Wasser.

Löhne war in den vergangenen Jahren immer wieder in die Schlagzeilen geraten, weil an heißen Tagen Trinkwasserknappheit herrschte. Zeitweise griff man zu drastischen Maßnahmen: Wer unerlaubterweise seinen Rasen bewässerte, musste 1000 Euro Ordnungsgeld zahlen. Auch in diesem Jahr werden Bewohner wieder gebeten, Trinkwasser zu sparen – der neue Behälter ist nämlich noch nicht fertig. Wann genau dieser in Betrieb gehen soll, war am Dienstag nicht zu erfahren – die Löhner Stadtwerke waren auf Anfrage nicht erreichbar.

Vorräte statt just in time

Forscher Hattermann hält solche Investitionen für überfällig. Größere Pufferzonen empfiehlt der Forscher aber nicht nur für Wasserwerke, sondern auch für andere Branchen: „Wir erinnern uns an 2018, als Tankstellen teilweise kein Benzin mehr hatten, weil die Schiffe wegen des niedrigen Rheinpegels nicht mehr vollgeladen werden konnten. Es werden kaum noch Vorräte angelegt, weil alles just in time geliefert wird. Das muss sich langfristig ändern.“

Der Lobbyverband der Energie- und Wasserwirtschaft BDEW sieht derweil auch Politik und Landwirtschaft in der Pflicht. „Die Nitratbelastung des Grundwassers durch die Landwirtschaft hat bisher oft dazu geführt, dass man neue Brunnen bohren und alte aufgeben musste. Wir werden uns in Zukunft nicht mehr leisten können, Brunnen nicht nutzen zu können, weil sie durch Nitrateinträge der Landwirtschaft verschmutzt wurden“, meint Martin Weyand. Zudem dürften nicht mehr so viele Flächen versiegelt werden, damit „Wasser versickern und neues Grundwasser bilden kann“. „Auch der zusätzliche Ausbau von Talsperren ist mittel- bis langfristig eine mögliche Ergänzung.“

Neben den Wasserversorgern sieht Hattermann die Verantwortung bei jedem einzelnen Bürger. Das Bewusstsein müsse sich ändern hin zum Wassersparen. Und auch die Stadtplanung spiele eine große Rolle: „Ein Beispiel wäre etwa das Bewässern des Rasens. Hier könnte man durch mehr Schatten den Wasserstress senken.“

Wasserversorger warnen

Dass die Wasserversorgung, gerade an heißen Tagen, durchaus ein Problem ist, merken auch die Wasserversorger selbst. Am Dienstag mahnte der Wasserversorger Entega in Südhessen: Gerade an den heißen Sommertagen sollte man in den Spitzenverbrauchszeiten zwischen 7 und 9.30 Uhr und abends zwischen 18 und 21 Uhr keine großen Wassermengen, etwa um ein Schwimmbecken zu befüllen, abzapfen. Diese würden sich auf die ohnehin schon hohen Verbrauchswerte addieren und könnten zu Überlastungen und Druckreduzierungen der Versorgungsnetze führen.

Auch in Niedersachsen wird die Trinkwasserversorgung zusehends schwierig, wie ein Sprecher des Wasserverbandes Bersenbrück im Westen Niedersachsens mitteilte: „Die Wasserwerke laufen am Anschlag.“ Deshalb ist dort das Rasensprengen, das Befüllen privater Pools und das Bewässern von Golfplätzen Ende vergangener Woche verboten worden. „Wenn sich die Menschen daran halten, wird es funktionieren.“

„Trinkwasserversorgung gesichert“

Zugleich betonen aber alle Wasserversorger, dass die Trinkwasserversorgung gesichert sei. Und das bestreitet auch Forscher Hattermann nicht. Trinkwasser gebe es in Deutschland auch mit dem Klimawandel zur Genüge, sagt er. Das Problem sei die Infrastruktur. Die sei schon jetzt nicht mehr auf dem Stand der Zeit. „Und in Zukunft wohl erst recht nicht.“

Auch im niedersächsischen Lauenau soll sich etwas ändern. Schon seit 2017 läuft hier ein Verfahren, damit Lauenau einen ehemaligen Trinkwasserbrunnen im Deister nutzen kann, berichtet der NDR. Noch in dieser Woche soll der Brunnen genehmigt werden. Das Wasser könnte helfen, aktuell die Not zu lindern. Ein noch größeres Projekt ist ein neuer Trinkwasserbrunnen in der Gemeinde Meinsen. Das brauche allerdings noch Zeit, mindestens fünf Jahre. Bis dahin müssen sich die Bürger wohl mit ihrem Wasserproblem arrangieren.

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