Trotz weniger Spieler: Taschenmonster begeistern weiter

hzWas blieb vom Hype um Pokémon Go?

Spontane Menschentrauben im öffentlichen Raum, große Gruppen von Leuten, die gebannt auf ihre Smartphones starren, wenn sie zusammen durch die Straßen ziehen. Das waren alltägliche Szenen des Sommers 2016. Ausgelöst wurde das durch die virtuelle Handy-Monsterjagd „Pokémon Go“. Was ist fast zwei Jahre später vom mobilen Spiel-Hit geblieben?

Wenn man Denis, Julien und Janis aus Dortmund gegenüber behauptet, der „Pokémon-Hype“ sei doch vorüber, dann holen sie ihre Handys heraus und grinsen: „Von wegen!“ Die Redaktion traf die Dortmunder Spieler auf dem „Community-Tag“ am 19. Mai, einem weltweit beliebten Event im Spiel, zu dem der Spieleentwickler Niantic Labs jeden Monat einlädt. Zwischen 11 und 14 Uhr zogen Hunderte in kleinen Grüppchen rund um die Reinoldikirche, aber auch im Westpark, in Hörde und im Rombergpark los.

Besonderer Reiz: „Die Figur Glumanda konnte in zwei Entwicklungsschritten in einen schwarzen Glurak verwandelt werden, den es sonst nur in Rot-orange gibt“, erklärt Janis Finke (23), die an der TU Dortmund Mathe und Kunst auf Lehramt studiert. Was für nicht Eingeweihte wie Fachchinesisch klingt, lässt die Augen der Szenefans leuchten.

Janis gehört mit Julien Paarmann (24) und Denis Schaumann (36) zu den aktivsten Mitgliedern der Dortmunder Szene, sie betreuen Internetanwendungen mit Rankings und Foren zum Austausch unter den Fans. Von „Pokémon-Müdigkeit“ gibt’s zumindest in Dortmund keine Spur.

Trotz weniger Spieler: Taschenmonster begeistern weiter

Hype vorbei? Nicht für die Dortmunder Pokémon Go-Spieler aus Dortmund. © Schaper

Doch was fasziniert einen 24-Jährigen, der Wirtschaftsinformatik studiert hat, an niedlichen Comicfiguren, die man auf dem Smartphone jagen kann? „Ich hab‘ Pokémon schon als Kind auf dem Gameboy gespielt“, erzählt der Blondschopf mit den blitzenden Augen. „Und als es die Handy-App gab, bin ich sofort umgestiegen. Mich begeistert es zu sehen, wie viele unterschiedliche Menschen von dem Spiel angezogen werden, das geht durch alle Altersklassen und gesellschaftlichen Schichten.“

Auch Janis freut diese Mischung, und Denis bringt es auf den Punkt: „Jagen und Sammeln, das liegt dem Menschen einfach in den Genen.“

Zahl der Spieler hat sich deutlich verringert

Die knuffigen kleinen Spielemonster mit so klangvollen Namen wie „Glumanda“ oder „Bisasam“ sind also nicht völlig verschwunden. Nur die Zahl der Spieler hat sich in den vergangenen zwei Jahren merklich verringert, wie der Kölner Software-Entwickler Georg Wolf erklärt.

Die plötzlich große Popularität von „Pokémon Go“ habe gleichwohl auch Leute für das Spiel begeistert, die eher Gelegenheitsspieler sind. „Viele davon haben den Hype mitgemacht und gespielt, jetzt sind es hauptsächlich die Core-Gamer, die noch spielen“, so Georg Wolf. Core-Gamer, das meint Menschen, die sich gerne mal länger in ein Computerspiel verbeißen.

Trotz weniger Spieler: Taschenmonster begeistern weiter

Regelmäßig treffen sich in der Dortmunder Innenstadt hunderten Fans, hier zum "Community-Tag" am 19. Mai, um gemeinsam „Pokémon Go“ zu spielen. © Schaper

Aus Einzelspielern wurden Gemeinschaften

Auch abseits besonderer Events hat sich das Spiel merklich verändert. Entscheidend war die Überarbeitung des Arenasystems im Juni 2017, welche den Fokus des Spiels verstärkt auf die Zusammenarbeit der Spieler legte. Seitdem erscheinen sogenannte Raidbosse auf den Arenen der Spielkarte, die es in einem festgelegten Zeitfenster zu besiegen gilt. Als Belohnung dürfen sie danach gefangen werden. Zusätzlich gibt es für den Sieg besonders nützliche Gegenstände als Bonus.

