Zuschauer fühlen sich wie auf der „Titanic“

Theater Mülheim

Mittendrin statt nur dabei sitzen die Theaterzuschauer beim Stück „Untergang der Titanic“ im Mülheimer Theater an der Ruhr. Willkommen in einem aufregenden Chaos.

23.09.2019, 14:13 Uhr / Lesedauer: 1 min
Zuschauer fühlen sich wie auf der „Titanic“

Die Titanic-Crew wirkt in der Inszenierung in Mülheim reichlich missmutig. © Franziska Götzen

Von Klaus Stübler

Mülheim. Was war da los bei der Premiere von Hans Magnus Enzensbergers „Untergang der Titanic“ am Donnerstag (19.9.2019), als das Publikum die Bühne verlassen musste und anschließend nur die Hälfte wieder zurück aufs sinkende Schiff durfte? Es gab tatsächlich Probleme mit der Drehbühne, wie Dramaturg Sven Schlötcke behauptete. Obwohl die Aktion auch ein willkommenes Identifikations- und Verunsicherungsmoment zu Philipp Preuss‘ Inszenierung hätte sein können.

Auch Utopien enden hier

Denn die Zuschauer sind bei dem Regisseur, der seit dieser Spielzeit in Mülheim zum künstlerischen Leitungsteam gehört, auf häufig rotierender Drehbühne mitten im Geschehen.

Preuss verlebendigt Enzensbergers assoziationsreiches Versepos, das nicht nur den Eisberg-Crash des berühmten Luxusdampfers im Jahr 1912, sondern auch vom Dichter selbst erlebte Utopie-Untergänge in Kuba und Berlin verhandelt – und zwar durch zehn mit Megaphon oder Headset ausgestattete, einzeln und chorisch sprechende Schauspieler.

Schauspieler tragen fantasievolle Party-Outfits

Die fantasievollen Kostüme von Eva Karobath machen dabei verschiedene Zeitebenen deutlich. Da ist etwa Simone Thoma in roter Robe als ehrwürdiger Dante, der in seiner „Göttlichen Komödie“ zum Augenzeugen von Hölle und Chaos wurde, oder Petra von der Beek als Malerin einer mittelalterlichen Apokalypse.

Fabio Menéndez tritt als Che Guevara auf. Rupert Seidl und Günther Harder verkörpern Enzensberger selbst als Möchtegern-Stand-up-Comedians. An Bord der Titanic leugnet derweil die erste Klasse in schillerndem Party-Outfit zynisch jedwede Katastrophen oder wertet sie als Grundvoraussetzung für Evolution. Bis am Ende keiner mehr übrig ist. Ein praller, denkwürdiger Abend.

Karten unter Tel. (0208) 599 01 88.