Wim Wenders: TV-Serien derzeit das Spannendste

Deutscher Starregisseur

Wim Wenders hat mit Werken wie "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" und "Der Himmel über Berlin" Filmgeschichte geschrieben. Im Interview spricht der Regisseur, der am Donnerstag bei der Berlinale mit einem Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk ausgezeichnet wird, über seinen neuen Film, TV-Serien und seine Oscar-Nominierung.

BERLIN

10.02.2015, 16:19 Uhr / Lesedauer: 3 min
Wim Wenders wird geehrt. Foto: Marcel Kusch

Wim Wenders wird geehrt. Foto: Marcel Kusch

Mit Spannung wird bei der Berlinale Wim Wenders' (69) neuer Film „Every Thing Will Be Fine“ mit James Franco und Charlotte Gainsbourg erwartet. Zudem widmet das Festival dem deutschen Starregisseur eine umfassende Hommage und zeichnet ihn am Donnerstag mit einem Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk aus. Im Interview sagt der 69-Jährige, was ihm die Auszeichnung bedeutet. Und verrät, dass er gern auch einmal eine Serie drehen würde.

Ein Ehrenbär für das Lebenswerk - fühlen Sie sich nicht zu jung dafür, sind Sie nicht noch mitten in der Arbeit?

Ja, stimmt. Aber ich hab' auch schon sehr früh angefangen. Fünf Spielfilme gedreht, bevor ich 30 wurde. Da ist doch einiges zusammengekommen, und von daher sollte das gestattet sein. Aber ich schiebe es von mir persönlich weg und sehe es als eine Auszeichnung für diese Filme. Die haben's hoffentlich verdient.

Bisher waren Sie eher Dauergast in Cannes als in Berlin - kommen Sie jetzt heim?

Ich bin seit über 40 Jahren fast jedes Jahr auf der Berlinale, allerdings meistens als Zuschauer. Insgesamt habe ich in all den Jahren nur drei Filme hier gezeigt, in Cannes waren es an die 20. Das lag aber vor allem daran, dass ich im Winter immer geschnitten habe und die Filme dann erst im Mai mit Ach und Krach fertig waren. Dass ich meinen neuen Film jetzt hier zeigen kann, ist wie ein Heimspiel: Er ist hier in Berlin entstanden, wir haben das Projekt seit fünf Jahren hier entwickelt. Und ich fand's gut, dass wir mit dem großen Fest der zehn Filme in der Hommage auch den neuen präsentieren.

Warum läuft er nicht im Wettbewerb?

Wie soll das gehen? Wie soll eine Jury unvoreingenommen über einen Film entscheiden, dessen Regisseur gleichzeitig einen Ehrenbären bekommt? Deshalb war es eine schöne Idee, ihn außerhalb des Wettbewerbs laufen zu lassen. Wie übrigens auch schon „Pina“ vor vier Jahren.

Sie waren skeptisch, ob er überhaupt fertig wird ... Ja, wir haben bis zum Schluss unter Hochdruck daran gearbeitet. Und - es hat geklappt!

Nach dem Tanzfilm „Pina“ ist es wieder ein 3D-Film. Warum?

Bei „Pina“ habe ich fast wie als Schock zum ersten Mal gespürt, dass 3D nicht nur für den Tanz funktioniert - das lag auf der Hand - sondern auch für die kleinen Momente, in denen nur ein Mensch, eben ein Schauspieler, vor der Kamera steht. Und dann haben wir eine schöne Geschichte gefunden, ein kleines, intimes Familiendrama, das über zwölf Jahre davon handelt, wie Menschen mit einem Trauma umgehen. Die Herausforderung (und der Zugewinn) mit 3D war dann, diese enorme Präsenz der Schauspieler vor der Kamera für das Erzählen zu nutzen.

Wenn Sie sich bei der Berlinale statt mit dieser großen Werkschau nur mit einem einzigen Film vorstellen könnten - welchen würden Sie wählen?

(lacht) Das müssen Sie mal Eltern fragen, die viele Kinder haben: sie sollen eins aussuchen und herausstellen! Das darf man niemandem zumuten. Ein bisschen ist es mit Filmen tatsächlich so wie mit Kindern: Die Sorgenkinder gehen einem näher als die, die erfolgreich rausgezogen sind in die Welt und einen nicht mehr brauchen. Ich würde wohl das Sorgenkind „Bis ans Ende der Welt“ auswählen und sagen: Ja, da ist eigentlich alles drin, was ich je erzählen wollte - nur dass es nie gesehen wurde.

Was heißt nie gesehen?

Der Film war das epischste, längste und aufwendigste Projekt in meinem Leben. Zwölf Jahre Vorbereitung, ein ganzes Jahr Drehen auf vier Kontinenten, in zehn Ländern, das ultimative Roadmovie. Am Schluss war der Film fünf Stunden lang, und niemand wollte sich drauf einlassen, ihn in dieser Länge zu zeigen, weder in einem noch in zwei oder mehreren Teilen. Ich bin dann gezwungen gewesen, ihn auf zweieinhalb Stunden runterzustutzen, bis nur noch ein trauriges Skelett übrig war. Und diese „Readers-Digest-Version“ war natürlich ein Flop. Diesen Film jetzt, nach der Restaurierung durch die Wenders-Stiftung, in meinem Directors Cut zeigen zu können, das bedeutet mir am meisten.

Sogar die Berlinale setzt inzwischen auf Serien. Was halten Sie von dem Format?

Ich finde, dass nirgendwo sonst etwas Spannenderes passiert als derzeit in den Serien. In Amerika ist das Erzählkino inzwischen komplett umgezogen aus der Filmindustrie in die Serien. Die richtig guten Leute arbeiten dort, weil sie nur da wirklich erzählen, fabulieren, sich kreativ ausleben können. Im kommerziellen Kino sind die Zügel so hart angezogen und die Rezepte so ausgekocht, dass das Abenteuer des Filmemachens verloren gegangen ist.

Also auch verlockend für Sie als Regisseur?

Ja, absolut. Ich habe auch schon ein Angebot mit ganz großen Schmerzen abgelehnt, weil ich mit „Every Thing Will Be Fine“ noch nicht fertig war. Aber das kann auf jeden Fall noch kommen. (lacht) „Bis ans Ende der Welt“ ist eigentlich auch eine Serie!

Ihre Dokumentation „Das Salz der Erde“ ist bei den Oscars nominiert. Mit welchem Gefühl fahren Sie nach Hollywood?

Ich fahre mit ruhigem Herzen. Die beiden vorigen Male, sowohl bei „Buena Vista Social Club“ wie auch bei „Pina“, hat jeder gesagt: Das gewinnst du, du bist Favorit, was soll anderes passieren? Und weil das erstens anders kam und zweitens als man dachte, mache ich es jetzt umgekehrt. Ich habe nicht die geringste Erwartung. Ich fahre dahin, freue mich des Lebens und weiß jetzt schon: Wir werden da nicht gewinnen.

von dpa

Wim Wenders, 1945 in Düsseldorf geboren, gilt als einer der wichtigsten und innovativsten deutschen Filmemacher. Mit Werken wie „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ gehörte er in den 70er-Jahren zu den Vorreitern des „Neuen Deutschen Films“. Weitere herausragende Arbeiten waren „Der amerikanische Freund“ (1977), „Paris, Texas“ (1984) und „Der Himmel über Berlin“ (1987). Wenders hat zahlreiche Preise erhalten. Drei Mal wurde er für einen Oscar nominiert.

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