Als Einzelspieler hat man hier nur sehr bedingt Erfolg. Besser spielt es sich in der Gruppe. „Am Anfang war das für jeden komisch. Man hat sich kurz gegrüßt und ist direkt nach dem Raid wieder weg“, erzählt Markus Tessmer aus Castrop-Rauxel. „Beim nächsten Mal gab man sich schon die Hand und beim nächsten Treffen blieb man nach dem Raid noch zum Quatschen.“

So wurden aus vielen Einzelspielern und kleineren Gruppen mit eher losem Kontakt eine Gemeinschaft. „Heute kennt die Kerngruppe sich richtig gut. Auch außerhalb des Spiels treffen wir uns gelegentlich.“ Organisiert ist die Castrop-Rauxeler Gruppe, wie viele lokale Pokémon-Communitys in Deutschland und auf der ganzen Welt, unter anderem über Gruppen des Nachrichtendienstes Whatsapp. Beim Treffen zum gemeinsamen Spiel mit der Redaktion kamen rund 20 Spieler zum Raid an der Lambertuskirche in der Castrop-Rauxeler Innenstadt. Die gesamte Gruppe umfasst rund 150 Spieler.

Trotz weniger Spieler: Taschenmonster begeistern weiter

Die Spieler von Team Instinkt in Castrop-Rauxel tragen ihre Farben nicht nur in der App Pokémon Go, sondern haben auch ein einheitliches Outfit. Viele von ihnen sind schon lange auf dem höchsten Spielerlevel 40 und gehören zur sogenannten Core-Szene des Spiels. © Privat

Kooperation und Konkurenz

Neben der Kooperation gibt es unter den Pokémon-Trainern – die je in einem von drei Teams mit unterschiedlicher Farbe sind – auch Konkurrenz. Das Team, welches die Arenafarbe zum Zeitpunkt eines Raids hält, bekommt einen Bonus beim späteren Fangen des Raidbosses und auch mehr Belohnungen.

Gibt es auch mal Streitigkeiten unter den Spielern? „Natürlich fallen in der Hitze des Gefechtes auch schon mal ein paar böse Worte“, sagt Tessmer. Weiter sei es in Castrop-Rauxel aber noch nie gegangen. „Dann herrscht mal ein paar Tage Funkstille zwischen den Streithähnen und danach rauft man sich wieder zusammen. Es ist ein Spiel und das bleibt es auch.“

Auch mit den Anwohnern, die sich ein ums andere Mal über die spontanen Gruppenbildungen an Arenastandorten wundern – weil sie die Karte des Spiels nicht sehen können – habe man in Castrop-Rauxel ein gutes Verhältnis. „Am Anfang kamen da ein paar komische Blicke. Nach zwei Monaten begrüßte man uns grinsend mit den Worten ‚Na, ist wieder ein Raid?‘“, sagt Christian Schwickerath alias „Kicka79“, der zu den aktivsten Spielern in Castrop-Rauxel gehört.

„Ich habe durch dieses Spiel Freunde in Dorsten gefunden“

Zu den Core-Gamern von Pokémon-Go gehören auch die Dorstener Aleksandar, Benjamin, Ronja und Elke. Sie haben sich in der Dorstener WhatsApp-Gruppe für Pokémon-Spieler kennengelernt, die derzeit 126 Mitglieder hat. „Und wir sind alle unterschiedlich. Es sind ganze Familien dabei und ganz verschiedene Altersgruppen“, erzählt Ronja, die aus einer „Kindheitsnostalgie“ heraus „Pokémon Go“ heruntergeladen hat. „Aber jetzt spiele ich eigentlich jeden Tag. Nur aus Spaß. Man bewegt sich und trifft viele Leute.“ Auch Elke ist ein richtiger Fan des Spiels. Sie ist mit 58 Jahren eine der ältesten Mitglieder der Gruppe. „Durch meine Enkeltochter bin ich drauf gekommen und jetzt bin ich extremer als sie“, sagt sie lachend.

„Ich habe durch dieses Spiel Freunde in Dorsten gefunden“, erzählt Benjamin. Der junge Mann ist mit 17 Jahren aus Gelsenkirchen nach Dorsten gezogen, pendelte aber immer wieder zu seinen Freunden dort. „Jetzt fahr ich kaum noch.“ Denn er kennt jetzt eine ganze Reihe Menschen in Dorsten. „Man trifft immer jemanden in der Stadt“, sagt Ronja und grüßt just in dem Moment wieder zwei Bekannte. Aus manchen Spielern sind echte Freunde geworden. „Wir treffen uns auch so, gehen zusammen frühstücken oder Eis essen“, erzählt Ronja. „Und im letzten Jahr haben wir als Gruppe gemeinsam auf Maria Lindenhof gegrillt.“

Trotz weniger Spieler: Taschenmonster begeistern weiter

Aleksandar, Benjamin, Ronja und Elke aus Dorsten jagen nicht nur gemeinsam Pokémon. Sie sind im Laufe des letzten Jahres zu Freunden geworden. © Jennifer Riediger

An manchen Orten war nach dem Hype Schluss

Zum Ende des großen Hypes im Sommer 2016 verschwanden die sogenannten „Smombies“ an einigen Orten aber auch wieder. In Selm, Werne und Südlohn etwa gibt es nur noch wenige Pokémon Go Spieler. „Ich hab’s noch auf dem Handy, allerdings habe ich das ewig nicht mehr gespielt“, schreibt Elena Raupach aus Südlohn auf eine Facebookanfrage der Münsterland Zeitung.

