Wieso Nordkirchen, Olfen und Selm für ein Endlager in Frage kommen

hzRadioaktiver Abfall

Gut die Hälfte der Fläche der Bundesrepublik Deutschland ist grundsätzlich für die endgültige Lagerung von Atommüll geeignet. Nordkirchen, Olfen und Teile Selms zählen dazu. Wie geht es nun weiter?

Nordkirchen, Olfen, Selm

, 01.10.2020, 11:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) hat Deutschland aufgeschreckt: Der „Zwischenbericht Teilgebiete“ listet insgesamt 90 Regionen in Deutschland auf, die für ein mögliches Atommüll-Endlager in Frage kommen. Zu diesen Teilgebieten gehört auch das südliche Münsterland.

Unter „Teilgebieten“ versteht man laut BGE „Gebiete, die günstige geologische Voraussetzungen für die sichere Endlagerung hochradioaktiver Abfälle erwarten lassen“. Wirft man einen Blick auf die Deutschlandkarte, so wird klar, dass auch Nordkirchen und Olfen sowie Teile von Selm zu den Teilgebieten gehören.

Mit der „weißen Landkarte“ fing es an

Um zu verstehen, warum das südliche Münsterland - und eben halb Deutschland - als grundsätzlich für ein Endlager geeignet eingestuft werden, muss man die Vorgehensweise der BGE zugrunde legen: Die Wissenschaftler gingen zunächst von einer „weißen Landkarte“ aus: „Kein Standort wurde von vornherein ausgeschlossen oder bevorzugt behandelt“, betont die Gesellschaft in einem Erklärvideo. Anschließend sammelte die BGE geologische Daten von Bundes- und Landesbehörden. Dazu zählen zum Beispiel der Geologische Dienst NRW oder auch die Bezirksregierungen, die als Bergaufsicht zum Beispiel für Steinkohlebergwerke zuständig sind.

Dass die Geologie der erste Ausgangspunkt für eine Betrachtung möglicher Standorte ist, hat mit den Anforderungen an das künftige Endlager zu tun: „Die wärmeentwickelnden Abfälle müssen in einer Tiefe unterhalb von 300 Metern derart eingelagert werden, dass Sicherheit nach heutiger Bewertung für eine Million Jahre gegeben ist“, erläutert die BGE. Für die Lagerung selbst müsse zusätzlich eine mindestens 100 Meter starke Schicht aus Salz- oder Tongestein vorliegen und das Endlager für hochradioaktive Abfälle umgeben können.

Bergwerke kommen dank Asse nicht in Frage

Während in der Vergangenheit immer wieder stillgelegte Bergwerke als Endlagerstätten in Gespräch gebracht worden waren, ist man dank eines berühmten Fehlschlags hier einen Schritt weiter: Das Salzbergwerk Asse, circa 25 Kilometer südöstlich von Braunschweig in Niedersachsen gelegen, diente seit den 1960er-Jahren als Lager für schwach- bis mittelstarke radioaktive Abfälle. Über die Jahre drang immer mehr Wasser in die Schächte und Stollen ein, sodass 2010 die Rückholung der Abfälle beschlossen wurde. Aufgrund dieser Erfahrungen gelten Bergwerke nicht länger als geeignet - was zum Beispiel dazu führt, dass das Ruhrgebiet komplett als Endlagerstandort ausscheidet.

Anders ist es eben im Münsterland: Wie die BGE aus den ihr zur Verfügung gestellten Daten ermittelt hat, herrscht hier eine ausreichende Schicht von „prätertiärem Tongestein“ vor. „Tongesteine weisen als potentielles Wirtsgestein für die Endlagerung radioaktiver Abfälle eine Reihe von günstigen Eigenschaften auf, die im Wesentlichen auf die fein- bzw. feinstkörnige Textur der Tongesteine sowie auf deren mineralogische Zusammensetzung zurückzuführen sind“, heißt es dazu im Zwischenbericht der BGE.

Wie dieser Ausschnit der Karte der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) zeigt, kommen weite Teile des südlichen Münsterlandes (farblich markiert) aufgrund der geologischen Beschaffenheit für ein Endlager grundsätzlich in Frage. Doch viele weitere Faktoren spielen eine Rolle - zum Beispiel die Öffentlichkeitsbeteiligung, die im Oktober startet.

Wie dieser Ausschnit der Karte der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) zeigt, kommen weite Teile des südlichen Münsterlandes (farblich markiert) aufgrund der geologischen Beschaffenheit für ein Endlager grundsätzlich in Frage. Doch viele weitere Faktoren spielen eine Rolle - zum Beispiel die Öffentlichkeitsbeteiligung, die im Oktober startet. © BGE mbH

Besonders hervorzuheben seien hier die geringe Durchlässigkeit gegenüber Gasen und Flüssigkeiten und das hohe Rückhaltevermögen langzeitsicherheitsrelevanter Radionuklide: „Tongesteine eignen sich daher als langfristige geologische Barriere.“

Allerdings erwähnt der Bericht auch Nachteile: „Zu den weniger günstigen Eigenschaften von Tongestein als potentiellem Wirtsgestein gehört der irreversible Verlust des Rückhaltevermögens bei zu hohen Temperaturen.“ Wie schwerwiegend diese Nachteile sind, wird die weitere Betrachtung der Teilgebiete zeigen. Denn die BGE wiederholt seit Erscheinen des Teilberichts gebetsmühlenartig, dass es sich hier nicht um eine Vorentscheidung über einen möglichen Endlager-Standort handelt: „Der Zwischenbericht Teilgebiete ist die Grundlage für die erste Phase der formalen Öffentlichkeitsbeteiligung zu einem Zeitpunkt, zu dem noch keine Fakten geschaffen sind.“

Jeder kann an der Fachkonferenz Teilgebiete teilnehmen

Die erwähnte Öffentlichkeitsbeteiligung ist dabei ein wichtiger Punkt. Die BGE betont, dass ihr Transparenz und die Einbindung aller Bürgerinnen und Bürger wichtig sind. Und so können also auch alle interessierten Nordkirchener, Olfener oder Selmer an der „Auftaktveranstaltung zur Fachkonferenz Teilgebiete“ am 17. und 18. Oktober 2020 teilnehmen. Dabei will die BGE ihre Ergebnisse so präsentieren, „dass sie auch für NIchtexpertinnen und Experten nachvollziehbar und verständlich sind“. Anschließend seien jede Bürgerin und jeder Bürger eingeladen, die Ergebnisse der BGE mbH kritisch zu hinterfragen.

Offiziell findet die Fachkonferenz Teilgebiete in Kassel statt. Aufgrund der Corona-Pandemie ist eine Teilnahme aber auch digital möglich - die Registrierung dazu erfolgt auf der Website der Konferenz. Die Konferenz besteht aus mehreren Treffen und soll bis Juni 2021 dauern. An ihrem Ende sollen konkretere Standortvorschläge stehen, deren Regionen dann oberirdisch erkundet werden. Sollen Nordkirchen, Olfen oder Selm dann immer noch in Frage kommen, käme auch die Besiedlungsdichte zum Tragen: Die BGE würde bei einer Auswahl zwischen den Standorten stets die Region wählen, die dünn oder - im Idealfall - kaum besiedelt ist. Womit ein Endlager im südlichen Münsterland spätestens dann höchst unwahrscheinlich wäre.

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