Wie die Kommunen mit dem Thema Glyphosat umgehen

hzPestizid-Einsatz

Grünpflege ohne Glyphosat? In vielen NRW-Kommunen ist das längst die Regel. Doch nicht auf alle städtischen Flächen hat die Stadtverwaltung Einfluss.

NRW

, 28.05.2019, 10:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Viele Kommunen in NRW setzen seit Jahren auf komplett pestizidfreie Unkrautbekämpfung. In Münster zum Beispiel funktioniert es laut eigener Aussage seit 1989. Auch Witten nutzt seit einigen Jahren alternative Methoden zur Pflege der städtischen Grünflächen. In den Städten kommen Wildkräuterbürsten oder heißer Wasserdampf zum Einsatz. Für kommunale Straßen und alle Flächen, die nicht gärtnerisch, land- oder forstwirtschaftlich genutzt werden, gilt seit 2014 ein Erlass des NRW-Umweltministeriums, der den Gebrauch von Glyphosat untersagt. „Aus Vorsorgegründen“ werden für den Wirkstoff keine Genehmigungen mehr erteilt.

Kommunen verpachten viele Flächen

Anders sieht es auf städtischen Flächen aus, die verpachtet werden - an Landwirte oder Privatleute. Darauf haben weder Kommune noch Landesbehörden Einfluss. „Die Kommunen sind oft in erheblichem Umfang Eigentümer von Wiesen, Weiden und Ackerflächen“, sagt Ralf Bilke, Agrarreferent vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in NRW. Der Landesverband hat in den vergangenen zwei Jahren im Rahmen der Kampagne „Pestizidfreie Kommunen“ über 60 Kommunen angeschrieben und nach dem Einsatz von Pestiziden und Herbiziden im städtischen Grün nachgefragt. Auch nach den Regelungen zu Unkrautvertilgern in den Pachtverträgen wurden die Städte befragt. Ergebnis: Von den 53 Kommunen, die bisher geantwortet haben, verpachten 72 Prozent ihre landwirtschaftlichen Flächen ohne Auflagen beim Pestizid-Einsatz. „Verpachtete Flächen werden von den Städten häufig wie eine reine Immobilie betrachtet“, sagt Ralf Bilke. Dort aber auch ein Glyphosat-Verbot auszusprechen, mache Sinn, so Bilke, weil die Flächengröße die des öffentlichen Grüns oft um ein Vielfaches übersteige.

Politik untätig

„Man muss nur Landwirte finden, die bereit sind, zu diesen Auflagen noch zu pachten“, sagt Bernhard Rüb von der Landwirtschaftskammer NRW. Die Kammer bekomme jede Woche Anfragen zu diesem Thema, so Rüb.

„Von der Politik kommt trotz vieler Ankündigungen nichts“, kritisiert Ralf Bilke. Die Ministerien seien noch in der Abstimmung, heißt es seit Monaten. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Kommunen vorangehen.“

Im Koalitionsvertrag hatte sich die Bundesregierung darauf geeinigt, die Anwendung glyphosathaltiger Mittel grundsätzlich zu beenden, weil sie Einfluss auf die biologische Vielfalt hätten.

Für den Privatverbraucher ist es schwerer geworden, im Geschäft an glyphosathaltige Unkrautvernichter zu kommen. Viele Gartencenter und Baumärkte haben sie aus dem Programm genommen, darunter große Ketten wie Toom, Bauhaus und Hornbach. Auch das Gartencenter Augsburg mit sechs Standorten in NRW verkauft keine glyphosathaltigen Mittel mehr. Die Landwirtschaftskammer befürwortet einen Glyphosat-Verzicht im Hausgarten. „Das braucht kein Mensch“, findet Rüb. Es gebe genug Alternativen. Abflämmen des Unkrauts zum Beispiel. Auf befestigten Flächen dürfe sowieso kein Unkrautvernichter zum Einsatz kommen. In der Landwirtschaft sei das Herbizid jedoch noch ohne echte Alternative, sagt Bernhard Rüb. Außerdem sei es das am besten erforschte Pflanzenschutzmittel. Die Landwirte würden es im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben anwenden.

Gesundheitsrisiko?

Über das Gesundheitsrisiko des Mittels streiten sich die Experten. Die International Agency for Research on Cancer (IARC), ein Gremium der Weltgesundheitsorganisation, hat Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft. Behörden, die die Risiken der alltäglichen Anwendung beurteilen, wie die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) und das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) hingegen sehen kein Krebsrisiko.

  • Glyphosat ist ein sogenanntes Total-Herbizid, es tötet alle grünen Pflanzen. Wo Glyphosat ausgebracht wird, wächst kein Gras mehr - auch kein Kraut, Strauch oder Moos. Ackerflächen können so vor oder kurz nach der Aussaat und nochmals nach der Ernte unkrautfrei gemacht werden.
  • Der vom US-Konzern Monsanto entwickelte Wirkstoff Glyphosat wurde 1974 erstmals zugelassen. Im Jahr 2000 lief das Patent aus, seither werden glyphosathaltige Produkte auch von zahlreichen anderen Herstellern angeboten.
  • Verkauft werden einer Studie aus dem Jahr 2016 zufolge jährlich weltweit mehr als 800.000 Tonnen solcher Mittel, in Deutschland waren es 2016 etwa 3.800 Tonnen. Ein Rückgang, 2012 wurden noch knapp 6.000 Tonnen abgesetzt. Die Deutsche Bahn ist der größte Einzelabnehmer des Wirkstoffs in Deutschland.