Aber sie erinnert sich: „Vor zwei Jahren waren hier auch dauernd Kinder unterwegs mit ihren Handys und haben gespielt.“ Gemeint ist der Ortskern von Südlohn rund um die Kirche bis zum Kriegerehrenmal. Auch Sara Beukert weiß noch, dass vor der Volksbank immer viele Spieler unterwegs waren. „Ob jetzt noch welche aktiv sind, weiß ich nicht. Glaube, dafür sind zu wenig tolle Pokémon in Südlohn gewesen. Würde eher sagen, der Hype ist vorbei. War aber ein toller Sommer damals.“

Auch in Werne hat das Spiel längst an Popularität verloren. Während vor zwei Jahren noch jeder wusste, was los war, wenn Menschen zombiehaft auf ihr Smartphone starrten und scheinbar ziellos über den Marktplatz irrten, irritiert dieses Verhalten heute, wie RN-Mitarbeiterin Anna Leonie Kaiser erlebt. Sie hat sich erneut auf die Suche nach den kleinen Monstern und Spielern gemacht: „Haben Sie sich verlaufen?“, fragt eine ältere Dame, während sie gerade ein „Quiekel“ bändigt, dass aussieht, wie eine Kreuzung aus einer Wassermelone und einem Wildschwein. Auf die Erklärung „Ich jage Pokémon“, erntet sie nur Kopfschütteln.

Der Hype ist vorbei, das Spiel lebt weiter

Ausgestorben ist Pokémon Go also nicht. Die Basis der Spieler ist zwar deutlich kleiner als vor zwei Jahren, aber sie ist auch enger zusammengewachsen und besser organisiert.

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Viele Spieler jagen immer noch begeistert Pokémon

04.06.2018
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Regelmäßig treffen sich in der Dortmunder Innenstadt hunderten Fans, hier zum "Community-Tag" am 19. Mai, um gemeinsam „Pokémon Go“ zu spielen.© © Schaper
Regelmäßig treffen sich in der Dortmunder Innenstadt hunderten Fans, hier zum "Community-Tag" am 19. Mai, um gemeinsam „Pokémon Go“ zu spielen.© © Schaper
Regelmäßig treffen sich in der Dortmunder Innenstadt hunderten Fans, hier zum "Community-Tag" am 19. Mai, um gemeinsam „Pokémon Go“ zu spielen.© © Schaper
Regelmäßig treffen sich in der Dortmunder Innenstadt hunderten Fans, hier zum "Community-Tag" am 19. Mai, um gemeinsam „Pokémon Go“ zu spielen.© © Schaper
„Ich hab‘ Pokémon schon als Kind auf dem Gameboy gespielt“, erzählt Julien Paarman. „Und als es die Handy-App gab, bin ich sofort umgestiegen. Mich begeistert es zu sehen, wie viele unterschiedliche Menschen von dem Spiel angezogen werden, das geht durch alle Altersklassen und gesellschaftlichen Schichten.“© © Schaper
Außerhalb von Events treffen sich die Spieler bei sogenannten „Raid-Kämpfen“, um gemeinsam gegen ein starkes Pokémon zu kämpfen. Hier am Steinem-Platz in Schwerte.© Jessica Will


Die Spieler von Team Instinkt in Castrop-Rauxel tragen ihre Farben nicht nur in der App Pokémon Go, sondern haben auch ein einheitliches Outfit. Viele von ihnen sind schon lange auf dem höchsten Spielerlevel 40 und gehören zur sogenannten Core-Szene des Spiels.© Privat
Aleksandar, Benjamin, Ronja und Elke aus Dorsten jagen nicht nur gemeinsam Pokémon. Sie sind im Laufe des letzten Jahres zu Freunden geworden.© Foto: Jennifer Riediger

Und obwohl der Pokémon Go-Entwickler Niantic Labs bereits an weiteren namenhaften Lizenz-Spielen arbeitet, um den Hype von 2016 zu wiederholen (in den Startlöchern stehen zum Beispiel Jurassic World-, Harry-Potter- oder Ghostbusters-Spiele mit Augmented-Reality-Technik), sollen die verbliebenen Spieler des Originals weiterhin mit Inhalten und Veranstaltungen bei Laune gehalten werden.

So wird am 30. Juni und 1. Juli die „Pokémon Go Safari Zone“ in Dortmund in Kooperation mit der Stadt stattfinden. Hauptschauplatz soll der Westfalenpark sein. Zu dem im März angekündigen Event erwarten die Veranstalter bis zu 100.000 Spieler.

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