Wenig Abstand, keine Maske: Vergessen wir das Ansteckungsrisiko durch Corona?

Coronavirus

Die Corona-Krise zeigt, wie verwundbar unsere Gesellschaft ist: Wieso wir trotz der Gefahr durch Corona lieber in alte Muster zurückfallen, erklärt Risikoforscher Ortwin Renn im Interview.

von Saskia Bücker

, 19.07.2020, 10:32 Uhr / Lesedauer: 3 min
Abstand zueinander: Ob die neue Normalität Teil der Krise bleibt oder langfristig unser Sozialverhalten verändert, wird sich noch zeigen.

Abstand zueinander: Ob die neue Normalität Teil der Krise bleibt oder langfristig unser Sozialverhalten verändert, wird sich noch zeigen. © picture alliance/dpa

Herr Renn, wir reagieren seit Ende des Lockdowns emotional ganz unterschiedlich auf die Corona-Krise. Manch einer schließt sich panisch zuhause ein. Andere spielen die Gefahr herunter. Und es gibt Menschen, die so tun, als gäbe es das Virus gar nicht. Wie erklären Sie sich das als Soziologe?

Es gibt drei Muster, die ihren Ursprung in der Evolution haben und noch heute tief im menschlichen Verhalten verankert sind. Kommt ein Löwe auf Sie zu, können Sie sich völlig stillhalten, sozusagen einfrieren, damit Sie der Löwe erst gar nicht erst bemerkt. Das ist der Totstell-Reflex. Sie können auch versuchen, schneller zu sein als der Löwe. Das ist der Flucht-Reflex. Oder Sie können versuchen, es mit dem Löwen aufzunehmen, das ist der Kampf-Reflex.

Kann ich denn bewusst steuern, welchem Typus ich mit meinen Verhaltensweisen entspreche?

Jeder von uns trägt eine gewisse Dominanz eines dieser Muster in sich, abhängig von Genetik, Erziehung und Erfahrung. Das zeigt sich auch jetzt in der Coronavirus-Pandemie. Aber sicherlich sind wir als Menschen einsichtsfähig. Allein das Bewusstsein über diese Muster schafft die Möglichkeit, über den ersten Impuls, beispielsweise das Tragen einer Maske abzuwerten, hinwegzusehen und sich selbst zu korrigieren.

Wir werden nachlässiger, überschreiten häufiger Abstandsregeln, treffen uns wieder in Gruppen. Gleichzeitig warnen Forscher vor neuen größeren Ausbrüchen, das Virus könne jederzeit überall auftauchen. Ringt unsere Gesellschaft mit der “neuen Normalität”?

Das Gefühl der Normalität richtet sich immer danach, inwieweit man die Situation als erwartbar einschätzt, wir uns also mehr und mehr an das Leben mit dem Virus gewöhnt haben. Wenn sich der Referenzrahmen der Normalität verändert, wird das Muster des Totstellreflexes bei vielen viel stärker aktiviert.

Es wird dann wieder an die alltäglichen Routinen angeknüpft. Es kann aber durchaus sein, dass sich nach dem Erleben einer zweiten oder dritten Welle das Bewusstsein einstellen könnte, Corona gehört jetzt dauerhaft zum Leben.

Die Bundesregierung hat immer mehr der strikten Regelungen aufgehoben. Spüren wir als Einzelperson jetzt verstärkt die Last der Verantwortung, sich in dieser Krise richtig zu verhalten?

Am Anfang gab es kaum Widerspruch zu dem, was die Regierung durchgesetzt hat. Wenn eine neue Bedrohung kommt, scharrt sich die Gesellschaft erst einmal um Personen, denen sie vertraut und Kompetenz zuspricht. Inzwischen sind wir in einer Phase, in der es mehr auf das Ausbalancieren ankommt.

Es geht zum Beispiel um Abwägungen zwischen wirtschaftlichen Auswirkungen und Infektionsschutz. Die Pluralität ist wieder da. Damit zerfällt der Grundkonsens und wird durch eine Debatte ersetzt darüber, was in der aktuellen Situation angemessen erscheint.

Besteht die Gefahr, dass wir die Bedrohung durch das Virus vergessen und antrainierte Verhaltensweisen ablegen?

Wir werden zunehmend vertrauter mit der Situation. Wer sich in den letzten Monaten nicht angesteckt hat, könnte jetzt denken: Dann komme ich auch weiter gut durch die Krise, mir passiert schon nichts.

Da haben wir dann wieder den Totstell-Reflex. Je länger die Krise hier in Deutschland auf unterschwelligem Niveau so weiterläuft, wird sich mehr und mehr die Haltung durchsetzen: Es kann wieder so normal wie früher weitergehen. Obwohl das Risiko weiterhin besteht, dass gerade in Innenräumen, wo mehrere Leute zusammen eng beieinander sind, ein neuer Ausbruch stattfindet.

Können Sie sich vorstellen, dass wir irgendwann ganz selbstverständlich und automatisch Abstand zueinander halten?

Das erste Szenario ist, dass nach den Höhepunkten in einzelnen Ländern die Bedrohung durch das Virus zurückgeht und sich auf niederschwelligem Niveau weiter verbreitet. Dann kommen ein Impfstoff und Medikamente. Wenn das so kommt, glaube ich, dass die Regeln weiter aufgeweicht werden.

Das zweite Szenario ist die zweite Welle. Sollte es dazu kommen, bin ich persönlich davon überzeugt, dass verschärfte Maßnahmen auch erneut von breiten Teilen der Gesellschaft akzeptiert würden. Ein lokaler Lockdown würde unter diesen Bedingungen sicherlich eingehalten – selbst mit den wirtschaftlichen Implikationen.

Sollte es danach eine dritte Welle geben, ist zu erwarten, dass die Menschen wieder mehr und mehr zur Normalität zurückkehren. Bestimmte jahrzehntelange Routinen werden sich auf lange Sicht immer wieder durchsetzen, etwa die Umarmung unter Freunden.

Die Umarmung lässt sich also nicht so einfach abtrainieren?

Ausnahmezustände funktionieren nicht auf Dauer. Denkbar ist zwar, dass es in Zukunft weniger Flug- und Geschäftsreisen gibt, weil wir in der Krise Alternativen kennengelernt haben, die funktional und vom Lebensgefühl her als vorteilhaft erlebt wurden. Homeoffice wird sich sehr viel stärker durchsetzen.

Das sind Routinen der Vergangenheit, aber keine grundsätzlichen, essentiellen Verhaltensweisen, die zur Grammatik unserer Gesellschaft gehören – wie das Händeschütteln und Umarmen beispielsweise. Über Jahrzehnte gewachsene Verhaltensmuster lassen sich nur sehr schwer ändern. Das ist so tief verankert, da wird sich der Ellenbogen-Gruß auf lange Sicht nicht in der Breite durchsetzen.

Bemerken Sie denn Verhaltensweisen, die durch die Krise das Bewusstsein in unserer Gesellschaft auf lange Sicht verändern könnten?

Wir erleben gerade, dass wir global verwundbarer sind als angenommen. Wir dachten, unsere Systeme sind so widerstandsfähig, dass wir alle Probleme schon erfolgreich in den Griff bekommen. Aber das Gefühl der Unverwundbarkeit ist weg. Im positiven Sinne könnten Menschen aus dieser Erfahrung lernen, mehr Verantwortung zu übernehmen, gerade mit Blick auf weitere Bedrohungen wie den Klimawandel.

Mit solchen Einschätzungen muss man aber auch vorsichtig sein. Aus früheren Krisen wissen wir, dass viele Menschen in der Krise sagen, sie werden ihr Verhalten ändern. Nachher tun sie es dann aber doch nicht. Es werden also nicht plötzlich alle in Askese leben wollen. Aber bei der Konfrontation mit Leben und Tod entsteht auch ein Bewusstsein und ein Verständnis für die Endlichkeit von Ressourcen.

RND

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